Cordula's Web. Carlsbad Caverns National Park: Chinese Theater.
The National Park Service. Carlsbad Caverns. Chinese Theater. NPS Photos by Peter Jones. HiRes. Gallery 20
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Die Höhlenberge des Todes

Farid Hajji

Schmerz. Pure Agonie. Das Licht am Ende des Tunnels war nicht nur aus, es war gestolen! Dunkelheit, tiefe häßliche Dunkelheit überall. Ein Hoffnungsstrahl ist lediglich der Blitz, der Dich zu Asche verbrennt. Du warst verrückt genug nach höheren Werten zu streben; nach einem besseren Leben; nach unbefleckter Freundschaft. Du stiegst mutig in die Höhlenberge des Todes hinab, auf der Suche nach Unauffindbarem. Jetzt, bist Du gefangen, tief unten, so daß Du nie wieder das Licht erblicken wirst.

Du warst so naiv damals. Du hattest die [US-]Verfassung gelesen und warst tief und ehrlich davon überzeugt, das unwiderrufliche Grundrecht auf das Streben nach Glück zu besitzen. Unglücklicherweise befinden sich die Höhlenberge des Todes im Lande der Hunnen, ein kaltes, unfreundliches, intolerantes Land, das vor allem nie vergibt. Nach Glück zu streben ist dort kein verfassungsmäßiges Recht. Oh nein, Glück ist dort nicht nur so selten wie Diamanten, es ist sogar illegal es zu suchen.

Dunkelheit rundherum. Deine Versuche, eine Kerze anzuzünden, werden im Keim erstickt: alle Deine Streichhölzer sind naß, nutzlos. Das ist Deine Schuld (ist es das nicht immer?). Hat man Dir nicht beigebracht, Batterien zu benutzen? So krieche dorthin zurück, wo Du hingehörst, Du hast es nicht besser verdient. Niemand wird Dir jemals eine helfende Hand reichen; niemand wird Dich jemals finden; zum Teufel, niemand wird jemals wissen, daß es Dich überhaupt gegeben hat.

Moment mal! War das nicht ein Licht drüben zur Linken? Du kannst es Dir nicht leisten, eine weitere Fata Morgana zu ignorieren, darum wechselst Du die Richtung... nur um in einem eiskalten Tümpel zu fallen. Brrr...., jetzt bist Du bis zur Hüfte naß. Du hast es ja nicht anders erwartet, nicht wahr?

Entgegen weitverbreiteter Meinung, sind Höhlen keine ruhigen Plätze. Sicher, ihre Stille kann betäubend sein. Aber je länger Du dort stolpernd Deinen Weg nach innen gehst, umso lauter wird es. Unzählige Tropfen fallen von nirgendwo, wo sie sich ihren Weg in noch weitere Untiefen tröpfelnd suchen. Tropf, tropf, tropf..., wie chinesische Folter halten sie Dich wach, wo Du doch so dringend Schlaf brauchst. Sie werden aber nicht innehalten. Vergessen wir nicht: das Land der Hunnen kann nicht vergeben, es ist gnadenlos, modrig und feucht!

Du weißt, daß Schlafentzug Dein Bewußtsein hinters Licht führen kann. Du warst dort, Kriegsgefangener in einem Lager für Gehirnwäsche. Du wurdest zwar für diesen Fall trainiert, doch war es dennoch eine schreckliche Erfahrung. Jetzt fühlst Du, wie all die leider allzu gewohnten Symptome zu Dir zurückkriechen: Du schaust oft nach hinten über Deine Schulter, und anstelle eines Monsters, alles was Du siehst ist ein tiefes schwarzes Nichts. Trotzdem zitterst Du wie Espenlaub und Du würdest so gerne rennen, Dich verstecken, rennen, ...bloß raus hier!... Zwei hastige Schritte nach vorn, und schon kommt das Unvermeidliche: Du knallst mit der Stirn gegen einen Felsvorsprung. Schon wieder.

Tief drinnen, schreit still die Angst, und dann wird Dir auf einmal klar, daß Du laut kreischst! Kein Echo in dieser höllischen Kaverne außer dem Deiner eigenen tiefverwurzelten Panik! Dann fühlst Du Dich schuldig und beschämt. Was war das bloß? Wie konntest Du nur Angst vor Deinen eigenen Ängsten empfinden (fragst Du Dich selbst)? Das ist doch nur eine leere, feuchte, tropfende, verräterische Höhle, nichts weiter mehr!

Nichts weiter mehr? Du weißt es, Monter gibt's nicht. Nicht wirklich. Aber Dein Unterbewußtsein ist stärker als Du; es weiß es besser: eine Million Jahre Evolution können unseren Ursprung als kleine Beute nicht überdecken.

Gäbe es versteckte Kameras in dieser verräterischen Höhle, würden sich außenstehende Zuschauer über Deine Panikattacken herzlich amüsieren. Du siehst in der Tat lustig aus, wie Du so gegen Wände stolperst, Dein Kopf gegen Stalagtiten stoßend, in tiefe Pfützen, oder gar in kleine Seen fallend, deren Tiefe diejenige Deiner Angst bei weitem übertrifft. Aber niemand schaut zu; kein Regisseur wird "Schnitt" rufen, nach dem Stunt. Dies ist echt und Du steckst fest, tief, tief unten, wo Dich niemand jemals finden wird. Du kannst noch nicht einmal Deine eigene Hand sehen; wie kannst Du dann von anderen erwarten, daß sie Deine Seele retten?

Du muß wohl eingeschlafen sein, trotz des gnadenlosen Frierens, der Tropfen, der Monster des "Es", und Deines schmerzenden Rückens. Ein kleines Lächeln erscheint auf Deinem Gesicht, für niemanden zu sehen. Du bist zurück an der Oberfläche, im warmen Licht einer untergehenden, großen roten Sonne. In einem Rollstuhl sitzend (ja, Du bist in all den Jahren stark gealtert und bist seit langem völlig erschöpft), hast Du die unbezahlbare Freude Dich mit Deiner Jugendfreundin aus längst in die Nebel der Vergessenheit verschwindenden Vergangenheit unterhalten zu dürfen; eine Freundin, um die Du so hart und so lange hast kämpfen müssen um sie zurückzugewinnen. Ihr Haar ist schon vor langer Zeit ergraut; ihre Stimme war nur noch ein kaum wahrnehmbares Flüstern früherer Tage, doch das, was sie sagt, ist immer noch so voller Anteilnahme und so freundlich, daß Dein Herz vor Freunde bersten möchte, bei jedem noch so kleinen Wort...

Genau zu diesem Zeitpunkt, brach ein scharfer Granitblock von der Decke ab, fiel herunter, und bohrte sich in Dein linkes Bein. Die Agonie, das weiße, gleißende Licht von Schmerz blitzte sogar in Deinem Traum hinein; die große rote untergehende Sonne explodierte wie eine Supernova. Du fühlst so viel Schmerz, daß Du noch nicht einmal mehr schreien kannst. Muskelgewebe unwiderbringlich auseinandergerissen. Du hast das seltsame Gefühl, sowohl Dein Bein zu spüren, als auch gar nichts mehr zu empfinden. Der Schock setzt ein, Du gleitest langsam in einen leicht erlösenden Dämmerzustand. Du verlierst Blut, nur ein wenig, aber ununterbrochen. Aber das Schlimmste von allem: Du kannst da nicht weg. Der schafte Granitblock der Dein Bein durchbohrte läßt sich kein kleines bißchen rühren. Du bist praktisch am Boden festgenagelt, und scheidest dort langsam dahin...

Der Traum starb als Du getroffen wurdest. Dir wurde keinerlei Gnade gewährt, um in Frieden sterben zu können. Es mußte grausam sein, im niemals verzeihenden Land der Hunnen. Dein Streben nach Glück hat sein Ende gefunden, tief unten, in den Höhlenbergen des Todes.

R.I.P. (Ruhe in Stücke).

The Cavernous Mountains of Death
Translated from English by the Author, 18.03.2004.

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