Cordula's Web. Christmas 2004. M. H. L.
Christmas 2004. Copyright © 2004, M. H. L. Gallery 1
<
>

Ich habe einen Traum

Martin Luther King, Jr.

Ansprache während des Marsches auf Washington für Arbeitsplätze und Freiheit, am 28. August 1963, Washington, D.C.

[Ich freue mich, daß ich mich diesem heutigen Ereignis anschließen kann, das in der Geschichte als größte Demonstration für Freiheit in der Geschichte unserer Nation vermerkt werden wird.]

Vor einem Jahrhundert unterschrieb ein berühmter Amerikaner, in dessen symbolischen Schatten wir heute stehen, die Freiheitsproklamation. Dieser bedeutungsvolle Erlaß kam als heller Leitstern der Hoffnung zu Millionen von Negersklaven, die in den Flammen der vernichtenden Ungerechtigkeit versengt wurden. Er kam als ein freudiger Tagesanbruch am Ende der langen Nacht der Gefangenschaft.

Aber einhundert Jahre später müssen wir uns der tragischen Tatsache stellen, daß der Neger immer noch nicht frei ist. Einhundert Jahre später ist das Leben des Negers leider immer noch von den Fesseln der Rassentrennung und den Ketten der Diskriminierung behindert. Einhundert Jahre später lebt der Neger auf einer einsamen Insel der Armut in der Mitte eines weiten Ozeans des materiellen Wohlstandes. Einhundert Jahre später vegetiert der Neger immer noch an den Rändern der amerikanischen Gesellschaft dahin und befindet sich im Exil in seinem eigenen Land. Wir sind daher heute hierher gekommen, um diesen beschämenden Zustand zu dramatisieren.

In diesem Sinn sind wir zur Hauptstadt unserer Nation gekommen, um einen Scheck einzulösen. Als die Architekten unserer Republik die grandiosen Worte der Verfassung und der Unabhängigkeitserklärung schrieben, unterzeichneten sie einen Schuldschein, dessen Erbe jeder Amerikaner sein sollte. Auf diesem Wechsel stand das Versprechen, daß allen Menschen die unveräußerlichen Rechte von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück garantiert wären.

Es ist heute offensichtlich, daß Amerika diesen Schuldschein nicht eingelöst hat und zwar in Hinsicht auf seine farbigen Bürger. Amerika hat, anstatt diese heilige Verpflichtung zu honorieren, der Neger-Bevölkerung einen ungedeckten Scheck gegeben, einen Scheck, der mit dem Stempel "ungenügende Deckung" zurückgeschickt wurde. Wir weigern uns aber, daran zu glauben, daß die Bank der Gerechtigkeit pleite ist. Wir weigern uns, daran zu glauben, daß es nicht genügend Mittel in den großen Tresorräumen der Möglichkeiten dieser Nation gibt. Wir sind daher hierher gekommen, um diesen Scheck einzulösen, einen Scheck, der uns auf Verlangen die Reichtümer der Freiheit und die Sicherheit der Gerechtigkeit gewähren wird. Wir sind auch zu diesem heiligen Ort gekommen, um Amerika an die dringlichen Forderungen der Gegenwart zu erinnern. Dies ist nicht die Zeit, sich den Luxus der Abkühlung zu gestatten oder das Beruhigungsmittel der Allmählichkeit einzunehmen. Jetzt ist die Zeit gekommen, sich aus dem dunklen und trostlosen Tal der Rassentrennung zum sonnigen Pfad der Rassengerechtigkeit zu erheben. Es ist jetzt die Zeit, die Türen zur Chancengerechtigkeit für alle Kinder Gottes aufzustoßen. Es ist jetzt die Zeit, unsere Nation von den Treibsänden der rassistischen Ungerechtigkeit zum festen Felsen der Gemeinschaft aller Menschen zu erhöhen.

Es wäre fatal für unsere Nation, die Dringlichkeit des Moments zu übersehen und die Entschlossenheit der Neger zu unterschätzen. Der heiße Sommer der berechtigten Unzufriedenheit der Neger wird nicht eh vorbeigehen, bis es einen belebenden Herbst der Freiheit und Gleichheit gibt. Neunzehnhundertdreiundsechzig ist kein Ende sondern ein Anfang. Diejenigen, die hoffen, daß der Neger nur Dampf ablassen muss und jetzt zufrieden sein wird, werden ein böses Erwachen haben, sollte die Nation jetzt zum Tagesgeschäft zurückkehren. Es wird weder Ruhe noch Frieden in Amerika geben, bis dem Neger seine Bürgerrechte gegeben werden. Die Wirbelstürme der Revolte werden weiterhin an dem Fundament unserer Nation rütteln, bin daß der helle Tag der Gerechtigkeit aufkommt.

Es gibt aber etwas, was ich meinen Brüdern sagen muss, die auf der abgenutzten Schwelle stehen, die zum Palast der Gerechtigkeit führt. Bei dem Prozess, den gerechten Platz zu erreichen, dürfen wir uns nie ungerechter Taten schuldig machen. Versuchen wir nicht, unseren Durst nach Freiheit zu stillen, indem wir vom Becher der Bitterkeit und des Hasses trinken.

Wir müssen unseren Kampf immer auf der hohen Ebene der Würde und Disziplin führen. Wir dürfen nicht zulassen, daß unser kreativer Protest in physische Gewalt degeneriert. Wieder und wieder müssen wir uns zu den majestätischen Höhen empor schwingen, wo physischer Gewalt die Macht der Seele entgegengesetzt wird. Die wunderbare neue Kampfbereitschaft, welche die Gemeinschaft der Neger nun umgibt, darf nicht zum Mißtrauen gegen alle weiße Menschen führen; denn viele unserer weißen Brüder, wie sie es heute durch ihre Anwesenheit hier zeigen, haben erkannt, daß ihr Schicksal mit unserem Schicksal verwoben, und ihre Freiheit unentwirrbar mit unserer Freiheit verbunden ist. Wir können nicht alleine marschieren.

Und indem wir marschieren, müssen wir das Bekenntnis ablegen, daß wir stets vorwärts marschieren werden. Wir können nicht umkehren. Es gibt diejenigen, die die Anhänger der Bürgerrechte fragen: "Wann werdet ihr zufrieden sein?" Wir können niemals zufrieden sein, solange unsere Körper, schwer von der Müdigkeit der Reise, keine Unterkunft in den Motels an den Autobahnen und in den Hotels der Städte finden. Wir können nicht zufrieden sein, solange die grundsätzliche Mobilität der Neger darin besteht, sich von einem kleineren Ghetto in ein größeres zu begeben. Wir können niemals zufrieden sein, solange der Neger in Mississippi kein Wahlrecht hat und der Neger in New York überzeugt ist, daß er nichts hat, das er wählen kann. Nein! Nein, wir sind nicht zufrieden, und wir werden nicht zufrieden sein, bis die Gerechtigkeit wie ein Gewässer und Rechtschaffenheit wie ein mächtiger Strom herunterquellen.

Ich bin mir dessen bewusst, daß einige von Euch hierher aus großen problematischen und widerwärtigen Situationen gekommen sind. Einige von Euch kommen gerade aus engen Gefängniszellen. Einige von Euch kommen aus Gegenden, wo Eure Suche nach Freiheit Euch den Stürmen der Verfolgung und Mißhandlung ausgesetzt hat; wo Euch die Winde der Polizeibrutatlität zum Schwanken gebracht hat. Ihr wart die Veteranen kreativen Leidens. Arbeitet weiter in dem Glauben, daß unverdientes Leiden erlösend ist.

Geht zurück nach Mississippi! Geht zurück nach Alabama! Geht zurück nach Georgia! Geht zurück nach Louisiana! Kehrt zurück zu den Slums und Ghettos unserer nördlichen Städte, wohlwissend daß die Situation irgendwie geändert werden kann und wird. Laßt uns nicht im Tal der Verzweiflung harren.

Ich sage Euch heute, meine Freunde, daß trotz aller aktuellen Schwierigkeiten und trotz allem Frust, ich immer noch einen Traum habe. Es ist ein Traum, tief verwurzelt im amerikanischen Traum.

Ich haben einen Traum, daß diese Nation sich eines Tages erheben wird und der wahren Bedeutung ihres Kredos: "wir halten diese Wahrheiten als offensichtlich, daß alle Menschen gleich geschaffen sind," gerecht wird.

Ich habe einen Traum, daß eines Tages, die Söhne von früheren Sklaven und die Söhne von früheren Sklavenbesitzern auf den roten Hügeln von Georgia sich am Tisch der Bruderschaft gemeinsam niedersetzen können.

Ich habe einen Traum, daß eines Tages sogar der Staat Mississippi, ein Wüstenstaat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung schmort, zu einer Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird.

Ich habe einen Traum, daß meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der sie nicht an der Farbe ihrer Haut, sondern am Wesen ihres Charakters beurteilt werden.

Ich habe einen Traum heute!

Ich habe einen Traum, daß eines Tages im Staate Alabama, aus dessen Gouverneur's Lippen momentan Worte wie "Einspruch" und "Annullierung" tröpfeln, sich die Situation derart verwandelt, daß kleine schwarze Jungen und schwarze Mädchen in der Lage sein werden, mit kleinen weißen Jungen und weißen Mädchen Händchen halten können, und als Schwestern und Brüdern den Weg zusammen beschreiten.

Ich habe einen Traum heute!

Ich habe einen Traum, daß eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg nivelliert werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen.

Dies ist unsere Hoffnung. Dies ist der Glaube, mit dem ich in den Süden zurückgehen werde. Mit diesem Glauben werden wir aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung herausmeißeln. Mit diesem Glauben werden wir die chaotischen Diskorden unserer Nation in eine wunderschöne Symphonie der Brüderschaft verwandeln. Mit diesem Glauben werden wir gemeinsam arbeiten können, gemeinsam beten können, gemeinsam kämpfen können, gemeinsam ins Gefängnis gehen können, uns gemeinsam für Freiheit einsetzen, in dem Wissen, daß wir eines Tages frei sein werden.

Dies wird der Tag sein, wenn alle Kinder Gottes mit neuer Bedeutung singen können: "Mein Land, es ist von Dir, süßes Land der Freiheit, über das ich singe. Land, wo unsere Väter starben, Land des Pilgers Stolz, von jedem Berghang, laß die Glocken der Freiheit läuten." [1]

Und wenn Amerika eine großartige Nation sein soll, dann muß dies wahr werden. Laßt daher die Glocken der Freiheit von den wunderbaren Hügeln New Hampshires läuten. Laßt die Glocken der Freiheit von den mächtigen Bergen New Yorks läuten. Laßt die Glocken der Freiheit von den Höhen der Alleghenies in Pennsylvania läuten!

Laßt die Glocken der Freiheit von den schneebedeckten Gipfeln der Rockies in Colorado läuten.

Laßt die Glocken der Freiheit von den gerundeten Gipfeln Kaliforniens läuten!

Aber nicht nur das; laßt die Glocken der Freiheit aus den Steinbergen Georgia's läuten!

Laßt die Glocken der Freiheit vom Lookout Mountain in Tennessee läuten!

Laßt die Glocken der Freiheit von jedem Hügel und Maulwurfshügel in Mississippi läuten. Von jedem Berghang laßt die Glocken der Freiheit läuten.

Wenn dies geschieht, und wenn wir erlauben, daß die Glocken der Freiheit läuten und wenn wir sie von jedem Dorf und jedem Weiler, von jedem Staat und jeder Stadt läuten lassen, werden wir diesen Tag schneller erleben, wenn alle Kinder Gottes, Schwarze und Weiße, Juden und Christen, Protestanten und Katholiken Hände halten können und die Worte des alten Negro-Spirituals anstimmen: "Endlich frei, endlich frei. Danke Gott, Allmächtiger, wir sind endlich frei!".

I Have A Dream
Übersetzung: Cordula's Web Editorial Team.
Die vorliegende Übersetzung
ist angelehnt an, aber nicht identisch mit
derjenigen aus der US Embassy in Germany.

Anm. der. Übersetzer:
[1] "My country, 'tis of thee,
Sweet land of liberty,
Of thee I sing.

Land where my fathers died,
Land of the pilgrim's pride,
From every mountainside,
Let freedom ring."
Home :: Quotes :: Ich habe einen Traum

Loading Google Search Box... (if JavaScript is enabled)