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Das Gespenst von Canterville

Oscar Wilde

Kapitel IV

Am folgenden Tag war das Gespenst sehr schwach und müde. Die schrecklichen Aufregungen der letzten vier Wochen begannen ihre Wirkung zu zeigen. Seine Nerven waren völlig zerrüttet, und bei dem leisesten Geräusch fuhr es vor Schreck zusammen. Fünf Tage blieb es in seinem Gemach und entschloss sich am Ende, die Sache mit dem Blutfleck auf dem Fußboden der Bibliothek aufzugeben. Wenn die Familie Otis ihn nicht wünschte, verdiente sie ihn einfach nicht. Offenbar waren sie Leute einer niederen, materiellen Lebenssphäre und völlig außerstande, den Symbolwert sensualistischer Phänomene zu würdigen. Die Frage der Geistererscheinungen und das Entstehen von Astralleibern war natürlich eine ganz andere Sache und lag wahrhaftig nicht in seiner Macht. Es war seine feierliche Pflicht, einmal wöchentlich im Korridor zu erscheinen und am ersten und dritten Mittwoch jeden Monats aus dem großen Erker hervor Kauderwelsch zu brabbeln, und es sah keine Möglichkeit, wie es sich diesen Verbindlichkeiten auf ehrenvolle Weise entziehen könnte. Gewiss hatte es ein sehr arges Leben geführt, doch andrerseits war es in allen Dingen, die mit dem Übernatürlichen zusammenhingen, ungemein gewissenhaft. Folglich ging es an den nächsten drei Sonnabenden wie üblich zwischen Mitternacht und drei Uhr früh durch den Korridor, wobei es jede nur erdenkliche Vorsicht walten ließ, weder gehört noch gesehen zu werden. Es zog sich die Stiefel aus, trat so leicht wie nur möglich auf die alten, wurmzerfressenen Dielen, trug einen weiten schwarzen Samtmantel und ließ es sich angelegen sein, mit dem Sonnenaufgang-Öl seine Ketten zu schmieren. Ich muß allerdings zugeben, daß es sich nur mit großem Widerstreben dazu verstand, die letztgenannte Schutzmaßnahme zu ergreifen. Dennoch schlich es eines Abends, als die Familie beim Essen saß, in Mr. Otis' Schlafzimmer und holte sich die Flasche. Zunächst fühlte es sich etwas gedemütigt, doch später war es vernünftig genug, einzusehen, daß sich viel zugunsten der Erfindung sagen ließ, und bis zu einem gewissen Grade kam sie seiner Absicht entgegen. Doch ungeachtet all dessen blieb es nicht unbehelligt. Ständig waren quer durch den Gang Bindfäden gespannt, über die es im Dunkeln stolperte, und einmal, als es für die Rolle des 'Schwarzen Isaak oder Der Jäger vom Hogleywald' gekleidet war, erlitt es einen schweren Sturz, weil es auf eine Butterrutschbahn getreten war, die die Zwillinge von der Tür des Gobelinzimmers bis zum obersten Absatz der Eichentreppe angelegt hatten. Diese letzte Kränkung brachte es dermaßen in Wut, daß es sich zu einem letzten Versuch entschloss, seine Würde und seine gesellschaftliche Stellung zu behaupten und die unverschämten jungen Etonschüler nachts darauf in seiner berühmten Rolle als 'Rupert der Rücksichtslose oder Der Graf ohne Kopf' heimzusuchen. In dieser Verkleidung war es mehr als siebzig Jahre nicht mehr aufgetreten, tatsächlich nicht, seit es die reizende Lady Barbara Modish dadurch so sehr erschreckt hatte, daß sie plötzlich ihre Verlobung mit dem Großvater des jetzigen Lords Canterville löste, mit dem hübschen Jack Castleton nach Gretna Green durchbrannte und erklärte, nichts auf der Welt werde sie dazu bewegen, in eine Familie einzuheiraten, die einem so grässlichen Gespenst erlaube, in der Morgendämmerung auf der Terrasse hin und her zu spazieren. Der arme Jack wurde später in einem Duell auf dem Gemeindeanger des Vororts Wandsworth von Lord Canterville erschossen, und Lady Barbara starb, ehe das Jahr um war, in Turnbridge Wells an gebrochenem Herzen, so daß es in jeder Hinsicht ein großer Erfolg gewesen war. Allerdings war es ein überaus mühevolles 'Make-up', wenn ich einen Theaterausdruck in Verbindung mit einem der größten Geheimnisse der übernatürlichen oder, um mich wissenschaftlicher auszudrücken, der supernaturalistischen Welt anwenden darf, und es nahm drei volle Stunden in Anspruch, die Vorbereitungen zu treffen. Endlich war alles fertig, und das Gespenst war überaus angetan von seinem Äußeren. Die mächtigen ledernen Reitstiefel, die zu dem Kostüm gehörten, waren ihm ein wenig zu groß, und es konnte nur eine der beiden Sattelpistolen finden, aber alles in allem war es durchaus zufrieden, und um Viertel zwei glitt es aus der Wandtäfelung und schlich den Gang entlang. Als es das Zimmer der Zwillinge erreichte, das, wie ich erwähnen sollte, nach der Farbe seiner Tapeten das 'blaue Schlafzimmer' hieß, fand es die Tür nur angelehnt. Da es sich einen wirkungsvollen Auftritt zu verschaffen wünschte, stieß es die Tür weit auf, und herab fiel ein schwerer Krug Wasser, durchnässte es bis auf die Haut und sauste um ein Haar an seiner linken Schulter vorbei. Im selben Augenblick vernahm es unterdrücktes Gelächter aus dem Zwillingsbett. Das war ein so schwerer Schock für sein Nervensystem, daß es so schnell wie nur möglich in sein Gemach flüchtete und den nächsten Tag mit einer heftigen Erkältung darniederlag. Der einzig tröstliche Umstand bei der ganzen Sache war, daß es seinen Kopf nicht mitgenommen hatte, denn in dem Fall hätte es sehr ernste Folgen für ihn haben können.

Es gab nun alle Hoffnung auf, dieser ungesitteten amerikanischen Familie jemals einen Schreck einjagen zu können, und begnügte sich in der Regel damit, in Filzpantoffeln die Gänge entlang zu schleichen, einen dicken roten Schal um den Hals, aus Angst vor Zugluft, und mit einer kleinen Arkebuse, für den Fall, daß es von den Zwillingen angegriffen würde. Den entscheidenden Schlag erhielt es am 19. September. Es war in die große Eingangshalle hinuntergegangen, weil es sich dort zumindest vor Belästigungen sicher fühlte, und vertrieb sich die Zeit mit bissigen Bemerkungen über die gewaltigen Saroni Photographien des Gesandten der Vereinigten Staaten und seiner Gattin, die jetzt die Stelle der Familiengemälde derer von Canterville eingenommen hatten. Es war schlicht, aber gefällig in ein langes, mit Friedhofserde getüpfeltes Sterbehemd gekleidet, hatte sich die Kinnlade mit einem gelben Leinenstreifen hochgebunden und trug eine kleine Laterne und einen Totengräberspaten. In der Tat war es für die Rolle als 'Jonas der Unbegrabene oder Der Leichenräuber von Chertsey Barn' angezogen, eine seiner bemerkenswertesten Darstellungen, und zudem eine, die den Cantervilles allen Anlass gab, sich daran zu erinnern, da sie den wahren Ursprung ihres Zwistes mit Lord Rufford, ihrem Nachbarn, bildete. Es war etwa Viertel drei Uhr früh, und soweit das Gespenst feststellen konnte, rührte sich niemand. Doch als es in die Bibliothek schlurfte, um nachzusehen, ob noch irgendeine Spur von dem Blutfleck zurückgeblieben war, sprangen plötzlich aus einem dunklen Winkel zwei Gestalten hervor, die wild mit den Armen über den Köpfen herumfuchtelten und ihm "Buh!", ins Ohr brüllten.

Von Panik ergriffen, was unter den gegebenen Umständen nur allzu natürlich war, sauste es der Treppe zu, wo es jedoch Washington Otis mit der großen Gartenspritze auf seinem Posten fand, und da sich das Gespenst nun überall von seinen Feinden eingeschlossen und fast gestellt sah, verschwand es in dem großen eisernen Ofen, der zum Glück nicht geheizt war, und mußte durch Feuerkanäle und Rauchfänge den Rückweg zu seinem Gemach nehmen, wo es in einem entsetzlichen Zustand von Schmutz, Zerrüttung und Trostlosigkeit anlangte.

Danach wurde es nicht wieder bei einem nächtlichen Unternehmen gesehen. Die Zwillinge lauerten ihm mehrmals auf und streuten zum großen Verdruss ihrer Eltern und der Dienstboten jeden Abend Nussschalen in die Gänge, doch ohne Erfolg. Ganz offensichtlich waren seine Gefühle so verletzt, das es nicht mehr erscheinen wollte. Also machte sich Mr. Otis wieder an sein großes Werk über die Geschichte der Demokratischen Partei, mit dem er sich bereits etliche Jahre beschäftigte; Mrs. Otis organisierte ein wunderhübsches Fest, das amerikanische 'Muschelbacken', das die ganze Grafschaft in Staunen versetzte; die Buben vertrieben sich die Zeit mit Lacrosse, Euchre, Poker und anderen amerikanischen Nationalspielen, und Virginia ritt auf ihrem Pony durch die Gegend, begleitet von dem jungen Herzog von Cheshire, der die letzte Woche seiner Ferien in Canterville Chase verbrachte. Es wurde allgemein angenommen, das Gespenst habe das Haus verlassen, und Mr. Otis schrieb tatsächlich einen entsprechenden Brief an Lord Canterville, der in seinem Antwortschreiben seiner großen Freude über die Nachricht Ausdruck verlieh und der hochgeschätzten Gattin des Gesandten seine besten Glückwünsche übermittelte.

Gleichwohl irrte sich die Familie Otis, denn das Gespenst weilte noch im Hause, und wenn jetzt auch nahezu ein Invalide, war es doch keineswegs gewillt, die Dinge ruhen zu lassen, noch dazu, als es vernahm, daß sich unter den Gästen der junge Herzog von Cheshire befand, dessen Großonkel, Lord Francis Stilton, einst mit Oberst Carbury um hundert Guineen gewettet habe, er werde mit dem Gespenst von Canterville würfeln, und der am nächsten Morgen in einem so hilflosen, gelähmten Zustand auf dem Boden des Spielzimmers gefunden wurde, daß er, obgleich er ein hohes Alter erreichte, nie mehr imstande war, etwas anderes zu sagen als 'Zweimal Sechs'. Die Geschichte war zu jener Zeit überall bekannt geworden, obgleich natürlich mit Rücksicht auf die Gefühle der beiden vornehmen Familien alles versucht wurde, sie zu vertuschen, und einen ausführlichen Bericht über alle damit verbundenen Umstände findet man im dritten Band von Lord Tattles 'Erinnerungen an den Prinzregenten und seine Freunde'. Dem Gespenst lag natürlich viel daran, zu beweisen, daß es seine Macht über die Stiltons nicht eingebüßt hatte, mit denen es freilich entfernt verwandt war, da seine Cousine ersten Grades in zweiter Ehe mit dem Sieur de Bulkeley verheiratet gewesen war, von dem, wie jeder weiß, die Herzöge von Cheshire in gerader Linie abstammen. Folglich traf es Vorbereitungen, Virginias kleinem Verehrer in seiner berühmten Rolle als 'Der Vampirmönch oder Der blutlose Benediktiner' zu erscheinen, eine so grauenvolle Darstellung, daß die alte Lady Startup bei ihrem Anblick in jener verhängnisvollen Silvesternacht des Jahres 1764 in ein ohrenbetäubendes geltendes Geschrei ausbrach, das in einem heftigen Schlaganfall gipfelte, und drei Tage später starb, nachdem sie die Cantervilles, ihre nächsten Verwandten, enterbt und ihr gesamtes Geld ihrem Londoner Apotheker vermacht hatte.

Im letzten Augenblick hielt jedoch das Entsetzen vor den Zwillingen das Gespenst davon ab, den Raum zu verlassen, und der kleine Herzog schlief friedlich unter dem mächtigen, mit Federbüschen besteckten Betthimmel des königlichen Schlafgemachs und träumte von Virginia.


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