Cordula's Web. Castle in Autumn, by M. H. L.
Castle in Autumn. Copyright © 1998 M. H. L. Gallery 1
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Das Gespenst von Canterville

Oscar Wilde

Kapitel V

Ein paar Tage später ritten Virginia und ihr Kavalier mit dem Lockenhaar über die Brockleywiesen, wo sich Virginia bei dem Versuch, eine Hecke zu nehmen, so arg ihr Reitkleid zerriss, daß sie sich, daheim angelangt, dafür entschied, über die Hintertreppe hinaufzugehen, damit sie nicht gesehen werde. Als sie an dem Gobelinzimmer vorbeilief, dessen Tür zufällig offen stand, glaubte sie darin jemanden wahrzunehmen, und da sie meinte, es sei die Zofe ihrer Mutter, die sich zuweilen mit ihrer Arbeit dort niederließ, schaute sie hinein und wollte sie bitten, ihr Reitkleid auszubessern. Doch zu ihrer ungeheuren Überraschung war es das Gespenst von Canterville! Es saß am Fenster und beobachtete, wie das zerstörte Gold der gelb gewordenen Bäume durch die Luft flog und die roten Blätter übermütig durch die lange Allee tanzten. Sein Kopf ruhte in der Hand, und seine ganze Haltung drückte tiefe Niedergeschlagenheit aus. Es sah wahrhaftig so verloren und hinfällig aus, daß die kleine Virginia, deren erster Gedanke gewesen war, fortzulaufen und sich in ihrem Zimmer einzuschließen, von Mitleid erfüllt wurde und es zu trösten beschloss. So leicht war ihr Schritt und so tief seine Schwermut, daß es ihrer nicht gewahr wurde, bis sie zu ihm sprach.

"Sie tun mir so leid", sagte sie, "aber meine Brüder fahren morgen wieder nach Eton, und dann wird Sie keiner mehr ärgern, wenn Sie sich gesittet benehmen."

"Es ist absurd, von mir zu fordern, ich solle mich gesittet benehmen", antwortete das Gespenst, während es sich erstaunt nach dem hübschen Mädchen umsah, das gewagt hatte, es anzureden, "völlig absurd. Ich muß mit meinen Ketten rasseln und durch Schlüssellöcher seufzen und des Nachts umherwandern, wenn Sie das meinen. Das ist meine einzige Daseinsberechtigung."

"Das ist überhaupt keine Daseinsberechtigung, und Sie wissen, daß Sie sehr böse gewesen sind. Mistress Umney hat uns am Tag unserer Ankunft erzählt, daß Sie Ihre Frau umgebracht haben."

"Nun ja, das gebe ich zu", erwiderte das Gespenst verdrossen, "aber das war eine reine Familienangelegenheit und ging niemanden sonst etwas an."

"Es ist sehr unrecht, jemanden umzubringen", sagte Virginia, die mitunter einen hinreißenden puritanischen Ernst an sich hatte, der das Erbteil irgendeines Neuengland-Ahnen war.

"Oh, ich hasse die wohlfeile Strenge abstrakter Moral! Mein Weib war sehr unansehnlich, stärkte mir nie die Halskrausen, wie es sich gehört, und hatte vom Kochen keine Ahnung. Im Hogleywald hatte ich mal einen Rehbock geschossen, einen kapitalen Spießer, und wissen Sie, wie sie den auf den Tisch brachte? Wie dem auch sei, das ist jetzt gleichgültig, denn das ist alles vorbei, und ich finde es nicht sehr nett von Ihren Brüdern, mich darben zu lassen, wenn ich auch dreist meine Frau umgebracht habe."

"Sie darben zu lassen? Oh, Mister Gespenst, ich meine, Mister Simon, sind Sie hungrig? Ich habe ein Butterbrot in der Tasche. Möchten Sie es haben?"

"Nein, danke, ich esse jetzt nie etwas; aber es ist trotzdem sehr freundlich von Ihnen, und Sie sind viel netter als alle andern Ihrer grässlichen, rüden, vulgären und unredlichen Familie."

"Halt!" rief Virginia und stampfte mit dem Fuß auf "Sie sind es, der grässlich und rüde und vulgär ist, und was die Unredlichkeit betrifft, so wissen Sie genau, daß Sie mir die Farben aus meinem Malkasten gestohlen haben, um den lächerlichen Blutfleck in der Bibliothek zu erneuern. Zuerst haben Sie mir alles Rot, sogar Zinnober, genommen, und ich konnte keine Sonnenuntergänge mehr malen; dann nahmen Sie Smaragdgrün und Chromgelb, und schließlich hatte ich nur noch Indigo und Weiß und konnte nur noch Mondscheinlandschaften malen, die immer so deprimierend anzuschauen und durchaus nicht leicht zu malen sind. Ich habe Sie niemals verraten, obwohl ich sehr ärgerlich war und die ganze Sache im höchsten Grade lächerlich, denn wer hat je von smaragdgrünem Blut gehört?"

"Nun freilich", bemerkte das Gespenst etwas verlegen, "aber was sollte ich tun? Es ist heutzutage sehr schwer, echtes Blut zu bekommen, und da Ihr Bruder die ganze Sache mit seinem Intensivreiniger angefangen hatte, sah ich wirklich keinen Grund, warum ich nicht Ihre Malfarben nehmen sollte. Denn Farbe ist stets eine Geschmackssache; die Cantervilles haben zum Beispiel blaues Blut, das blaueste von ganz England, aber ich weiß, daß ihr Amerikaner euch um solche Dinge nicht schert."

"Davon wissen Sie überhaupt nichts, und am besten wäre es, Sie wanderten aus und lernten etwas dazu. Mein Vater wird nur allzu glücklich sein, Ihnen die Überfahrt zu bezahlen, und obgleich auf jederlei Geistigem ein hoher Zoll liegt, wird es keine Schwierigkeiten geben, da die Zollbeamten alle Demokraten sind. Und sind Sie erst einmal in New York, ist Ihnen bestimmt ein großer Erfolg gewiss. Ich kenne eine Menge Leute, die hunderttausend Dollar hergeben würden, um einen Großvater zu besitzen, und noch viel mehr für ein Familiengespenst." "Ich glaube, mir würde Amerika nicht gefallen" "Vermutlich weil wir keine Trümmer und keine Sehenswürdigkeiten haben", bemerkte Virginia spöttisch.

"Keine Trümmer? Keine Sehenswürdigkeiten?" entgegnete das Gespenst. "Sie haben doch Ihre Flotte und Ihre Umgangsformen."

"Guten Abend, ich werde Papa bitten, daß er den Zwillingen noch eine zusätzliche Woche Ferien verschafft."

"Bitte gehen Sie nicht, Miss Virginia", rief das Gespenst, "ich bin so einsam und so unglücklich, und ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll. Ich möchte schlafen und kann es nicht."

"Das ist völliger Unsinn! Sie brauchen nur ins Bett zu gehen und die Kerze auszupusten. Es ist manchmal sehr schwer, wach zu bleiben, vor allem in der Kirche, aber Schlafen ist doch überhaupt nicht schwierig. Sogar Babys können das, und die sind ja nicht sehr gescheit."

"Ich habe seit dreihundert Jahren nicht mehr geschlafen", erwiderte das Gespenst traurig, und Virginias schöne blaue Augen weiteten sich vor Staunen, "seit dreihundert Jahren habe ich nicht mehr geschlafen, und ich bin so müde."

Virginia wurde ganz ernst, und ihre kleinen Lippen zitterten wie Rosenblätter. Sie trat zu ihm, kniete neben ihm nieder und blickte empor in sein altes, welkes Gesicht.

"Armes, armes Gespenst", murmelte sie, "haben Sie kein Fleckchen, wo Sie schlafen können?"

"Weit hinter den Fichtenwäldern", antwortete es mit leiser, träumerischer Stimme, "liegt ein kleiner Garten. Dort wächst das Gras lang und dicht, dort leuchten die großen weißen Sterne des Schierlings, dort singt die Nachtigall die ganze Nacht. Die ganze Nacht singt sie, und der kalte, kristallene Mond schaut hernieder, und die Eibe breitet ihre riesigen Arme über die Schläfer."

Virginias Augen trübten sich von Tränen, und sie barg ihr Gesicht in den Händen.

"Sie meinen den Garten des Todes", flüsterte sie.

"Ja, des Todes. Tod muß so schön sein. In der weichen braunen Erde liegen, während über unserm Kopf das Gras wogt, und der Stille lauschen. Kein Gestern haben und kein Morgen. Die Zeit vergessen, dem Leben verzeihen, in Frieden sein. Sie können mir helfen. Sie können mir die Pforten zum Haus des Todes öffnen, denn an Ihrer Seite ist stets die Liebe, und die Liebe ist stärker als der Tod."

Virginia zitterte, ein kalter Schauer durchrann sie, und eine kleine Weile herrschte Schweigen.

Dann sprach das Gespenst wieder, und seine Stimme klang wie das Seufzen des Windes.

"Haben Sie je die alte Prophezeiung am Fenster der Bibliothek gelesen?"

"Oh, oft", rief das kleine Mädchen und schaute hoch, "ich kenne sie sehr gut. Sie ist in merkwürdigen schwarzen Buchstaben gemalt und schwer zu lesen. Sie hat nur sechs Zeilen:"

Entringt ein Mägdlein voll Unschuld und Treu
Sünderlippen Gebete der Reu,
Steht der dürre Mandelbaum in Blüte,
Vergießet ein Kindlein Tränen der Güte,
Dann wird es im ganzen Hause still,
Und Friede zieht ein in Canterville.

"Aber ich weiß nicht, was das bedeutet"

"Es bedeutet", sagte es traurig, "daß Sie um meiner Sünden willen für mich weinen müssen, weil ich keine Tränen habe, und mit mir für meine Seele beten müssen, weil ich keinen Glauben habe, und wenn Sie immerdar lieb und gut und freundlich gewesen sind, dann wird der Engel des Todes Erbarmen mit mir haben. Sie werden im Dunkel schreckliche Gestalten erblicken, und böse Stimmen werden Ihnen ins Ohr raunen, aber sie werden Ihnen nichts zuleide tun, denn gegen die Reinheit eines Kindleins können sich die Mächte der Hölle nicht behaupten."

Virginia gab keine Antwort, und das Gespenst rang die Hände in wilder Verzweiflung, während es auf ihren geneigten goldblonden Kopf nieder sah. Plötzlich stand sie auf, sehr blass und mit einem ungewöhnlichen Leuchten in den Augen. "Ich fürchte mich nicht", sagte sie entschlossen, "und ich werde den Engel bitten, sich Ihrer zu erbarmen."

Mit einem schwachen Freudenschrei erhob es sich von seinem Sitz, beugte sich mit altmodischer Grazie über ihre Hand und küsste sie. Seine Finger waren kalt wie Eis, und seine Lippen brannten wie Feuer, aber Virginia wankte nicht, als das Gespenst sie durch den dämmrigen Raum führte. Auf die verschossene grüne Wandbekleidung waren kleine Jäger gestickt. Sie bliesen auf ihren mit Quasten geschmückten Hörnern und winkten ihr mit ihren winzigen Händchen, umzukehren. "Kehr um, kleine Virginia!" riefen sie. "Kehr um!" Doch das Gespenst umklammerte ihre Hand noch fester, und sie verschloss die Augen gegen die kleinen Jäger. Grässliche Tiere mit Eidechsenschwänzen und Glotzaugen blinzelten sie von dem gemeißelten Kaminsims an und wisperten: "Hüte Dich, kleine Virginia! Hüte Dich! Vielleicht werden wir Dich nie wiedersehen", aber das Gespenst glitt rascher dahin, und Virginia hörte nicht zu. Am Ende des Raumes blieb er stehen und murmelte einige Worte, die sie nicht verstehen konnte. Sie öffnete die Augen und sah die Wand langsam wie einen Nebeldunst schwinden und vor sich eine weite schwarze Höhle. Ein bitterkalter Wind fegte um sie, und sie spürte etwas an ihrem Kleid zerren. "Schnell, schnell", rief das Gespenst, "sonst ist es zu spät." Und im Nu hatte sich die Wandtäfelung hinter ihnen geschlossen, und das Gobelinzimmer war leer.


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