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Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel I.1

Ehe ich eine der furchtbarsten Episoden meiner Reise nach dem äußersten Orient berichte, ist es vielleicht von Interesse, wenn ich kurz auseinandersetze, durch was für Verhältnisse ich zu diesem Unternehmen veranlaßt wurde. Es ist ein Stück zeitgenössischer Weltgeschichte.

Allen denen, die sich vielleicht darüber wundern, daß ich in allen Punkten, die mich betreffen, grundsätzlich und ausnahmslos keine Namen nenne ... im ganzen, weiteren Verlauf dieses wahrhaften und traurigen Berichtes, sage ich nur:

"Mein Name thut nichts zur Sache! ... Es ist der Name eines Menschen, der sich und Andern viel Unheil zufügte, sich noch mehr als den andern, und der, nachdem er nach mannigfaltigen Erschütterungen bis zur Tiefe menschlichen Gelüstes herabgestiegen ist, versucht, sich eine neue Seele in der Einsamkeit und im Dunkel zu schaffen. Friede der Asche seiner Sünde."

Kapitel I.1

Vor zwölf Jahren stellte ich meine Kandidatur zur Deputiertenwahl auf, da ich durchaus nicht mehr wußte, was ich anfangen sollte und durch eine Reihe von Schicksalsschlägen mich der harten Alternative, mich aufzuhängen oder in die Seine zu springen, gegenüber befand; diese Kandidatur - meine letzte Rettung - stellte ich in einem Departement auf, in dem ich keine Menschenseele kannte und in das ich nie den Fuß gesetzt hatte.

Es ist allerdings wahr, daß meine Kandidatur officiell von dem Kabinet unterstützt wurde, das nicht wußte, was es mit mir anfangen sollte und dadurch ein geniales und feinfühliges Mittel an der Hand hatte, um meine täglichen und dringlichen Quälereien los zu werden.

Bei diesem Anlaß hatte ich mit dem Minister, der mein Freund und früherer Schulkamerad war, eine gleichzeitig feierliche, sowie auch vertrauliche Unterredung.

- Jetzt siehst Du, wie nett wir zu Dir sind! ... sagte dieser mächtige und freigebige Freund zu mir ... Kaum haben wir Dich den Armen der Gerechtigkeit entzogen - was gar nicht so leicht durchzusetzen war - so wollen wir auch schon einen Deputierten aus Dir machen.

- Ich bin noch nicht dazu ernannt ... sagte ich in griesgrämigen Tone.

- Sehr richtig! ... Allein Du hast alle Chancen für Dich ... Du bist ein intelligenter Mensch und hast ein verführerisches, bestrickendes Äußere, Du kannst wahre Wunder verrichten, Du bist auch ein guter Kerl, wenn es Dir Spaß macht und besitzest die majestätische Gabe zu gefallen ... Die Männer, die auf die Frauen wirken, mein Lieber, sind auch stets Leute der großen Menge ... Ich bürge für Dich ... Es handelt sich jetzt nur darum die Lage wohl zu begreifen ... Übrigens ist sie äußerst einfach ...

Dann empfahl er mir:

Vor allem keinerlei Politik! ... Verpflichte Dich zu nichts ... Laß' Dir ja nicht vielleicht Dein Temperament durchgehen! ... In dem Wahlbezirk, den ich für Dich ausgewählt habe, überragt eine Frage an Wichtigkeit alle andern: die Runkelrübe ... Das Übrige zählt nicht und geht einzig und allein den Präfecten an ... Du bist rein landwirthschaftlicher Kandidat ... besser als das, ausschließlich Rübenkandidat ... Vergiß' dies nicht ... Was auch im Verlauf des Kampfes geschehen möge, halte Dich unentwegt auf dieser ausgezeichneten Basis aufrecht ... Kennst Du die Runkelrübe ein Bischen? ...

- Meiner Treu! nein, antwortete ich ... Ich weiß nur, wie jeder gebildete Mensch, daß daraus Zucker ... und Alkohol gewonnen werden.

- Bravo! das genügt, bemerkte der Minister mit beruhigender, herzlicher Würde, in beifälligem Tone ... Geh' ungescheut auf dieser Basis weiter ... Versprich ihnen wunderbare, märchenhafte Erträgnisse ... außerordentliche und kostenlose chemische Dungmittel ... Eisenbahnen, Kanäle und Straßen für den Verkehr mit diesem interessanten patriotischen Gemüse ... Kündige ihnen Steuerermäßigungen an, Prämien für Landwirthe, fürchterliche Abgaben auf concurrirende Stoffe ... kurz was Dir gerade einfällt! ... In dieser Hinsicht gebe ich Dir alle Machtvollkommenheit und werde Dich dabei nach Kräften unterstützen ... Aber laß' Dich nicht etwa in persönliche oder allgemeine Polemiken hineinreißen, die Dir gefährlich werden könnten und zugleich mit Deiner Wahl den Ruhm der Republik beschimpfen würden ... Denn unter uns gesagt, alter Junge - ich mache Dir keinen Vorwurf, ich stelle es nur fest - Du hast eine ziemlich belastende Vergangenheit ...

Ich war aber durchaus nicht zum Lachen aufgelegt ... Über diese Bemerkung geärgert, die mir zwecklos und beleidigend erschien, erwiderte ich lebhaft, indem ich meinem Freund geradewegs in's Gesicht sah, wobei er in meinen Augen alles lesen konnte, was darin an scharfer und kalter Drohung aufgehäuft war:

- Du könntest richtiger sagen: "wir haben eine Vergangenheit ..." Mir scheint, daß die Deine, mein lieber College, der meinen nichts nachzugeben hat ...

- O, ich! ... rief der Minister mit einem Ausdruck überlegener Nichtachtung und vornehmer Sorglosigkeit, das kommt doch nicht auf dasselbe heraus ... Ich ... mein Freundchen ... bin eben gedeckt, mein Freundchen ... bin eben gedeckt ... sogar durch Frankreich selbst!

Dann kam er auf meine Wahlkandidatur zurück und fügte seinen Rathschlägen noch Folgendes hinzu:

- Ich fasse also nochmals alles zusammen ... Runkelrüben, nichts als Runkelrüben, stets nur Runkelrüben! ... Dies sei Dein Programm ... Weiche ja nicht davon ab.

Dann steckte er mir verstohlen eine kleine Unterstützung zu und wünschte mir viel Glück.

Ich folgte diesem Programm, das mir mein mächtiger Freund vorgezeichnet hatte, getreulich und hatte Unrecht damit ... Ich wurde nicht gewählt. Die vernichtende Majorität, die sich meinem Gegner zuwendete, that dies wohl, abgesehen von einigen unloyalen Manövern, hauptsächlich deshalb, weil dieser verteufelte Kerl womöglich noch unwissender als ich und eine ausgemachte Canaille war.

Im Vorübergehen soll hier nur festgestellt werden, daß eine gut zur Geltung gebrachte Schufterei in unseren Zeitläuften alle möglichen guten Eigenschaften ersetzt und die Welt geneigt ist, einem Menschen, je schandbarer er sich benimmt, desto mehr Geisteskräfte und moralischen Werth zuzuerkennen.

Mein Gegner, der heute eine der unbestreitbarsten Zierden unserer Politik ist, hatte in verschiedenen Lebenslagen gestohlen. Doch seine Überlegenheit bestand darin, daß er dies nicht verbarg, sondern sich dessen mit dem widerwärtigsten Cynismus rühmte.

- Ich habe gestohlen ... ich habe gestohlen ... brüllte er durch die Gäßchen der Dörfer, auf den öffentlichen Plätzen der Städte, und längs der Landstraße in die Felder hinaus ...

- Ich habe gestohlen ... ich habe gestohlen ... verkündete er in seinen Glaubensbekenntnissen, den Wandanschlägen und vertraulichen Rundschreiben ...

Und in den Kneipen wiederholten seine Vertrauensmänner, auf den Tonnen sitzend, voll von Wein, und vom Alkohol geröthet, in trompetendem Tone die magischen Worte:

- Er hat gestohlen ... er hat gestohlen ...

Entzückt bejubelte die arbeitsame Bevölkerung der Städte, desgleichen das brave Landvolk diesen kühnen Mann voll Leidenschaft, der tagtäglich im Verhältnis zu dem Freimuth seiner Geständnisse wuchs.

Wie hätte ich gegen einen Gegner kämpfen sollen, der eine solche Leumundsnote besaß, während ich eigentlich noch nichts auf dem Gewissen hatte und schamhaft, nur kleine Jugendsünden, wie häusliche Diebstähle, Lösegelder für Maitressen, winzige Gaunereien durch falsches Spiel, Erpressungen, anonyme Briefe, Verleumdungen und Meineide verheimlichte? ... O, Reinheit jugendlicher Unwissenheit!

Ich wäre sogar eines Abends in einer öffentlichen Versammlung fast von den Wählern todtgeschlagen worden, die wüthend darüber waren, daß ich gegenüber den schandbaren Erklärungen meines Gegners, mit dem hervorragenden Rang der Runkelrübe zugleich für das Recht auf Tugend, Moral und Redlichkeit stritt und behauptet hatte, es sei dringend nöthig, die Republik von einigen schmutzigen Individuen, die sie entehrten, zu reinigen. Man stürzte sich auf mich, faßte mich an der Kehle; ich wurde von einem zum andern geworfen und gleich einem Ball hin- und hergetrieben ... Glücklicher Weise trug ich als Folge dieses Beredsamkeitanfalles nur eine verschwollene Backe, drei verletzte Rippen und sechs ausgeschlagene Zähne davon ...

Dies war alles was ich von diesem traurigen Abenteuer zurückbrachte, zu dem mich unglücklicher Weise die Gönnerschaft eines Ministers, der mein Freund sein wollte, verleitet hatte.

Ich war entrüstet.

Ich hatte umsomehr Ursache entrüstet zu sein, als plötzlich, im heißesten Schlachtgedränge, die Regierung mich im Stiche ließ, und mir keinen anderen Schutz, als die Runkelrübe als Amulet gewährte, während sie mit meinem Gegner verhandelte und sich mit ihm in's Einvernehmen setzte.

Der Präfekt der zuerst sehr demüthig gewesen war, wurde ohne Zeitverlust höchst unverschämt, in der Folge verweigerte er mir die zu meiner Wahl nöthigen Auskünfte; endlich verschloß er mir so ziemlich seine Thür. Selbst der Minister beantwortete meine Briefe nicht mehr, bewilligte nichts von alledem, um was ich ihn angegangen hatte, und die regierungsfreundlichen Zeitungen richteten manch versteckte Angriffe und peinliche Anspielungen in höflichen und verblümten Phrasen gegen mich. Man gieng nicht soweit, mich gerade offiziell zu bekämpfen, aber dies stand für alle Welt fest ... man ließ mich fallen ... Ach, ich glaube wirklich, nie ist soviel Galle in die Seele eines Menschen getreten!

Als ich nach Paris zurückgekehrt war, hatte ich den festen Entschluß gefaßt Radau zu schlagen; auf die Gefahr hin alles zu verlieren forderte ich Erklärungen von dem Minister, den mein schroffes Auftreten sofort nachgiebig und entgegenkommend stimmte ...

- Mein Lieber, sagte er mir, ich bedaure sehr, daß Dir dies passiert ist ... Mein Wort zum Pfande! ... ich bin wirklich ganz verzweifelt darüber. Aber was konnte ich thun? Ich bin doch nicht allein im Kabinet ... und ...

- Ich kenne aber nur Dich! unterbrach ich ihn heftig, indem ich einen Haufen Aktenstücke, der in Handweite auf seinem Schreibtisch lag, zu Boden schleuderte ... Die anderen gehen mich gar nichts an ... Mit den anderen habe ich nichts zu thun ... Ich habe mich nur an Dich zu halten ... Du hast mich verrathen; es ist niederträchtig! ...

- Aber, alle Wetter! ... So höre mich doch nur einen Augenblick an! beschwor der Minister. Und rege Dich nicht so sehr auf, ehe Du nicht alles weißt ...

- Ich weiß nur eines und das genügt mir. Du hast mich zum Besten gehalten ... Na also schön! Die Geschichte wird nicht so einfach verlaufen wie Du es Dir vorstellst ... Jetzt bin ich an der Reihe.

Ich ging in dem Arbeitzimmer auf und ab, stieß Drohungen aus und warf Stühle um ...

- Aha! Du hast Dich über mich lustig gemacht! ... Da wird es also einen feinen Spaß geben ... Das Land soll endlich einmal erfahren was eigentlich ein Minister ist ... Auf die Gefahr hin das Land zu vergiften, werde ich ihm diesen zeigen und ihm diese Seele eines Ministers weit geöffnet vorlegen ... Du Dummkopf! ... Hast Du denn wirklich nicht begriffen, daß ich Dich in der Hand habe, Dich, Dein Vermögen, Deine Geheimnisse und Dein Ministerportefeuille! ... Also meine Vergangenheit ist Dir peinlich? ... Sie geniert Dein Schamgefühl und das Mariannens [Spitzname der Republik]? ... Schön, dann warte einmal! ... Morgen, ja morgen schon wird man alles erfahren ...

Ich erstickte fast vor Wuth. Der Minister suchte mich zu beruhigen, nahm mich beim Arm und zog mich sanft wieder auf den Stuhl, von dem ich jählings aufgesprungen war ...

- Aber sei doch nur ruhig! sagte er zu mir, indem er seiner Stimme einen beschwörenden Ton gab ... Höre mich doch nur an, ich bitte dich darum! ... Na also, setz' Dich doch! ... Warum willst Du verteufelter Mensch denn gar nicht hören! Also Folgendes ist geschehen ...

Überrascht, in kurzen, abgehackten Sätzen erklärte er mir:

- Wir kannten Deinen Gegner eben noch nicht ... Er hat sich im Verlauf des Kampfes als ein sehr bedeutender Mann enthüllt ... als ein wirklicher Staatsmann! ... Du weißt wie beschränkt das Regierungspersonal ist ... Obwohl immer wieder dieselben Leute dazu kommen, müssen wir doch nothwendiger Weise von Zeit zu Zeit der Kammer und dem Lande ein neues Gesicht zeigen ... Dabei haben wir keine große Auswahl ... Kennst Du vielleicht Jemanden? ... Schön, das haben wir also überlegt, daß Dein Gegner ein solches Gesicht sein könne ... Er besitzt all' die Vorzüge, die einem provisorischen Minister, einem Minister während einer Krise, gebühren ... Schließlich war er ständigen Fußes käuflich und lieferbar, begreifst Du? ... Es ist ja sehr unangenehm für Dich, wie ich gerne zugeben will ... Aber vor allem andern kommen doch die Interessen des Landes ...

- Mach doch keine faulen Witze ... Wir sind hier doch nicht in der Kammer .... Es handelt sich hier nicht um die Interessen des Landes, auf die Du gerade so wie ich pfeifst ... Es handelt sich um mich ... Dank Dir befinde ich mich wieder einmal auf dem Straßenpflaster. Gestern Abend hat mir der Kassier meiner Spielhölle in unverschämter Weise fünf Francs verweigert ... Meine Gläubiger, die auf einen Erfolg gerechnet hatten, sind über meine Niederlage wüthend und verfolgen mich gleich einem Hasen ... Mir soll alles versteigert werden ... Heute habe ich nicht einmal genug Geld zum Diner ... Und Du bildest Dir so einfach ein, daß ich das ganz ruhig ertragen werde? ... Du bist also blödsinnig ... ebenso blödsinnig wie ein Mitglied Deiner Majorität geworden? ...

Der Minister lächelte, er klopfte mir vertraulicher Weise auf die Kniee, dann bemerkte er:

- Ich bin ja vollkommen damit einverstanden - aber Du läßt mich ja gar nicht zu Worte kommen - ich bin ja ganz einverstanden Dir eine Vergütung zu verschaffen ...

- Nein, eine Ent-schä-di-gung!

- Meinetwegen eine Entschädigung!

- Eine vollständige?

- Eine vollständige! Komme in einigen Tagen wieder ... dann werde ich ohne Zweifel in der Lage sein, sie Dir gewähren zu können. Vorläufig nimm hier hundert Louisd'or, das ist der ganze Rest meiner geheimen Fonds ...

Er fügte noch freundlich, mit vertraulicher Lustigkeit hinzu:

- Ein halbes Dutzend Schwerenöther wie Du ... und dann könnte man mit dem Budget überhaupt nicht mehr zu Stande kommen ...

Diese Freigebigkeit, die ich in allem Anfange nicht erhofft hatte, brachte es fertig, meine Nerven unverzüglich zu beruhigen ... Ich steckte - noch immer brummend, denn ich wollte mich weder besiegt, noch zufriedengestellt zeigen - die beiden Banknoten ein, die mir mein Freund lächelnd reichte ... dann zog ich mich würdig zurück ...

Die drei folgenden Tage verbrachte ich in den niedrigsten Ausschweifungen ...

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