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Turandot

Carlo Gozzi

Zweiter Aufzug

Großer Saal des Divans, mit zwei Pforten, davon die eine zu den Zimmern des Kaisers, die andere ins Serail der Prinzessin Turandot führt.

Erster Auftritt

Truffaldin, als Anführer der Verschnittenen, steht gravitätisch in der Mitte der Scene und befiehlt seinen Schwarzen, welche beschäftigt sind, den Saal in Ordnung zu bringen. Bald darauf Brigella.

Truffaldin. Frisch an das Werk! Rührt Euch! Gleich wird der Divan beisammen sein. -- Die Teppiche gelegt, die Throne aufgerichtet! Hier zur Rechten kommt kaiserliche Majestät, links meine scharmante Hoheit, die Prinzeß, zu sitzen!

Brigella (kommt und sieht sich verwundernd um). Mein! Sagt mir, Truffaldin, was gibt's denn Neues, daß man den Divan schmückt in solcher Eile?

Truffaldin (ohne auf ihn zu hören -- zu den Schwarzen). Acht Sessel dorthin für die Herrn Doktoren! Sie haben hier zwar nicht viel zu dotieren; doch müssen sie, weil's was Gelehrtes gibt, mit ihren langen Bärten figurieren.

Brigella. So redet doch! Warum, wozu das alles?

Truffaldin. Warum? Wozu? Weil sich die Majestät und meine schöne Königin, mit sammt den acht Doktoren und den Excellenzen, sogleich im Divan hier versammeln werden. 's hat sich ein neuer, frischer Prinz gemeldet, den's juckt, um einen Kopf sich zu verkürzen.

Brigella. Was? Nicht drei Stunden sind's, daß man den letzten hat abgethan --

Truffaldin. Ja, Gott sei Dank! Es geht von statten! Die Geschäfte gehen gut.

Brigella. Und dabei könnt Ihr scherzen, roher Kerl! Euch freut wohl das barbarische Gemetzel?

Truffaldin. Warum soll mich's nicht freuen? Setzt's doch immer für meinen Schnabel was, wenn so ein Neuer die große Reise macht -- denn jedesmal, daß meine Hoheit an der Hochzeitklippe vorbeischifft, gibt's im Harem Hochzeitkuchen. Das ist einmal der Brauch, wir thun's nicht anders: so viele Köpfe, so viel Feiertage!

Brigella. Das sind mir heillos niederträchtige Gesinnungen, so schwarz, wie Eure Larve. Man sieht's Euch an, daß Ihr ein Halbmann seid, ein schmutziger Eunuch! -- Ein Mensch, ich meine Einer, der ganz ist, hat ein menschlich Herz im Leib und fühlt Erbarmen.

Truffaldin. Was! Erbarmen! Es heißt kein Mensch die Prinzen ihren Hals nach Peckin tragen, Niemand ruft sie her. Sind sie freiwillig solche Tollhausnarren, mögen sie's haben! Auf dem Stadtthor steht's mit blut'gen Köpfen leserlich geschrieben, was hier zu holen ist -- Wir nehmen Keinem den Kopf, der einen mitgebracht. Der hat ihn schon verloren, längst, der ihn hier setzt!

Brigella. Ein saubrer Einfall, den galanten Prinzen, die ihr die Ehr' anthun und um sie werben, drei Räthsel aufzugeben und, wenn's einer nicht auf der Stelle trifft, ihn abzuschlachten!

Truffaldin. Mit nichten, Freund! Das ist ein prächtiger, exzellenter Einfall! -- Werben kann ein Jeder; es ist nichts leichter, als aufs Freien reisen. Man lebt auf fremde Kosten, thut sich gütlich, legt sich dem künft'gen Schwäher in das Haus, und mancher jüngre Sohn und Krippenreiter, der alle seine Staaten mit sich führt im Mantelsack, lebt bloß vom Körbeholen. Es war nicht anders hier, als wie ein großes Wirthshaus von Prinzen und von Abenteurern, die um die reiche Kaisertochter freiten; denn auch der Schlechtste dünkt sich gut genug, die Hände nach der Schönsten auszustrecken. Es war wie eine Freikomödie, wo Alles kommt, bis meine Königin auf den scharmanten Einfall kam, das Haus in vier und zwanzig Stunden rein zu machen. -- Eine andre hätte ihre Liebeswerber auf blutig schwere Abenteuer ausgesendet, sich mit Riesen 'rum zu schlagen, dem Schach zu Babel, wenn er Tafel hält, drei Backenzähne höflich auszuziehen, das tanzende Wasser und den singenden Baum zu holen und den Vogel, welcher redet -- nichts von dem allem! Räthsel haben ihr beliebt! Drei zierlich wohlgesetzte Fragen! Man kann dabei bequem und säuberlich in warmer Stube sitzen, und kein Schuh wird naß! Der Degen kommt nicht aus der Scheide, der Witz, der Scharfsinn aber muß heraus. -- Brigella, die versteht's! Die hat's gefunden, wie man die Narren sich vom Leibe hält!

Brigella. 's kann Einer ein rechtschaffner Kavalier und Ehmann sein und doch die spitz'gen Dinger, die Räthsel, just nicht handzuhaben wissen.

Truffaldin. Da siehst Du, Kamerad, wie gut und ehrlich es die Prinzeß mit ihrem Freier meint, daß sie die Räthsel vor der Hochzeit aufgibt. Nachher war's noch viel schlimmer. Löst er sie jetzt nicht, ei nun, so kommt er schnell und kurz mit einem frischen Gnadenhieb davon. Doch, wer die stachelichten Räthsel nicht auflöst, die seine Frau ihm in der Eh' aufgibt, der ist verlesen und verloren!

Brigella. Ihr seid ein Narr, mit Euch ist nicht zu reden. -- So mögen's denn meintwegen Räthsel sein, wenn sie einmal die Wuth hat, ihren Witz zu zeigen -- Aber muß sie denn die Prinzen just köpfen lassen, die nicht sinnreich genug für ihre Räthsel sind -- Das ist ja ganz barbarisch, rasend toll und unvernünftig. Wo hat man je gehört, daß man den Leuten den Hals abschneidet, weil sie schwer begreifen?

Truffaldin. Und wie, Du Schafskopf, will sie sich der Narren erwehren, die sich klug zu sein bedünken, wenn weiter nichts dabei zu wagen ist, als einmal sich im Divan zu beschimpfen? Auf die Gefahr hin, sich zu prostituieren mit heiler Haut, läuft Jeder auf dem Eis. Wer fürchtet sich vor Räthseln? Räthsel sind's gerad', was man fürs Leben gern mag hören. Das hieß' den Köder statt des Popanz's brauchen. Und wäre man auch wegen der Prinzessin und ihres vielen Gelds daheim geblieben, so würde man der Räthsel wegen kommen. Denn Jedem ist sein Scharfsinn und sein Witz am Ende lieber, als die schönste Frau!

Brigella. Was aber kommt bei diesem ganzen Spiel heraus, als daß sie sitzen bleibt? Kein Mann, der seine Ruh liebt und bei Sinnen ist, wird so ein spitz'ges Nadelkissen nehmen.

Truffaldin. Das große Unglück, keinen Mann zu kriegen!

(Man hört einen Marsch in der Ferne.)

Brigella. Der Kaiser kommt.

Truffaldin. Marsch ihr in Eure Küche! Ich gehe, meine Hoheit herzuholen. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.)

Zweiter Auftritt

Ein Zug von Soldaten und Spielleuten. Darauf acht Doctoren, pedantisch herausstaffiert; alsdann Pantalon und Tartaglia, beide in Charaktermasken. Zuletzt der Großkhan Altoum in chinesischem Geschmack mit einiger Übertreibung gekleidet. Pantalon und Tartaglia stellen sich dem kaiserlichen Thron gegenüber, die acht Doctoren in den Hintergrund, das übrige Gefolge auf die Seite, wo der kaiserliche Thron ist. Beim Eintritt des Kaisers werfen sich alle mit ihren Stirnen auf die Erde und verharren in dieser Stellung bis er den Thron bestiegen hat. Die Doktoren nehmen auf ihren Stühlen Platz. Auf einen Wink, den Pantalon gibt, schweigt der Marsch.

Altoum. Wann, treue Diener, wird mein Jammer enden? Kaum ist der edle Prinz von Samarcand begraben, unsre Thränen fließen noch, und schon ein neues Todesopfer naht, mein blutend Herz von neuem zu verwunden. Grausame Tochter! Mir zur Qual geboren! Was hilft's, daß ich den Augenblick verfluche, da ich auf das barbarische Gesetz dem furchtbaren Fohi den Schwur gethan. Nicht brechen darf ich meinen Schwur, nicht rühren läßt sich die Tochter, nicht zu schrecken sind die Freier! Nirgends Rath in meinem Unglück!

Pantalon. Rath, Majestät? Hat sich da was zu rathen! Bei mir zu Hause, in der Christen Land, in meiner lieben Vaterstadt Venedig, schwört man auf solche Mordgesetze nicht, man weiß nichts von so närrischen Mandaten. Da hat man gar kein Beispiel und Exempel, daß sich die Herrn in Bilderchen vergafft und ihren Hals gewagt für ihre Mädchen. Kein Frauensmensch bei uns geboren wird, wie Dame Kieselstein, die alle Männer verschworen hätte -- Gott soll uns bewahren! Das fiel uns auch im Traum nicht ein. Als ich daheim noch war, in meinen jungen Jahren, eh mich die Ehrensache, wie Ihr wißt, von Hause trieb und meine guten Sterne an meines Kaisers Hof hieher geführt, wo ich als Kanzler mich jetzt wohl befinde, da wußt' ich nichts von China, als es sei ein trefflichs Pulver gegen's kalte Fieber. Und jetzt erstaun' ich über alle Maßen, daß ich so curiöse Bräuche hier vorfinde, so curjose Schwüre und Gesetze und so curjose Fraun und Herrn. Erzählt' ich in Europa diese Sachen, sie würden mir unter die Nase lachen.

Altoum. Tartaglia, habt Ihr den neuen Wagehals besucht?

Tartaglia. Ja, Majestät. Er hat den Flügel des Kaiserschlosses inn', den man gewöhnlich den fremden Prinzen anzuweisen pflegt. Ich bin entzückt von seiner angenehmen Gestalt und seinen prinzlichen Manieren. 's ist Jammerschade um das junge Blut, daß man es auf die Schlachtbank führen soll. 's Herz bricht mir! Ein so angenehmes Prinzchen! Ich bin verliebt in ihn. Weiß Gott! Ich sah in meinem Leben keinen hübschern Buben!

Altoum. Unseliges Gesetz! Verhaßter Schwur! -- Die Opfer sind dem Fohi doch gebracht, daß er dem Unglückseligen sein Licht verleihe, diese Räthsel zu ergründen! Ach, nimmer geb' ich dieser Hoffnung Raum!

Pantalon. An Opfern, Majestät, ward nichts gespart. Dreihundert fette Ochsen haben wir dem Tien dargebracht, dreihundert Pferde der Sonne und dem Mond dreihundert Schweine.

Altoum. So ruft ihn denn vor unser Angesicht! (Ein Theil des Gefolges entfernt sich.) -- Man such' ihm seinen Vorsatz auszureden. Und ihr, gelehrte Lichter meines Divans, kommt mir zu Hilfe -- nehmt das Wort für mich, laßt' s nicht an Gründen fehlen, wenn mir selbst der Schmerz die Zunge bindet.

Pantalon. Majestät! Wir werden unsern alten Witz nicht sparen, den wir in langen Jahren eingebracht. Was hilft's? Wir predigen und sprechen uns die Lungen heiser, und er läßt sich eben den Hals abstechen, wie ein wälsches Huhn.

Tartaglia. Mit Eurer Gunst, Herr Kanzler Pantalon! Ich habe Scharfsinn und Verstand bei ihm bemerkt, wer weiß! -- Ich will nicht ganz verzagen.

Pantalon. Die Räthsel dieser Schlange sollt' er lösen? Nein, nimmermehr!

Dritter Auftritt

Die Vorigen. Kalaf, von einer Wache begleitet. Er kniet vor dem Kaiser nieder, die Hand auf der Stirn.

Altoum (nachdem er ihn eine Zeit lang betrachtet). Steh auf, unkluger Jüngling!

(Kalaf steht auf und stellt sich mit edelm Anstand in die Mitte des Divans.)

-- Die reizende Gestalt! Der edle Anstand! Wie mir's ans Herz greift! -- Sprich, Unglücklicher! Wer bist Du? Welches Land gab Dir das Leben?

Kalaf (schweigt einen Augenblick verlegen, dann mit einer edeln Verbeugung). Monarch, vergönne, daß ich meinen Namen verschweige.

Altoum. Wie? Mit welcher Stirn darfst Du, ein unbekannter Fremdling, namenlos, um unsre kaiserliche Tochter werben?

Kalaf. Ich bin von königlichem Blut, ein Prinz, geboren. verhängt der Himmel meinen Tod, so soll mein Name, mein Geschlecht, mein Vaterland kund werden, eh' ich sterbe, daß die Welt erfahre, nicht unwürdig hab' ich mich des Bundes angemaßt mit Deiner Tochter. Für jetzt geruhe meines Kaisers Gnade mich unerkannt zu lassen.

Altoum. Welcher Adel in seinen Worten! Wie beklag' ich ihn! -- Doch wie, wenn Du die Räthsel nun gelöst, und nicht von würd'ger Herkunft --

Kalaf. Das Gesetz, Monarch, ist nur für Könige geschrieben. Verleihe mir der Himmel, daß ich siege, und dann, wenn ich unköniglichen Stamms erfunden werde, soll mein fallend Haupt die Schuld der kühnen Anmaßung bezahlen, und unbeerdigt liege mein Gebein, der Krähen Beute und der wilden Thiere. Schon eine Seele lebt in dieser Stadt, die meinen Stand und Namen kann bezeugen. Für jetzt geruhe meines Kaisers Gnade mich unerkannt zu lassen.

Altoum. Wohl! Es sei! Dem Adel Deiner Mienen, Deiner Worte, holdsel'ger Jüngling, kann ich Glauben nicht, Gewährung nicht versagen -- Mögst auch Du geneigt sein, einem Kaiser zu willfahren, der hoch von seinem Thron herab Dich fleht! Entweiche, o entweiche der Gefahr, der Du verblendet willst entgegen stürzen, steh ab und fordre meines Reiches Hälfte! So mächtig spricht's für Dich in meiner Brust, daß ich Dir gleichen Theil an meinem Thron auch ohne meiner Tochter Hand verspreche. O, zwinge Du mich nicht, Tyrann zu sein! Schon schwer genug drückt mich der Völker Fluch, das Blut der Prinzen, die ich hingeopfert; drum, wenn das eigne Unglück Dich nicht rührt, laß meines Dich erbarmen! Spare mir den Jammer, Deine Leiche zu beweinen, die Tochter zu verfluchen und mich selbst, der die Verderbliche gezeugt, die Plage der Welt, die bittre Quelle meiner Thränen!

Kalaf. Beruhige Dich, Sire! Der Himmel weiß, wie ich im tiefsten Herzen Dich beklage. Nicht, wahrlich, von so mildgesinntem Vater hat Turandot Unmenschlichkeit geerbt. Du hast nicht Schuld, es wäre denn Verbrechen, sein Kind zu lieben und das Götterbild, das uns bezaubert und uns selbst entrückt, der Welt geschenkt zu haben -- Deine Großmuth spar' einem Glücklicheren auf. Ich bin nicht würdig, Sire, Dein Reich mit Dir zu theilen. Entweder ist's der Götter Schluß und Rath, durch den Besitz der himmlischen Prinzessin mich zu beglücken -- oder enden soll dies Leben, ohne sie mir eine Last! Tod oder Turandot! Es gibt kein Drittes.

Pantalon. Ei, sagt mir, liebe Hoheit! Habt Ihr Euch die Köpfe überm Stadtthor wohl besehn? Mehr sag' ich nicht. Was, Herr, in aller Welt treibt Euch, aus fernen Landen herzukommen und Euch frisch weg, wie Ihr vom Pferd gestiegen, mir nichts, Dir nichts, wie einen Ziegenbock abthun zu lassen? Dame Turandot, das seid gewiß, dreht Euch drei Räthselchen, daran die sieben Weisen Griechenlands, mit sammt den siebenzig Dolmetschern sich die Nägel Jahre lang umsonst zerkauten. wir selbst, so alte Practici und grau geworden über Büchern, haben Noth, das Tiefe dieser Räthsel zu ergründen. Es sind nicht Räthsel aus dem Kinderfreund, nicht solches Zeug, wie das:

Wer's sieht, für den ist's nicht bestellt,
Wer's braucht, der zahlt dafür kein Geld,
Wer's macht, der will's nicht selbst ausfüllen,
Wer's bewohnt, der thut es nicht mit Willen,

Nein, es sind Räthsel von dem neusten Schnitt, und sind verfluchte Nüsse aufzuknacken. Und wenn die Antwort nicht zum guten Glück auf dem Papier, das man den Herrn Doktoren versiegelt übergibt, geschrieben stünde, sie möchten's auch mit allem ihrem Witz in einem Säculum nicht ausstudieren. Darum, Herr Milchbart, zieht in Frieden heim! Ihr jammert mich, seid ein so junges Blut, und Schade wär's um Eure schönen Haare. Beharrt Ihr aber drauf, so steht ein Rettich des Gärtners fester, Herr, als Euer Kopf.

Kalaf. Ihr sprecht verlorne Worte, guter Alter. Tod oder Turandot!

Tartaglia (stotternd). Tu -- Turandot! Zum Henker, welcher Steifsinn und Verblendung! Hier spielt man nicht um wälsche Nüsse, Herr, noch um Kastanien -- 's ist um den Kopf zu thun -- den Kopf -- bedenkt das wohl! Ich will sonst keinen Grund anführen als den einen; er ist nicht klein -- den Kopf! Es gilt den Kopf. Die Majestät höchstselbst, auf ihrem Thron, läßt sich herab, Euch väterlich zu warnen und abzurathen -- Dreihundert Pferde sind der Sonne dargebracht, dreihundert Ochsen dem höchsten Himmelsgott, dreihundert Kühe den Sternen und dem Mond dreihundert Schweine. Und Ihr seid störrig genug und undankbar, das kaiserliche Herz so zu betrüben? Wär' überall auch keine andre Dame mehr in der Welt, als diese Turandot, blieb's immer doch ein loser Streich von Euch, nehmt mir's nicht übel, junger Herr. Es ist, weiß Gott! die pure Liebe und Erbarmniß, die mich so frei läßt von der Leber sprechen. Den Kopf verlieren! Wißt Ihr, was das heißt? Es ist nicht möglich --

Kalaf. So in Wind zu reden! Ihr habt in Wind gesprochen, alter Meister! Tod oder Turandot!

Altoum. Nun denn, so hab' es! Verderbe Dich, und mich stürz' in Verzweiflung! (Zu der Wache) Man geh' und rufe meine Tochter her. (Wache geht hinaus.) Sie kann sich heut am zweiten Opfer weiden.

Kalaf (gegen die Thüre gewendet, in heftiger Bewegung). Sie kommt! Ich soll sie sehen! Ew'ge Mächte, das ist der große Augenblick! O, stärket mein Herz, daß mich der Anblick nicht verwirre, des Geistes Helle nicht mit Nacht umgebe! Ich fürchte keine als der Schönheit Macht. Ihr Götter, gebt, daß ich mir selbst nicht fehle! Ihr seht es, meine Seele wankt; Erwartung durchzittert mein Gebein und schnürt das Herz mir in der Brust zusammen. -- Weise Richter des Divans! Richter über meine Tage! O, zeiht mich nicht strafbaren Übermuths, daß ich das Schicksal zu versuchen wage! Bedauert mich! Beweint den Unglücksvollen! Ich habe hier kein Wählen und kein Wollen! Unwiderstehlich zwingend reißt es mich von hinnen, es ist mächtiger, als ich.

Vierter Auftritt

Man hört einen Marsch.

Truffaldin tritt auf, den Säbel an der Schulter, die Schwarzen hinter ihm, darauf mehrere Sklavinnen, die zu den Trommeln accompagnieren. Nach diesen Adelma und Zelima, jene in tartarischem Anzug, beide verschleiert. Zelina trägt einen Schüssel mit versiegelten Papieren. Truffaldin und seine Schwarzen werfen sich im Vorbeiziehen vor dem Kaiser mit der Stirn auf die Erde und stehen sogleich wieder auf; die Sklavinnen knieen nieder mit der Hand auf der Stirn. Zuletzt erscheint Turandot verschleiert, in reicher chinesischer Kleidung, majestätisch und stolz. Die Räthe und Doctoren werfen sich vor ihr mit dem Angesicht auf die Erde. Altoum steht auf; die Prinzessin macht ihm, die Hand auf der Stirn, eine abgemessene Verbeugung, steigt dann auf ihren Thron und setzt sich. Zelima und Adelma nehmen zu ihren beiden Seiten Platz, und die letztere den Zuschauern am nächsten. Truffaldin nimmt der Zelima die Schlüssel ab und vertheilt unter lächerlichen Ceremonien die Zettel unter die acht Doctoren. Darauf entfernt er sich mit denselben Verbeugungen, wie am Anfang, und der Marsch hört auf.

Turandot (nach einer langen Pause). Wer ist's, der sich aufs Neu vermessen schmeichelt, nach so viel kläglich warnender Erfahrung, in meine tiefen Räthsel einzudringen! Der, seines eignen Lebens Feind, die Zahl der Todesopfer zu vermehren kommt!

Altoum (zeigt auf Kalaf, der erstaunt in der Mitte des Divans steht). Der ist es, Tochter -- würdig wohl ist er's, daß Du freiwillig zum Gemahl ihn wählest, Ohn' ihn der furchtbarn Probe auszusetzen und neue Trauer diesem Land, dem Herzen des Vaters neue Stacheln zu bereiten.

Turandot (nachdem sie ihn eine Zeit lang betrachtet, leise zur Zelima). O Himmel! Wie geschieht mir, Zelima!

Zelima. Was ist Dir, Königin?

Turandot. Noch Keiner trat im Divan auf, der dieses Herz zu rühren verstanden hätte. Dieser weiß die Kunst.

Zelima. Drei leichte Räthsel denn, und Stolz -- fahr hin!

Turandot. Was sagst Du? Wie, Verwegne? Meine Ehre?

Adelma (hat während dieser Rede den Prinzen mit höchstem Erstaunen betrachtet, für sich). Täuscht mich ein Traum? Was seh' ich, große Götter! Er ist's, der schöne Jüngling ist's, den ich am Hofe meines Vaters Keicobad als niedern Knecht gesehn! -- Er war ein Prinz! Ein Königssohn! Wohl sagte mir's mein Herz; O, meine Ahnung hat mich nicht betrogen!

Turandot. Prinz, noch ist's Zeit. Gebt das verwegene Beginnen auf! Gebt's auf! Weicht aus dem Divan! Der Himmel weiß, daß jene Zungen lügen, die mich der Härte zeihn und Grausamkeit. -- Ich bin nicht grausam. Frei nur will ich leben; bloß keines Andern will ich sein; dies Recht, das auch dem allerniedrigsten der Menschen im Leib der Mutter anerschaffen ist, will ich behaupten, eines Kaisers Tochter. Ich sehe durch ganz Asien das Weib erniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt, und rächen will ich mein beleidigtes Geschlecht an diesem stolzen Männervolke, dem kein andrer Vorzug vor dem zärtern Weibe als rohe Stärke ward. Zur Waffe gab Natur mir den erfindenden Verstand und Scharfsinn, meine Freiheit zu beschützen. -- Ich will nun einmal von dem Mann nichts wissen, ich hass' ihn, ich verachte seinen Stolz und Übermuth -- Nach allem Köstlichen streckt er begehrlich seine Hände aus; was seinem Sinn gefällt, will er besitzen. Hat die Natur mit Reizen mich geschmückt, mit Geist begabt -- warum ist's denn das Los des Edeln in der Welt, daß es allein des Jägers wilde Jagd nur reizt, wenn das Gemeine in seinem Unwerth ruhig sich verbirgt? Muß denn die Schönheit eine Beute sein für Einen? Sie ist frei, so wie die Sonne, die allbeglückend herrliche, am Himmel, der Quell des Lichts, die Freude aller Augen, doch Keines Sklavin und Leibeigenthum.

Kalaf. So hoher Sinn, so seltner Geistesadel in dieser göttlichen Gestalt! Wer darf den Jüngling schelten, der sein Leben für solchen Kampfpreis freudig setzt! -- Wagt doch der Kaufmann um geringe Güter Schiff und Mannschaft an ein wildes Element; es jagt der Held dem Schattenbild des Ruhms durchs blut'ge Feld des Todes nach -- Und nur die Schönheit wär' gefahrlos zu erwerben, die aller Güter erstes, höchstes ist? Ich also zeih' Euch keiner Grausamkeit; doch nennt auch Ihr den Jüngling nicht verwegen und haßt ihn nicht, weil er mit glühnder Seele nach dem Unschätzbaren zu streben wagt! Ihr selber habt ihm seinen Preis gesetzt, womit es zu erkaufen ist -- die Schranken sind offen für den Würdigen -- Ich bin ein Prinz, ich hab' ein Leben dran zu wagen. kein Leben zwar des Glücks; doch ist's mein Alles, und hätt' ich's tausendmal, ich gäb' es hin.

Zelima (leise zu Turandot). Hört Ihr, Prinzessin? Um der Götter willen! Drei leichte Räthsel! Er verdient's.

Adelma. Wie edel! Welche Liebenswürdigkeit! O, daß er mein sein könnte! Hätt' ich damals gewußt, daß er ein Prinz geboren sei, als ich der süßen Freiheit mich noch freute! -- O, welche Liebe flammt in meiner Brust, seitdem ich ihn mir ebenbürtig weiß! -- Muth, Muth, mein Herz! Ich muß ihn noch besitzen.

(Zu Turandot.)

Prinzessin! Ihr verwirret Euch! Ihr schweigt! Bedenket Euren Ruhm! Es gilt die Ehre!

Turandot. Und er allein riss' mich zum Mitleid hin? Nein. Turandot, Du mußt Dich selbst besiegen. -- Verwegener, wohlan! Macht Euch bereit!

Altoum. Prinz, Ihr beharrt noch?

Kalaf. Sire! ich wiederhol' es: Tod oder Turandot! (Pantalon und Tartaglia geberden sich ungeduldig.)

Altoum. So lese man das blutige Mandat. Er hör's und zittre!

(Tartaglia nimmt das Gesetzbuch aus dem Busen, küßt es, legt es sich auf die Brust, hernach auf die Stirn, dann überreicht er's dem Pantalon.)

Pantalon (empfängt das Gesetzbuch, nachdem er sich mit der Stirn auf die Erde geworfen, steht auf und liest dann mit lauter Stimme.)

"Es kann sich jeder Prinz um Turandot bewerben,
Doch erst drei Räthsel legt die Königin ihm vor.
Löst er sie nicht, muß er vom Beile sterben,
Und schaugetragen wird sein Haupt auf Peckins Thor.
Löst er die Räthsel auf hat er die Braut gewonnen.
So lautet das Gesetz. Wir schwören's bei der Sonnen."

(Nach geendigter Vorlesung küßt er das Buch, legt es sich auf die Brust und Stirn und überreicht es dem Tartaglia, der sich mit der Stirn auf die Erde wirft, es empfängt und dem Altoum präsentiert.)

Altoum (hebt die rechte Hand empor und legt sie auf das Buch). O Blutgesetz! Du meine Qual und Pein! Ich schwör's bei Fohis Haupt, Du sollst vollzogen sein.

(Tartaglia steckt das Buch wieder in den Busen, es herrscht eine lange Stille.)

Turandot (in declamatorischem Ton, aufstehend).

Der Baum, auf dem die Kinder
Der Sterblichen verblühn,
Steinalt, nichts desto minder
Stets wieder jung und grün;

Er kehrt auf einer Seite
Die Blätter zu dem Licht;
Doch kohlschwarz ist die zweite
Und sieht die Sonne nicht.

Er setzet neue Ringe,
So oft er blühet, an.
Das Alter aller Dinge
Zeigt er den Menschen an.

In seine grüne Rinden
Drückt sich ein Name leicht,
Der nicht mehr ist zu finden,
Wenn sie verdorrt und bleicht.

So sprich, kannst Du's ergründen,
Was diesem Baume gleicht?

(Sie setzt sich wieder).

Kalaf (nachdem er eine Zeitlang nachdenkend in die Höhe gesehen, verbeug sich gegen die Prinzessin). Zu glücklich, Königin, ist Euer Sklav, wenn keine dunklern Räthsel auf ihn warten. Dieser alte Baum, der immer sich erneut, auf dem die Menschen wachsen und verblühen, und dessen Blätter auf der einen Seite die Sonne suchen, auf der andern fliehen, in dessen Rinde sich so mancher Name schreibt, der nur, so lang sie grün ist, bleibt. -- Er ist -- das Jahr mit seinen Tagen und Nächten.

Pantalon (freudig). Tartaglia! Getroffen!

Tartaglia. Auf ein Haar!

Doctoren (erbrechen ihre Zettel). Optime! Optime! Optime! das Jahr, das Jahr, das Jahr! Es ist das Jahr. (Musik fällt ein.)

Altoum (freudig). Der Götter Gnade sei mit Dir, mein Sohn, und helfe Dir auch durch die andern Räthsel!

Zelima (bei Seite). O Himmel, schütz' ihn!

Adelma (gegen die Zuschauer). Himmel, schütz' ihn nicht! Laß nicht geschehn, daß ihn die Grausame gewinne, und die Liebende verliere!

Turandot (entrüstet, für sich). Er sollte siegen? Mir den Ruhm entreißen? Nein, bei den Göttern! (Zu Kalaf.) Selbstzufriedner Thor! Frohlocke nicht zu früh! Merk' auf und löse!

(Steht wieder auf und fährt in declamatorischem Tone fort.)

Kennst Du das Bild auf zartem Grunde?
Es gibt sich selber Licht und Glanz.
Ein andres ist's zu jeder Stunde,
Und immer ist es frisch und ganz.

Im engsten Raum ist's ausgeführt,
Der kleinste Rahmen faßt es ein;
Doch alle Größe, die Dich rühret,
kennst Du durch dieses Bild allein.

Und kannst Du den Krystall mir nennen?
Ihm gleicht an Werth kein Edelstein;
Er leuchtet, ohne je zu brennen,
Das ganze Weltall saugt er ein.

Der Himmel selbst ist abgemalet
In seinem wundervollen Ring;
Und doch ist, was er von sich strahlet,
Oft schöner, als was er empfing.

Kalaf (nach einem kurzen Nachdenken, sich gegen die Prinzessin verbeugend). Zürnt nicht, erhabne Schöne, daß ich mich erdreiste, Eure Räthsel aufzulösen. -- Dies zarte Bild, das, in den kleinsten Rahmen gefaßt, das Unermeßliche uns zeigt, und der Krystall, in dem dies Bild sich malt und der noch Schönres von sich strahlt -- Er ist das Aug, in das die Welt sich drückt, Dein Auge ist's, wenn es mir Liebe blickt.

Pantalon (springt freudig auf). Tartaglia! Mein' Seel! Ins schwarze Fleck geschossen.

Tartaglia. Mitten hinein, so wahr ich lebe!

Doctoren (haben die Zettel eröffnet). Optime! Optime! Optime! Das Auge, das Auge, es ist das Auge. (Musik fällt ein.)

Altoum. Welch unverhofftes Glück! Ihr güt'gen Götter! O, laßt ihn auch das letzte Ziel noch treffen!

Zelima (bei Seite). O, wäre dies das letzte!

Adelma (gegen die Zuschauer). Weh mir. Er siegt! Er ist für mich verloren! (Zu Turandot.) Prinzessin, Euer Ruhm ist hin! Könnt Ihr's ertragen? Eure vor'gen Siege alle verschlingt ein einz'ger Augenblick.

Turandot (steht auf in heftigem Zorn). Eh soll die Welt zu Grunde gehn! Verwegner, wisse! Ich hasse Dich nur desto mehr, je mehr Du hoffst mich zu besiegen, zu besitzen. Erwarte nicht das letzte Räthsel! Flieh! Weich aus dem Divan! Rette Deine Seele!

Kalaf. Nur Euer Haß ist's, angebetete Prinzessin, was mich schreckt und ängstiget. Dies unglücksel'ge Haupt sinkt in den Staub, wenn es nicht werth war, Euer Herz zu rühren.

Altoum. Steh ab, geliebter Sohn! Versuche nicht die Götter, die Dir zweimal günstig waren. Jetzt kannst Du Dein gerettet Leben noch, gekrönt mit Ehre, aus dem Divan tragen. Nichts helfen Dir zwei Siege, wenn der dritte Dir, der entscheidende, mißlingt -- Je näher dem Gipfel, desto schwerer ist der Fall. -- Und Du -- laß es genug sein, meine Tochter, steh ab, ihm neue Räthsel vorzulegen. Er hat geleistet, was kein andrer Prinz vor ihm. Gib ihm die Hand, er ist sie werth, und endige die Proben.

(Zelima macht flehende, Adelma drohende Geberden gegen Turandot.)

Turandot. Ihm die Hand? Die Proben ihm erlassen? Nein, drei Räthsel sagt das Gesetz. Es habe seinen Lauf.

Kalaf. Es habe seinen Lauf. Mein Schicksal liegt in Götterhand. Tod oder Turandot!

Turandot. Tod also! Tod! Hörst Du's?

(Sie steht auf und fährt auf die vorige Art zu declamieren fort.)

Wie heißt das Ding, das Wen'ge schätzen,
Doch ziert's des größten Kaisers Hand;
Es ist gemacht, um zu verletzen,
Am nächsten ist's dem Schwert verwandt.

Kein Blut vergießt's und macht doch tausend Wunden,
Niemand beraubt's und macht doch reich,
Es hat den Erdkreis überwunden,
Es macht das Leben sanft und gleich.

Die größten Reiche hat's gegründet,
Die ältsten Städte hat's erbaut;
Doch niemals hat es Krieg entzündet,
Und Heil dem Volk, das ihm vertraut.

Fremdling, kannst Du das Ding nicht rathen,
So weich aus diesen blühenden Staaten!

(Mit den letzten Worten reißt sie sich ihren Schleier ab.)

Sieh her und bleibe Deiner Sinne Meister! Stirb oder nenne mir das Ding!

Kalaf (außer sich, hält die Hand vor die Augen). O Himmelsglanz! O Schönheit, die mich blendet!

Altoum. Gott, er verwirrt sich, er ist außer sich. Faß Dich, mein Sohn! O, sammle Deine Sinne!

Zelima (für sich). Mir bebt das Herz.

Adelma (gegen die Zuschauer). Mein bist Du, theurer Fremdling! Ich rette Dich, die Liebe wird mich's lehren.

Pantalon (zu Kalaf). Um Gotteswillen, nicht den Kopf verloren! Nehmt Euch zusammen! Herz gefaßt, mein Prinz! O weh, o weh! Ich fürcht', er ist geliefert.

Tartaglia (gravitätisch für sich). Ließ' es die Würde zu, wir gingen selbst zur Küche nach einem Essigglas.

Turandot (hat den Prinzen, der noch immer außer Fassung da steht, unverwandt betrachtet). Unglücklicher! Du wolltest Dein Verderben. Hab' es nun!

Kalaf (hat sich gefaßt und verbeugt sich mit einem ruhigen Lächeln gegen Turandot). Nur Eure Schönheit, himmlische Prinzessin, die mich auf einmal überraschend, blendend umleuchtete, hat mir auf Augenblicke den Sinn geraubt. Ich bin nicht überwunden. Dies Ding von Eisen, das nur Wen'ge schätzen, das Chinas Kaiser selbst in seiner Hand zu Ehren bringt am ersten Tag des Jahrs, dies Werkzeug, das, unschuld'ger als das Schwert, dem frommen Fleiß den Erdkreis unterworfen -- wer träte aus den öden, wüsten Steppen der Tartarei, wo nur der Jäger schwärmt, der Hirte weidet, in dies blühende Land und sähe rings die Saatgefilde grünen und hundert volkbelebte Städte steigen, von friedlichen Gesetzen still beglückt, und ehrte nicht das köstliche Geräthe, das allen diesen Segen schuf -- den Pflug?

Pantalon. O, sei gebenedeit! Laß Dich umhalsen! Ich halte mich nicht mehr vor Freud' und Jubel.

Tartaglia. Gott segne Eure Majestät! Es ist vorbei, und aller Jammer hat ein Ende.

Doctoren (haben die Zettel geöffnet). Der Pflug, der Pflug! Es ist der Pflug!

(Alle Instrumente fallen ein mit großem Geräusch. Turandot ist auf ihrem Thron in Ohnmacht gesunken.)

Zelima (Um Turandot beschäftigt). Blickt auf, Prinzessin! Fasset Euch! Der Sieg ist sein; der schöne Prinz hat überwunden.

Adelma (an die Zuschauer). Der Sieg ist sein! Er ist für mich verloren. -- Nein, nicht verloren! Hoffe noch, mein Herz!

(Altoum ist voll Freude, bedient von Pantalon und Tartaglia, vom Throne gestiegen. Die Doctoren erheben sich alle von ihren Sitzen und ziehen sich nach dem Hintergrund. Alle Thüren werden geöffnet. Man erblickt Volk. Alles dies geschieht, während die Musik fortdauert.)

Altoum (zu Turandot). Nun hörst Du auf, mein Alter zu betrüben, grausames Kind! Genug ist dem Gesetz geschehen, alles Unglück hat ein Ende. -- Kommt an mein Herz, geliebter Prinz, mit Freuden begrüß' ich Euch als Eidam!

Turandot (ist wieder zu sich gekommen und stürzt in sinnloser Wuth von ihrem Throne, zwischen beide sich werfend). Haltet ein! Er hoffe nicht, mein Ehgemahl zu werden! Die Probe war zu leicht. Er muß aufs neu' im Divan mir drei andre Räthsel lösen. Man überraschte mich. Mir ward nicht Zeit vergönnt, mich zu bereiten, wie ich sollte.

Altoum. Grausame Tochter, Deine Frist ist um! Nicht hoffe mehr, uns listig zu beschwatzen. Erfüllt ist die Bedingung des Gesetzes, mein ganzer Divan soll den Ausspruch thun.

Pantalon. Mit Eurer Gunst, Prinzessin Kieselherz! Es braucht nicht neue Räthsel zuzuspitzen und neue Köpfe abzuhacken -- Da! Hier steht der Mann! Der hat's errathen! Kurz: das Gesetz hat seine Endschaft, und das Essen steht auf dem Tisch -- Was sagt der Herr Collega?

Tartaglia. Das Gesetz ist aus, ganz aus, und damit Punctum. Was sagen Ihre Würden, die Doctoren?

Doctoren. Das Gesetz ist aus. Das Köpfen hat ein Ende. Auf Leid folgt Freud. Man gebe sich die Hände.

Altoum. So trete man den Zug zum Tempel an. Der Fremde nenne sich, und auf der Stelle vollziehe man die Trauung --

Turandot (wirft sich ihm in den Weg). Aufschub, Vater! Um aller Götter willen!

Altoum. Keinen Aufschub! Ich bin entschlossen. Undankbares Kind! Schon allzulang zu meiner Schmach und Pein Willfahr' ich Deinem grausamen Begehren. Dein Urtheil ist gesprochen; mit dem Blut von zehn Todesopfern ist's geschrieben, die ich um deinetwillen morden ließ. Mein Wort hab' ich gelöst, nun löse Du das Deine, oder, bei dem furchtbarn Haupt des Fohi sei's geschworen --

Turandot (wirft sich zu seinen Füßen). O mein Vater! Nur einen neuen Tag vergönnt mir --

Altoum. Nichts! Ich will nichts weiter hören. Fort zum Tempel!

Turandot (außer sich). So werde mir der Tempel denn zum Grab! Ich kann und will nicht seine Gattin sein, ich kann es nicht. Eh tausend Tode sterben, als diesem stolzen Mann mich unterwerfen, der bloße Name schon, schon der Gedanke, ihm unterthan zu sein, vernichtet mich.

Kalaf. Grausame, Unerbittliche, steht auf! Wer könnte Euren Thränen widerstehn? (Zu Altoum.) Laßt Euch erbitten, Sire! Ich flehe selbst darum. Gönnt Ihr den Aufschub, den sie fordert. Wie könnt' ich glücklich sein, wenn sie mich haßt! Zu zärtlich lieb' ich sie -- Ich kann's nicht tragen, ihr Leiden, ihren Schmerz zu sehn -- Fühllose! Wenn Dich des treusten Herzens treue Liebe nicht rühren kann, wohlan, so triumphiere! Ich werde nie Dein Gatte sein mit Zwang. O, sähest Du in dies zerrißne Herz, gewiß, Du fühltest Mitleid -- Dich gelüstet nach meinem Blut? Es sei darum. Verstattet, die Probe zu erneuern, Sire -- Willkommen ist mir der Tod. Ich wünsche nicht zu leben.

Altoum. Nichts, nichts! Es ist beschlossen. Fort zum Tempel! Kein anderer Versuch -- Unkluger Jüngling!

Turandot (fährt rasend auf). Zum Tempel denn! Doch am Altar wird Eure Tochter zu sterben wissen.

(Sie zieht einen Dolch und will gehen.)

Kalaf. Sterben! Große Götter! Nein, eh' es dahin kommt -- Hört mich, mein Kaiser! Gönn' Eure Gnade mir die einz'ge Gunst. -- Zum zweitenmal will ich ihr im Divan, ich -- ihr ein Räthsel aufzulösen geben. Und dieses ist: Weß Stamms und Namens ist der Prinz, der, um das Leben zu erhalten, gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienen und Lasten um geringen Lohn zu tragen; der endlich auf dem Gipfel seiner Hoffnung noch unglücksel'ger ist, als je zuvor? -- Grausame Seele! Morgen früh im Divan nennt mir des Vaters Namen und des Prinzen. Vermögt Ihr's nicht -- so laßt mein Leiden enden und schenkt mir diese theure Hand! Nennt Ihr die Namen mir, so mag mein Haupt zum Opfer fallen.

Turandot. Ich bin's zufrieden, Prinz! Auf die Bedingung bin ich die Eurige.

Zelima (für sich). Ich soll von Neuem zittern!

Adelma (seitwärts). Ich darf von Neuem hoffen!

Altoum. Ich bin's nicht zufrieden. Nichts gestatt' ich. Das Gesetz will ich vollzogen wissen.

Kalaf (fällt ihm zu Füßen). Mächt'ger Kaiser! Wenn Bitten Dich bewegen -- wenn Du mein, wenn Du der Tochter Leben liebst, so duld' es! Bewahren mich die Götter vor der Schuld, daß sich ihr Geist nicht sättige. Er weide mit Wollust sich an meinem Blut -- Sie löse im Divan, wenn sie Scharfsinn hat, mein Räthsel!

Turandot (für sich). Er spottet meiner noch, wagt's, mir zu trotzen!

Altoum (zu Kalaf). Unsinniger! Ihr wißt nicht, was Ihr fordert, wißt nicht, welch einen Geist sie in sich hat, das Tiefste auch versteht sie zu ergründen. -- Sei's denn! Die neue Probe sei verstattet! Sie sei des Bandes mit Euch los, kann sie im Divan morgen uns die Namen nennen. Doch eines neuen Mordes Trauerspiel gestatt' ich nicht -- Erräth sie, was sie soll, so zieht in Frieden Euren Weg -- Genug des Blutes ist geflossen. Folgt mir, Prinz! -- unkluger Jüngling! Was habt Ihr gethan?

(Der Marsch wird wieder gehört. Altoum geht gravitätisch mit dem Prinzen, Pantalon. Tartaglia, den Doctoren und der Leibwache durch die Pforte ab, durch die er gekommen. Turandot, Adelma, Zelima, Sklavinnen und Truffaldin mit den Verschnittenen entfernen sich durch die andere Pforte, ihren ersten Marsch wiederholend.)

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