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Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel II.2

Das Bagno liegt am anderen Ufer des Flusses, der, nachdem er die Stadt verlassen, langsam, finster zwischen den stachen Böschungen seine verpesteten, pechschwarzen Fluthen dahinwälzt. Um dorthin zu gelangen, muß man einen weiten Umweg machen, um die Brücke zu erreichen, auf der jeden Mittwoch bei ansehnlichem Zudrang der eleganten Welt der Fleischmarkt des Sträflingfutters abgehalten wird.

Clara hatte keinen Palankin [Tragbett der reichen Indier] besteigen wollen. Wir gingen zu Fuß durch den Garten, der außerhalb der Stadtmauer liegt und wandten uns auf einem hier mit bräunlichen Steinen, dort mit dicken Hecken von weißen Rosen oder zugestutzten, Jasmin ähnelnden Stauden begrenzten Wege zu den Vororten, in jene Gegend, wo die wenig bebaute Stadt sich fast in freies Land umwandelt, wo sich die Häuser, die elenden Hütten Platz machen, nur in weiten Entfernungen innerhalb von Gehegen und Laubengängen aus Bambusrohr erheben. Dann folgen Obstgärten im Blüthenschmuck, Gemüsefelder oder brachliegende Parzellen. Leute, nackt bis zum Gürtel, mit glockenförmigen Hüten bedeckt, arbeiteten mühsam unter dieser erdrückenden Sonne und pflanzten Lilien - diese schönen, getigerten Lilien, deren Blumenblätter den Füßen der Seespinne gleichen und deren schmackhafte Zwiebel den Reichen zur Nahrung dienen. So kamen wir an einigen elendiglichen Schuppen vorüber, wo Töpfer irdene Gefäße drehten, wo Lumpensammler über ihre großen Körbe gebückt, die Ernte des Morgens schichteten, während über ihnen ein Volk hungriger krähender Corore hin- und herflog. Wir sahen einen freundlichen, sorgsamen Greis, der weiterhin unter einem riesigen Feigenbaume auf dem Randstein eines Brunnens saß und Geflügel wusch. Jeden Augenblick kreuzten wir Sänften, in denen europäische, schon stark angetrunkene Matrosen nach der Stadt gebracht wurden. Und hinter uns brauste wildbewegt und übervölkert die Stadt, die im Sonnenlicht mit ihren Tempeln und ihren seltsamen rothen, grünen und gelben Häusern den mächtigen Hügeln heraufklomm ...

Clara ging rasch, mitleidslos gegen meine Ermüdung; ohne sich um die Sonne zu kümmern, die die Luft schwer machte und uns trotz unserer Schirme die Haut verbrannte, schritt sie frei, leicht, kühn und glücklich dahin. Von Zeit zu Zeit bemerkte sie im Tone aufheiternden Vorwurfs:

- Wie langsam Sie sind, Liebling ... Gott, wie langsam Sie sind! ... Sie kommen gar nicht von der Stelle ... Wenn nur die Thore des Bagno nicht schon geöffnet sind, wenn wir ankommen und wenn man nur dann die Sträflinge nicht schon wie die Gänse gestopft hat! ... Das wäre schrecklich! ... O, wie ich Sie verabscheuen würde!

Zuweilen gab sie mir Zuckernußpastillen, deren Genuß die Athmung belebt und meinte, mich spöttisch musternd:

- O, das kleine Mädchen! ... kleines Mädchen ... kleines Mädchen, das garnichts aushalten kann!

Dann begann sie halb zum Lachen aufgelegt, halb ärgerlich zu laufen ... Ich konnte ihr nur mit der größten Mühe folgen ... Mehrmals mußte ich Halt machen, um Athem zu schöpfen. Dies war, als ob mir die Adern brächen und mein Herz in der Brust zerspränge.

Und Clara wiederholte mit ihrer zwitschernden Stimme:

- Kleines Mädchen! ... Kleines Mädchen, das garnichts aushalten kann! ...

Der Fußweg mündet am Quai des Flusses. Zwei große Dampfer löschten ihre Ladung von Kohlen und europäischen Waaren; einige Dschunken [Chinesisches Fahrzeug] wurden zum Fischzug segelfertig gemacht, eine zahlreiche Flottille von Sampangs [Chinesisches Ruderboot] schlief mit ihren buntscheckigen Zelten vor Anker, gewiegt von dem leisen Plätschern des Wassers. Nicht ein einziger Windhauch ging durch die Luft.

Dieser Quai beleidigte meine Sinne förmlich. Er war schmutzig und grundlos in seiner Zerklüftung, mit schwärzlichen Staubmassen bedeckt, mit Eingeweiden von Fischen besäet. Pestgerüche, Lärm von Prügeleien, Flötenspiel, Hundegebell drangen aus der Tiefe der Spelunken, die das Ufergelände begrenzen: Von Ungeziefer strotzende Theehäuser, Verbrecherkneipen, verdächtige Faktoreien. Clara zeigte mir lachend eine Art von kleiner Trödelbude, in der auf Caladiumblättern Portionen von Ratten und Viertel von Hunden, verfaulte Fische, hektische Hühner mit Kopallack übertüncht, sowie Bananenkolben und blutige Fledermäuse, die zusammen auf Spieße gereiht waren, verkauft wurden ...

Je weiter wir vordrangen, desto unerträglicher wurden die Gerüche, desto dichter der Unrath. Auf dem Flusse drängten sich die Schiffe im dichten Haufen, sie vermengten die finstern Schnäbel ihrer Vordertheile und die zerrissenen Fetzen ihres armseligen Segelzeuges. Dort lebte eine dichte Bevölkerung - Fischer und Seeräuber - schauerliche Dämonen des Meeres mit gedörrten Gesichtern und von Bethel [Kaumittel aus Arekanuß, Kalk und Betelpfefferblättern] gerötheten Lippen, deren Blick einen zusammenschauern ließ. Sie spielten Würfel, heulten und prügelten einander; andere, die friedlicher schienen, nahmen Fische aus, die sie sodann in der Sonne guirlandenartig auf Stricke gereiht dörren ließen ... Noch andere dressierten Affen, die sie tausenderlei niedliche Scherze und obscöne Bewegungen machen lehrten.

- Ist das nicht wirklich unterhaltend? ... fragte mich Clara ... Und es gibt deren über dreißigtausend, die keine andere Wohnung als ihre Schiffe haben! ... Wahrhaftig, der Teufel mag wissen was sie treiben! ...

Sie schürzte ihr Kleid und entblößte so den unteren Theil ihres beweglichen, nervigen Beins. Lange folgten wir dem fürchterlichen Weg, bis wir zu der Brücke gelangten, einem Bauwerk mit bizarren Nebenanlagen und fünf massiven Bogen, die mit schreienden Farben angestrichen den Fluß überspannen, auf dem, wenn die Fluth aufquillt und Strudel bildet, sich große öhlige Ringe drehen und in die Tiefe herabgleiten.

Auf der Brücke ändert sich das Schauspiel, aber der Geruch wird noch durchdringender, dieser Geruch, der ganz China eigenthümlich ist und einen in Städten, Wäldern und auf freiem Lande ohne Unterlaß an Verwesung und Tod denken läßt.

Kleine Bretterbuden in Pagodenform, Zelte, die Kiosken ähnelten und mit hellen Seidenstoffen behängt waren, ungeheure Schirme, auf Karren und schiebbaren Obstkörben aufgepflanzt, drängten sich eng aneinander. In diesen Buden, unter diesen Zelten und Schirmen heulten dicke Verkäufer mit wahren Flußpferdbäuchen, die gelbe, blaue, grüne Kleider trugen und schlugen auf Gongs, um die Kunden anzulocken; sie hielten allerlei Aas feil: Todte Ratten, ertränkte Hunde, Hirsch- und Pferdeviertel, eitriges Geflügel, das im bunten Durcheinander in großen Bronzebecken aufgehäuft war.

- Hier ... hier ... hierher! ... Kommen Sie zu mir! ... Und sehen Sie sich's an! ... Wählen Sie aus! ... Sie finden es nirgends besser ... Verdorbeneres Fleisch gibt es nicht.

Und in den Becken wühlend, schwangen sie gleich Fahnen an den Spitzen ihrer langen Eisenhaken ekelhafte Stücke jauchigen Fleisches und schrieen mit wilden Grimassen, die durch die rothen Narben ihrer Gesichter, die Masken gleich gemalt erscheinen, nur noch verstärkt wurden, unter dem wüthenden Lärm der Gongs und dem Gebrüll ihrer Nebenbuhler:

- Hier ... hier ... hierher! ... Kommen Sie zu mir! ... sehen Sie sich's an! ... Wählen Sie aus! ... Sie finden es nirgends besser ... Verdorbeneres Fleisch gibt es nicht ...

So wie wir die Brücke betreten hatten, sagte Clara zu mir:

- Ach siehst Du, wir kommen zu spät. Das ist Deine Schuld! ... Beeilen wir uns.

In der That wimmelte eine ganze Menge von Chinesinen und unter ihnen einige Engländerinen und Russinen - denn es waren außer den Trägern nur wenige Männer zur Stelle - auf der Brücke. Es gab da mit Blumen und Arabesken bestickte Roben, vielfarbige Sonnenschirme, gleich Vögeln bewegliche Fächer und helles Lachen, laute Ausrufe, kleine Kämpfe, all' das vibrierte, schillerte und schwirrte im Sonnenlicht wie ein Fest des Lebens und der Liebe.

Verblüfft durch das Gedränge, betäubt von dem Toben der Verkäufer und dem dumpfen Lärm der Gongs mußte ich fast dreinschlagen, um in die Menge zu dringen und Clara gegen die Beschimpfungen der Einen, gegen die Stöße der Anderen zu vertheidigen. Es gab wahrhaftig einen grotesken Kampf, denn ich war jedes Widerstandes und jeder Kraftanstrengung unfähig und fühlte mich in diesem Menschengewirr eben so leicht mitgerissen, wie ein Baumstamm in den wüthenden Wogen eines Wildbachs fortgeschwemmt wird ... Clara stürzte sich ihrerseits dorthin, wo das Gedränge am ärgsten war. Sie ertrug die rohe Berührung und so zu sagen die Vergewaltigung durch diese Menschenmenge mit leidenschaftlichem Vergnügen ... Plötzlich rief sie strahlend:

- Sieh' nur, Liebling ... Mein Kleid ist ganz und gar zerfetzt ... Reizend, wie?

Mit vieler Mühe bahnten wir uns einen Weg bis zu den belagerten, bedrängten, gleichsam eine Plünderung ertragenden Buden.

- Sehen Sie sich's an und wählen Sie aus! ... Sie finden es nirgends besser.

- Hier ... hier ... hierher! ... Kommen Sie zu mir! ...

Clara nahm die allerliebste Gabel aus den Händen des Boy, der uns mit dem allerliebsten Körbchen folgte, dann stach sie in die Becken:

- Greif' auch zu, Du! ... Greif' zu, theurer Liebling! ...

Ich glaubte, mir würde übel werden von dem furchtbaren Gestank, der an einen Schindanger erinnerte und aus diesen Buden, diesen umgerührten Becken, dieser ganzen Menschenmenge drang, die sich auf das Aas stürzte als ob es ein Blumenbeet wäre.

- Clara, liebe Clara! beschwor ich ... Gehen wir fort, ich bitte Sie!

- O, wie bleich Sie sind! Und weshalb? ... Ist denn das nicht sehr amüsant? ...

- Clara ... liebe Clara! ... drang ich weiter in sie ... Gehen wir fort, ich beschwöre Sie ... Ich kann unmöglich diesen Geruch länger aushalten.

- Aber das riecht doch nicht schlecht, mein Liebling ... Das riecht nach Tod, weiter nichts! ...

Sie schien dadurch wirklich keineswegs belästigt ... Kein Zug des Ekels drückte sich auf ihrem weißen Gesicht, das frisch wie eine Kirschblüthe war, aus. Nach dem verschleierten Leuchten ihrer Augen, nach dem Vibrieren ihrer Nasenflügel hätte man annehmen können, daß sie eine Art Liebesgenuß empfinde ... Sie sog die Verwesung mit Wonne gleich einem Wohlgeruch ein.

- O, das schöne ... schöne Stück! ...

Mit graziösen Bewegungen füllte sie den Korb mit scheußlichen Resten. Und mühsam setzten wir durch die überreizte Menge, umgeben von dem schändlichen Gestank, unsern Weg fort.

- Rasch ... rasch! ...

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