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Dies Irae

Thomas of Celano

Jeden Tag, den Tag der Wehen
Wird die Welt in Brand vergehen,
Wie Prophetenspruch geschehen.

Welch Entsetzen vor der Kunde,
Daß der Richter kommt zur Stunde,
Prüfend alles bis zum Grunde!

Die Posaunen im Wundertone,
Sprengt die Gräber jeder Zone,
Sammelt alle vor dem Throne.

Erd und Tod wird schaun mit Beben
Alle Kreatur sich heben,
Antwort vor Gericht zu geben.

Und ein Buch wird aufgeschlagen,
Drin steht alles eingetragen,
Wes die Welt sit anzuklagen.

Wenn der Richter also sitzet,
Wird, was dunkel war, durchblitzet,
Vor der Rache nichts beschützet.

Ach wie werd ich Armer stehen,
Wen zum Anwalt mir erflehen,
Wenn Gerechte schier vergehen?

Hehrer König, Herr der Schrecken!
Gnade nur deckt unsre Flecken,
Gnade, Gnade laß mich decken!

Jesu, milder Heiland, siehe,
Wie ich Ziel war Deiner Mühe,
Daß ich jenem Zorn entfliehe.

Bist so treu mich suchen gangen,
Hast am Kreuz für mich gehangen;
Nicht umsonst sei Müh und Bangen!

Richter mit der heil'gen Wage,
Tilge wider mich die Klage
Vor dem großen Rachetage!

Sieh, ich seufze schuldbeladen,
Schamrot über schweren Schaden:
Hör mein Flehen, Gott, in Gnaden!

Du, der freisprach eins Marien
Und dem Schächer noch verziehen,
Hast auch Hoffnung mir verliehen.

Mein Gebet gilt nicht so teuer;
Aber laß mich, O Du Treuer,
Nicht vergehn im ew'gen Feuer!

Zu den Schafen mich geselle;
Fern den Böcken und der Hölle
Mich zu Deiner Rechten stelle!

Wenn Verworfne sich entfärben,
Die Du hingibst ins Verderben,
Rufe mich zu Deinem Erben!

Tief im Staub ring ich die Hände;
Zum Zerknirschten, Herr, Dich wende!
Herr gedenke mein am Ende!

Dt. Interpretation: Albert Knapp. 1798-1864.
Gesangbuch f.ev.K.W. 1912. Nr. 538.


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