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Die Eisjungfrau

Hans Christian Andersen

IX. Die Eisjungfrau

Der Frühling hatte seinen saftgrünen Kranz von Walnuß- und Kastanienbäumen entfaltet, der besonders von der Brücke bei St. Maurice die Rhone entlang bis zum Ufer des Genfer Sees an Üppigkeit stets zunahm. In schnellem Lauf rauschte dieser Strom von seiner Quelle unter dem grünen Gletscher, dem Eispalaste, daher, rauschte stürmisch von dorther, wo die Eisjungfrau wohnt, wo sie sich vom scharfen Wind auf das oberste Schneefeld tragen läßt und sich im warmen Sonnenscheine auf den rein gefegten Kissen ausstreckt. Dort saß sie und blickte weitschauend in die tiefen Täler hinab, wo sich die Menschen wie Ameisen geschäftig bewegten.

"Geisteskräfte, wie Euch die Kinder der Sonne nennen!" sagte die Eisjungfrau, "Gewürm seid Ihr! Ein rollender Schneeball, und Ihr und Eure Häuser seid zerdrückt und ausgewischt von der Tafel des Lebens!" Und höher erhob sie ihr stolzes Haupt und blickte mit todsprühenden Augen weit umher und tief hinab. Aber aus dem Tale schallte ein eigentümliches Rollen empor: der Donner von Felsensprengungen, Menschenwerk! Wege und Tunnel wurden für Eisenbahnen angelegt.

"Die niedrigen Maulwürfe!" sagte sie; "sie graben Gänge und deshalb lassen sich Töne wie Flintenschüsse vernehmen. Verlege ich meine Schlösser, dann klingt es stärker als Donnergeroll!"

Aus dem Tale erhob sich Rauch, der sich vorwärts bewegte wie ein flatternder Schleier, ein von der Lokomotive wehender Federbusch, von der Lokomotive, die auf der neueröffneten Eisenbahn die Wagenreihe zog, diese sich windende Schlange, deren Glieder Wagen an Wagen bilden; pfeilschnell schoß der Zug dahin.

"Sie spielen die Herren da unten, diese Geisteskräfte!" fuhr die Eisjungfrau in ihrem Selbstgespräche fort. "Die Kräfte der Naturmächte sind doch allein die herrschenden!" und sie lachte, sie sang, und es hallte im Tale wider.

"Dort rollte soeben eine Lawine!" sagten die Menschen da unten. Aber die Kinder der Sonne sangen noch lauter von dem Menschengedanken, welcher gebietet; das Meer unter dem Joche hält, Berge versetzt, Täler füllt; der Menschengedanke, er ist der Herr der Naturkräfte. Gerade in demselben Augenblicke ging über das Schneefeld, auf dem die Eisjungfrau saß, eine Gesellschaft Reisender. Sie hatten sich mit Stricken aneinander festgebunden, um gleichsam einen einzigen größeren Körper auf der glatten Eisfläche, an den tiefen Abgründen zu bilden.

"Gewürm!" sagte sie. "Ihr wäret die Herren der Naturmächte!" und sie wandte sich von ihnen ab und sah spöttisch in das tiefe Tal hinab, wo der Eisenbahnzug eben vorüberbrauste.

"Da sitzen sie, diese Gedanken. Sie sitzen in der Gewalt der Kräfte, ich sehe sie, sehe jeden einzelnen Menschen im Zuge! Einer sitzt stolz wie ein König, allein; dort sitzen sie in einem Haufen zusammen, die Hälfte schläft, und wenn der Dampfdrache hält, steigen sie aus und gehen ihre Wege. Die Gedanken gehen in die Welt hinaus!" Und sie lachte.

"Da rollt schon wieder eine Lawine!" sagten sie unten im Tale.

"Uns trifft sie nicht!" sagten zwei auf dem Rücken des Dampfdrachens, "zwei Seelen und ein Gedanke", wie es im Liede heißt. Es waren Rudi und Babette, auch der Müller war dabei.

"Als Gepäck!" sagte er. "Ich reise mit als das notwendige Übel!"

"Da sitzen die beiden!" sagte die Eisjungfrau. "Viele Gemsen habe ich zerschmettert, Millionen von Alpenrosen habe ich geknickt und gebrochen, nicht die Wurzel blieb. Ich vertilge sie, die Gedanken, die Geisteskräfte!" Und sie lachte.

"Es rollt schon wieder eine Lawine!" sagten sie unten im Tale.

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