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Turandot

Carlo Gozzi

Erster Aufzug

Vorstadt von Peckin.

Prospekt eines Stadtthors. Eiserne Stäbe ragen über demselben hervor, worauf mehrere geschorne, mit türkischen Schöpfen versehene Köpfe als Masken und so, daß sie als eine Zierrath erscheinen können, symmetrisch aufgepflanzt sind.

Erster Auftritt

Prinz Kalaf, in tartarischem Geschmack, etwas phantastisch gekleidet, tritt aus einem Hause. Gleich darauf Barak, aus der Stadt kommend.

Kalaf. Habt Dank, ihr Götter! Auch zu Peckin sollt' ich eine gute Seele finden!

Barak (in persischer Tracht, tritt auf, erblickt ihn und fährt erstaunt zurück). Seh' ich recht? Prinz Kalaf! Wie? Er lebt noch!

Kalaf (ernennt ihn). Barak!

Barak (auf ihn zueilend). Herr!

Kalaf. Dich find' ich hier?

Barak. Euch seh' ich lebend wieder! Und hier zu Peckin!

Kalaf. Schweig! Verrath mich nicht! Beim großen Lama, sprich! Wie bist Du hier?

Barak. Durch ein Geschick der Götter, muß ich glauben, da es mich hier mit Euch zusammenführt. An jenem Tag des Unglücks, als ich sah, daß unsre Völker flohen, der Tyrann von Tefflis unaufhaltsam in das Reich eindrang, floh ich nach Astrachan zurück, bedeckt mit schweren Wunden. Hier vernahm ich, daß Ihr und König Timur, Euer Vater, im Treffen umgekommen. Meinen Schmerz erzähl' ich nicht; verloren gab ich Alles, und sinnlos eilt' ich zum Palaste nun, Elmazen, Eure königliche Mutter, zu retten; doch ich suchte sie vergebens! Schon zog der Sieger ein zu Astrachan, und in Verzweiflung eilt' ich aus den Thoren. Von Land zu Lande irrt' ich flüchtig nun drei Jahre lang umher, ein Obdach suchend, bis ich zuletzt nach Peckin mich gefunden. Hier unterm Namen Hassan glückte mir's, durch treue Dienste einer Wittwe Gunst mir zu erwerben, und sie ward mein Weib. Sie kennt mich nicht; ein Perser bin ich ihr. Hier leb' ich nun, obwohl gering und arm nach meinem vor'gen Loos, doch überreich in diesem Augenblicke, da ich Euch, den Prinzen Kalaf, meines Königs Sohn, den ich erzogen, den ich Jahre lang für todt beweint, im Leben wieder sehe! -- Wie aber lebend? Wie in Peckin hier?

Kalaf. Nenne mich nicht. Nach jener unglücksel'gen Schlacht bei Astrachan, die uns das Reich gekostet, eilt' ich mit meinem Vater zum Palast; schnell rafften wir das Kostbarste zusammen, was sich an Edelsteinen fand, und flohn. In Bauerntracht verhüllt, durchkreuzten wir, der König und Elmaze, meine Mutter, die Wüsten und das felsigte Gebirg. Gott, was erlitten wir nicht da! Am Fuß des Kaukasus raubt' eine wilde Horde von Malandrinen uns die Schätze; nur das nackte Leben blieb uns zum Gewinn. Wir mußten kämpfen mit des Hungers Qualen und jedes Elends mannigfacher Noth. Den Vater trug ich bald und bald die Mutter auf meinen Schultern, eine theure Last. Kaum wehrt' ich seiner wüthenden Verzweiflung, daß er den Dolch nicht auf sein Leben zuckte; die Mutter hielt ich kaum, daß sie, von Gram erschöpft, nicht niedersank! So kamen wir nach Jaik endlich, der Tartarenstadt, und hier, an der Moscheen Thor, mußt' ich ein Bettler flehen um die magre Kost, der theuren Eltern Leben zu erhalten. -- Ein neues Unglück! Unser grimm'ger Feind, der Khan von Tefflis, voll Tyrannenfurcht, mißtrauend dem Gerücht von unserm Tode, er ließ durch alle Länder uns verfolgen. Vorausgeeilt schon war uns sein Befehl, der alle kleinen Könige seiner Herrschaft aufbot, uns nachzuspähn. Nur schnelle Flucht entzog uns seiner Spürer Wachsamkeit -- Ach, wo verbärg' sich ein gefallner König!

Barak. O, nichts mehr! Eure Worte spalten mir das Herz! Ein großer Fürst in solchem Elend! Doch sagt! Lebt mein Gebieter noch, und lebt Elmaze, meine Königin?

Kalaf. Sie leben. Und wisse, Barak, in der Noth allein bewähret sich der Adel großer Seelen. -- Wir kamen in der Karazanen Land; dort, in den Gärten König Keicobads, mußt' ich zu Knechtes Diensten mich bequemen, dem bittern Hungertode zu entfliehn. Mich sah Adelma dort, des Königs Tochter, mein Anblick rührte sie, es schien ihr Herz von zärtlichern Gefühlen, als des Mitleids, sich für den fremden Gärtner zu bewegen. Scharf sieht die Liebe, nimmer glaubte sie mich zu dem Loos, wo sie mich fand, geboren. -- Doch weiß ich nicht, welch bösen Sternes Macht der Karazanen König Keicobad verblendete, den mächt'gen Altoum, den Großkhan der Chinesen, zu bekriegen. Das Volk erzählte Seltsames davon. Was ich berichten kann, ist dies: Besiegt ward Keicobad, sein ganzer Stamm vertilgt; Adelma selbst mit sieben andern Töchtern des Königs ward ertränkt in einem Strome. -- Wir aber flohen in ein andres Land; so kamen wir nach langem Irren endlich zu Berlas an -- Was bleibt mir noch zu sagen? Vier Jahre lang schafft' ich den Eltern Brod, daß ich um dürft'ges Taglohn Lasten trug.

Barak. Nicht weiter, Prinz. Vergessen wir das Elend, da ich Euch jetzt in kriegerischem Schmuck und Heldenstaat erblicke. Sagt: wie endlich das Glück Euch günstig ward?

Kalaf. Mir günstig! Höre! Dem Khan von Berlas war ein edler Sperber entwischt, den er in hohem Werthe hielt. Ich fand den Sperber, überbracht' ihn selbst dem König -- Dieser fragt nach meinem Namen; ich gebe mich für einen Elenden, der seine Eltern nährt mit Lastentragen. Drauf ließ der Khan den Vater und die Mutter im Hospital versorgen. (Er hält inne.) Barak! Dort, im Aufenthalt des allerhöchsten Elends, dort ist Dein König -- Deine Königin. Auch dort nicht sicher, dort noch in Gefahr, erkannt zu werden und getödtet!

Barak. Gott!

Kalaf. Mir ließ der Kaiser diese Börse reichen, ein schönes Pferd und dieses Ritterkleid. Den greisen Eltern sag' ich Lebewohl; ich gehe, rief ich, mein Geschick zu ändern, wo nicht, dies traur'ge Leben zu verlieren! Was thaten sie nicht, mich zurückzuhalten und, da ich standhaft blieb, mich zu begleiten! Verhüt' es Gott, daß sie, von Angst gequält, nicht wirklich meinen Spuren nachgefolgt! Hier bin ich nun, zu Peckin, unerkannt, viel hundert Meilen weit von meiner Heimath. Entschlossen komm' ich her, dem großen Khan vom Lande China als Soldat zu dienen, ob mir vielleicht die Sterne günstig sind, durch tapfre That mein Schicksal zu verbessern. -- Ich weiß nicht, welche Festlichkeit die Stadt mit Fremden füllt, daß kein Karvanserai mich aufnahm -- Dort in jener schlechten Hütte gab eine Frau aus gutem Herzen mir Herberge.

Barak. Prinz, das ist mein Weib.

Kalaf. Dein Weib? Preise Dein Glück, daß es ein fühlend Herz zur Gattin Dir gegeben! (Er reicht ihm die Hand.) Jetzt leb' wohl. Ich geh' zur Stadt. Mich treibt's, die Festlichkeit zu sehn, die so viel Menschen dort versammelt. Dann zeig' ich mich dem großen Khan und bitt' ihn um die Gunst, in seinem Heer zu dienen.

(Er will fort. Barak hält ihn zurück.)

Barak. Bleibt, Prinz! Wo wollt Ihr hin? Mögt Ihr das Aug' an einem grausenvollen Schauspiel weiden? O, wisset, edler Prinz -- Ihr kamt hierher auf einen Schauplatz unerhörter Thaten.

Kalaf. Wie so? Was meinst Du?

Barak. Wie? Ihr wißt es nicht, daß Turandot, des Kaisers einz'ge Tochter, das ganze Reich in Leid versenkt und Thränen?

Kalaf. Ja, schon vorlängst im Karazanenland hört' ich dergleichen -- und die Rede ging, es sei der Prinz des Königs Keicobad auf eine seltsam jammervolle Art zu Peckin umgekommen -- Eben dies hab' jenes Kriegesfeuer angeflammt, das mit dem Falle seines Reichs geendigt. Doch Manches glaubt und schwatzt ein dummer Pöbel, worüber der Verständ'ge lacht -- Darum sag' an, wie sich's verhält mit dieser Sache?

Barak. Des Großkhans einz'ge Tochter, Turandot, durch ihren Geist berühmt und ihre Schönheit, die keines Malers Pinsel noch erreicht, wie viele Bildnisse von ihr auch in der Welt herumgehn, hegt so übermüth'gen Sinn, so großen Abscheu vor der Ehe Banden, daß sich die größten Könige umsonst um ihre Hand bemüht --

Kalaf. Das alte Märchen vernahm ich schon am Hofe Keicobads und lachte drob -- Doch fahre weiter fort

Barak. Es ist kein Märchen. Oft schon wollte sie der Khan, als einz'ge Erbin seines Reichs, mit Söhnen großer Könige vermählen. Stets widersetzte sich die stolze Tochter, und, ach! zu blind ist seine Vaterliebe, als daß er Zwang zu brauchen sich erkühnte. Viel schwere Kriege schon erregte sie dem Vater, und obgleich noch immer Sieger in jedem Kampf, so ist er doch ein Greis und unbeerbt wankt er dem Grabe zu. Drum sprach er einsmals ernst und wohlbedächtlich zu ihr die strengen Worte: Störrig Kind! Entschließe Dich einmal, Dich zu vermählen, wo nicht, so sinn' ein ander Mittel aus, dem Reich die ew'gen Kriege zu ersparen; denn ich bin alt; zu viele Kön'ge schon hab' ich zu Feinden, die Dein Stolz verschmähte. Drum nenne mir ein Mittel, wie ich mich der wiederholten Werbungen erwehre, und leb' hernach und stirb, wie Dir's gefällt -- erschüttert ward von diesem ernsten Wort die Stolze, rang umsonst, sich loszuwinden; die Kunst der Thränen und der Bitten Macht erschöpfte sie, den Vater zu bewegen; doch unerbittlich blieb der Khan -- Zuletzt verlangt sie von dem unglücksel'gen Vater, verlangt -- Hört, was die Furie verlangte!

Kalaf. Ich hab's gehört. Das abgeschmackte Märchen hab' ich schon oft belacht -- Hör', ob ich's weiß! Sie fordert' ein Edict von ihrem Vater, daß jedem Prinzen königlichen Stamms vergönnt sein soll, um ihre Hand zu werben. Doch dieses sollte die Bedingung sein: im öffentlichen Divan, vor dem Kaiser und seinen Räthen allen, wollte sie drei Räthsel ihm vorlegen. Löste sie der Freier auf, so mög' er ihre Hand und mit derselben Kron' und Reich empfangen. Löst er sie nicht, so soll der Kaiser sich durch einen heil'gen Schwur auf seine Götter verpflichten, den Unglücklichen enthaupten zu lassen. -- Sprich, ist's nicht so? Nun vollende Dein Märchen, wenn Du's kannst vor langer Weile.

Barak. Mein Märchen? Wollte Gott! Der Kaiser zwar empört' sich erst dagegen; doch die Schlange verstand es, bald mit Schmeichelbitten, bald mit list'ger Redekunst das furchtbare Gesetz dem schwachen Alten zu entlocken. Was ist's denn auch? sprach sie mit arger List; kein Prinz der Erde wird so thöricht sein, in solchem blut'gen Spiel sein Haupt zu wagen! Der Freier Schwarm zieht sich geschreckt zurück, ich werd' in Frieden leben. Wagt es dennoch ein Rasender, so ist's auf seine eigne Gefahr, und meinen Vater trifft kein Tadel, wenn er ein heiliges Gesetz vollzieht! -- Beschworen ward das unnatürliche Gesetz und kund gemacht in allen Landen. (Da Kalaf den Kopf schüttelt.) -- Ich wünschte, daß ich Märchen nur erzählte und sagen dürfte: Alles war ein Traum!

Kalaf. Weil Du's erzählst, so glaub' ich das Gesetz. Doch sicher war kein Prinz wahnsinnig genug, sein Haupt daran zu setzen.

Barak (zeigt nach dem Stadtthor). Sehet, Prinz! Die Köpfe alle, die dort auf den Thoren zu sehen sind, gehörten Prinzen an, die toll genug das Abenteuer wagten und kläglich ihren Untergang drin fanden, weil sie die Räthsel dieser Sphinx zu lösen nicht fähig waren.

Kalaf. Grausenvoller Anblick! Und lebt ein solcher Thor, der seinen Kopf wagt, um ein Ungeheuer zu besitzen!

Barak. Nein! Sagt das nicht. Wer nur ihr Konterfei erblickt, das man sich zeigt in allen Ländern, fühlt sich bewegt von solcher Zaubermacht, daß er sich blind dem Tod entgegen stürzt, das göttergleiche Urbild zu besitzen.

Kalaf. Irgend ein Geck.

Barak. Nein, wahrlich! Auch der Klügste. Heut ist der Zulauf hier, weil man den Prinzen von Samarcanda, den verständigsten, den je die Welt gesehn, enthaupten wird. Der Khan beseufzt die fürchterliche Pflicht; doch ungerührt frohlockt die stolze Schöne. (Man hört in der Ferne den Schall von gedämpften Trommeln.) Hört! Hört Ihr! Dieser dumpfe Trommelklang verkündet, daß der Todesstreich geschieht; ihn nicht zu sehen, wich ich aus der Stadt.

Kalaf. Barak, Du sagst mir unerhörte Dinge. Was? Konnte die Natur ein weibliches Geschöpf wie diese Turandot erzeugen, so ganz an Liebe leer und Menschlichkeit?

Barak. Mein Weib hat eine Tochter, die im Harem als Sklavin dient und uns Unglaubliches von ihrer schönen Königin berichtet. Ein Tiger ist sie, diese Turandot, doch gegen Männer nur, die um sie werben. Sonst ist sie gütig gegen alle Welt; Stolz ist das einz'ge Laster, das sie schändet.

Kalaf. Zur Hölle, in den tiefsten Schlund hinab mit diesen Ungeheuern der Natur, die kalt und herzlos nur sich selber lieben! Wär' ich ihr Vater, Flammen sollten sie verzehren.

Barak. Hier kommt Ismael, der Freund des Prinzen, der sein Leben jetzt verloren. Er kommt voll Thränen -- Ismael!

Zweiter Auftritt

Ismael zu den Vorigen.

Ismael (reicht dem Barak die Hand, heftig weinend). Er hat gelebt -- Der Streich des Todes ist gefallen. Ach! Warum fiel er nicht auf dieses Haupt!

Barak. Barmherz'ger Himmel! -- Doch warum ließt Ihr geschehn, daß er im Divan der Gefahr sich bloßgestellt?

Ismael. Mein Unglück braucht noch Vorwurf. Gewarnt hab' ich, beschworen und gefleht, wie es mein Herz, wie's meine Pflicht mich lehrte. Umsonst! Des Freundes Stimme wurde nicht gehört; die Macht der Götter riß ihn fort.

Barak. Beruhigt Euch!

Ismael. Beruhigen? Niemals, niemals! Ich hab' ihn sterben sehen. Sein Gefährte war ich in seinem letzten Augenblick, und seine Abschiedsworte gruben sich wie spitz'ge Dolche mir ins tiefste Herz. "Weine nicht!" sprach er. "Gern und freudig sterb' ich, da ich die Liebste nicht besitzen kann. Mag es mein theurer Vater mir vergeben, daß ich ohn' Abschied von ihm ging. Ach, nie hätt' er die Todesreise mir gestattet! Zeig' ihm dies Bildniß!"

(Er zieht ein kleines Portrait an einem Band aus dem Busen.)

"Wenn er diese Schönheit erblickt, wird er den Sohn entschuldigen." Und an die Lippen drückt' er jetzt, lautschluchzend, mit heft'gen Küssen dies verhaßte Bild, als könnt' er, sterbend selbst, nicht davon scheiden; drauf kniet' er nieder, und -- mit einem Streich -- noch zittert mir das Mark in den Gebeinen -- sah ich Blut spritzen, sah den Rumpf hinfallen und hoch in Henkers Hand das theure Haupt; entsetzt und trostlos riß ich mich von dannen.

(Wirft das Bild in heftigem Unwillen auf den Boden.)

Verhaßtes, ewig fluchenswerthes Bild! Liege Du hier, zertreten in dem Staub! Könnt' ich sie selbst, die Tigerherzige, mit diesem Fußtritt so wie Dich zermalmen! Daß ich Dich meinem König überbrächte! Nein, mich soll Samarcand nicht wieder sehn. In eine Wüste will ich fliehn und dort, wo mich kein menschlich Ohr vernimmt, auf ewig um meinen vielgeliebten Prinzen weinen. (Geht ab.)

Dritter Auftritt

Kalaf und Barak.

Barak (nach einer Pause). Prinz Kalaf, habt Ihr's nun gehört?

Kalaf. Ich stehe ganz voll Verwirrung, Schrecken und Erstaunen. Wie aber mag dies unbeseelte Bild, das Werk des Malers, solchen Zauber wirken?

(Er will das Bildniß von der Erde nehmen.)

Barak (eilt auf ihn zu und hält ihn zurück). Was macht Ihr! -- Große Götter!

Kalaf (lächelnd). Nun! Ein Bildniß nehm' ich vom Boden auf. Ich will sie doch betrachten, diese mörderische Schönheit.

(Greift nach dem Bildniß und hebt es von der Erde auf.)

Barak (ihn haltend). Euch wäre besser, der Medusa Haupt als diese tödtliche Gestalt zu sehn. Weg! Weg damit! Ich kann es nicht gestatten.

Kalaf. Du bist nicht klug. Wenn Du so schwach Dich fühlst, ich bin es nicht. Des Weibes Reiz hat nie mein Aug gerührt, auch nur auf Augenblicke, viel weniger mein Herz besiegt. Und was lebend'ge Schönheit nie bei mir vermocht, das sollten todte Pinselstriche wirken? Unnütze Sorgfalt, Barak -- Mir liegt Andres am Herzen, als der Liebe Narrenspiel. (Will das Bildniß anschauen.)

Barak. Dennoch, mein Prinz -- Ich warn' Euch -- Thut es nicht!

Kalaf (ungeduldig). Zum Henker, Einfalt! Du beleidigst mich. (Stößt ihn zurück, sieht das Bild an und geräth in Erstaunen. Nach einer Pause:) Was seh' ich!

Barak (ringt verzweifelnd die Hände). Weh' mir! Welches Unglück!

Kalaf (faßt ihn lebhaft bei der Hand). Barak!

(Will reden, sieht aber wieder auf das Bild und betrachtet es mit Entzücken.)

Barak (für sich). Seid Zeugen, Götter -- Ich, ich bin nicht schuld, ich hab' es nicht verhindern können.

Kalaf. Barak! -- In diesen holden Augen, dieser süßen Gestalt, in diesen sanften Zügen kann das harte Herz, wovon Du sprichst, nicht wohnen!

Barak. Unglücklicher, was hör' ich? Schöner noch unendlichmal, als dieses Bildniß zeigt, ist Turandot, sie selbst! Nie hat die Kunst des Pinsels ihren ganzen Reiz erreicht; doch ihres Herzens Stolz und Grausamkeit kann keine Sprache, keine Zunge nennen. O, werft es von Euch, dies unselige, verwünschte Bildniß! Euer Auge sauge kein tödtlich Gift aus dieser Mordgestalt!

Kalaf. Hinweg! Vergebens suchst Du mich zu schrecken! -- Himmlische Anmuth! Warme, glühende Lippen! Augen der Liebesgöttin! Welcher Himmel, die Fülle dieser Reize zu besitzen!

(Er steht in den Anblick des Bildes verloren, plötzlich wendet er sich zu Barak und ergreift seine Hand.)

Barak! Verrath mich nicht -- Jetzt oder nie! Dies ist der Augenblick, mein Glück zu wagen. Wozu dies Leben sparen, das ich hasse? -- Ich muß auf einen Zug die schönste Frau der Erde und ein Kaiserthum mit ihr gewinnen oder dies verhaßte Leben auf einen Zug verlieren -- Schönstes Werk! Pfand meines Glücks und meine süße Hoffnung! Ein neues Opfer ist für Dich bereit und drängt sich wagend zu der furchtbarn Probe. Sei gütig gegen mich -- Doch, Barak, sprich! Ich werde doch im Divan, eh' ich sterbe, das Urbild selbst von diesen Reizen sehn?

(Indem sieht man die fürchterliche Larve eines Nachrichters sich über dem Stadtthor erheben und einen neuen Kopf über demselben aufpflanzen. -- Der vorige Schall verstimmter Trommeln begleitet diese Handlung.)

Barak. Ach, sehet, sehet, theurer Prinz, und schaudert! Dies ist das Haupt des unglücksel'gen Jünglings -- wie es Euch anstarrt! Und dieselben Hände, die es dort aufgepflanzt, erwarten Euch. O, kehret um! Kehrt um! Nicht möglich ist's, die Räthsel dieser Löwin aufzulösen. Ich seh' im Geist schon Euer theures Haupt, ein Warnungszeichen allen Jünglingen, in dieser furchtbarn Reihe sich erheben.

Kalaf (hat das aufgesteckte Haupt mit Nachdenken und Rührung betrachtet). Verlorner Jüngling! Welche dunkle Macht reißt mich geheimnißvoll, unwiderstehlich hinauf in Deine tödtliche Gesellschaft? (Er bleibt nachsinnend stehen; dann wendet er sich zu Barak.) -- Wozu die Thränen, Barak? Hast Du mich nicht einmal schon für todt beweint? Komm, komm! Entdecke keiner Seele, wer ich bin. Vielleicht -- wer weiß, ob nicht der Himmel, satt, mich zu verfolgen, mein Beginnen segnet und meinen armen Eltern Trost verleiht. Wo nicht -- Was hat ein Elender zu wagen? Für Deine Liebe will ich dankbar sein, wenn ich die Räthsel löse -- Lebe wohl!

(Er will gehen, Barak hält ihn zurück, unterdessen kommt Skirina, Baraks Weib, aus dem Hause.)

Barak. Nein, nimmermehr! Komm mir zu Hilfe, Frau! Laß ihn nicht weg -- Er geht, er ist verloren, der theure Fremdling geht, er will es wagen, die Räthsel dieser Furie zu lösen.

Vierter Auftritt

Skirina zu den Vorigen.

Skirina (tritt ihm in den Weg). O weh! Was hör' ich? Seid Ihr nicht mein Gast? Was treibt den zarten Jüngling in den Tod?

Kalaf. Hier, gute Mutter! Dieses Götterbild ruft mich zu meinem Schicksal. (Zeigt ihr das Bildnis.)

Skirina. Wehe mir! Wie kam das höll'sche Bild in seine Hand?

Barak. Durch bloßen Zufall.

Kalaf (tritt zwischen Beide). Hassan! Gute Frau! Zum Dank für Eure Gastfreundschaft behaltet mein Pferd! Auch diese Börse nehmet hin! Sie ist mein ganzer Reichthum -- Ich -- ich brauche fortan nichts weiter -- denn ich komm' entweder reich wie ein Kaiser oder -- nie zurück! -- Wollt Ihr, so opfert einen Theil davon den ew'gen Göttern, theilt den Armen aus, damit sie Glück auf mich herab erflehen; lebt wohl -- Ich muß in mein Verhängniß gehen! (Er eilt in die Stadt.)

Fünfter Auftritt

Barak und Skirina.

Barak (will ihm folgen) Mein Herr! Mein armer Herr! Umsonst! Er geht! Er hört mich nicht!

Skirina (neugierig). Dein Herr? Du kennst ihn also? O, sprich, wer ist der edelherz'ge Fremdling, der sich dem Tode weiht?

Barak. Laß diese Neugier! Er ist geboren mit so hohem Geist, daß ich nicht ganz an dem Erfolg verzweifle. -- Komm, Skirina. All dieses Gold laß uns und Alles, was wir Eigenes besitzen, dem Fohi opfern und den Armen spenden! Gebete sollen sie für ihn gen Himmel senden und sollen wund sich knien an den Altären, bis die erweichten Götter sie erhören!

(Sie gehen nach ihrem Hause.)

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