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Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel II.7

Wir näherten uns der Glocke.

Zur rechten und zur linken Hand schienen uns ungeheure rothe Blumen, ungeheure purpurübergossene Blumen, blutfarbene Mohnblumen im Halbdunkel, unter den riesigen Blättern der Pestilenzwurzeln, des Anthuriums, die blutenden Brustfellen ähnelten, beim Vorübergehen ironisch zu begrüßen und uns den Weg der Folter zu weisen. Es gab auch andere Blumen, Blumen der Schlächterei und des Niedermetzelns, Tigridien, die verstümmelte Schlünde öffneten, Diclytren und ihre Kränze von kleinen rothen Herzen und auch wilde Labiazeen mit harten, fleischigen Blüthendolden, schleimhautfarbigen, gleich wirklich menschlichen Lippen - den Lippen Claras - die vom Gipfel ihrer weichen Stengel herab Reden zu halten schienen.

- Geht doch, meine Lieblinge, geht doch nur rascher ... Dort wo Ihr hineilt, gibt es noch mehr Schmerzen, noch mehr Qualen, noch mehr fließendes Blut, das durch den Boden rieselt, noch mehr verzogene, zerrissene Leiber, die auf eisernen Tafeln röcheln, noch mehr zerhacktes Fleisch, das am Galgenstrick baumelt, noch mehr Schrecken und noch mehr Hölle ... Geht nur, Ihr Herzchen, geht, Mund auf Mund und die Hände eng verschlungen. Und seht, wie zwischen dem Laubwerk und den Hecken das teuflische Diorama sich entfaltet und betrachtet das diabolische Fest des Todes.

Am ganzen Leibe zitternd, die Zähne fest aufeinander gebissen, während ihre Augen wieder heiß und grausam geworden waren, war Clara verstummt. Sie war verstummt und horchte beim Gehen auf die Stimme der Blumen, in der sie ihre eigene Sprache wieder erkannte, ihre Sprache der furchtbaren Tage und der, männermordenden Nächte, eine Sprache der reißenden Wildheit, der Wollust und auch des Leidens und die zu gleicher Zeit aus den Tiefen der Erde und den Tiefen des Todes, auch aus den tiefsten und schwärzesten Tiefen ihrer Seele zu kommen schien.

Ein kreischender Laut, gleich dem Quitschen einer Lokomobile durchdrang die Luft. Dann war es ein sehr sanfter, sehr reiner Eindruck gleich dem Widerhall eines Cristallbechers, an den in abendlicher Stunde der Flügel eines Nachtfalters gestreift hat. Wir betraten darauf eine weite Allee, die verschiedene Bogen machte und auf beiden Seiten von hohen Hecken umschlossen war, durch die auf den Sand kleine Lichtflecken fielen. Zwischen den Hecken und dem Laubwerk spähte Clara mit gierigen Lippen aus. Und wider Willen, trotz meines aufrichtigen Entschlusses fürder die Augen diesen verfluchten Schauspielen gegenüber zu schließen, angezogen durch die seltsame Fesselungskraft des Schreckens, besiegt durch jenes unwiderstehliche Gelüst unaussprechlicher Neugierde blickte auch ich zwischen das Laubwerk.

Und hören Sie nun, was wir durch die Hecken sahen ...

Auf der Hochfläche eines weiten niedrigen Hügels, auf den die Allee in einer unmerklichen Steigung heranzieht, gibt es eine runde Fläche, die von kunstsinnigen Gärtnern als Baumschule angelegt worden war. Riesig geschwollen, von matter, röthlich patinitrer Bronze, hing inmitten dieses Raumes die Glocke an einer Maschine, die einer Guillotine aus schwarzem Holz ähnelt, deren Seiten mit vergoldeten Inschriften und entsetzlichen Masken geschmückt waren. Vier bis zum Körper nackte Männer mit ausgearbeiteten Muskeln, die Haut dermaßen verzogen, daß sich auf dem Körper kleine Packete von formloser Buckeln gebildet hatten, zogen an dem Strick des Instrumentes. Doch nur mit Mühe erreichten ihre rythmisch vereinigten Anstrengungen es, die schwere Metallmasse vom Flecke zu rühren und zu bewegen, die bei jedem Stoße einen fast nicht mehr zu unterscheidenden Ton von sich gab, diesen sanften, reinen, klagenden Ton, den wir vorhin gehört hatten und dessen Schwingungen zu vergehen und inmitten der Blumen zu ersterben schienen. Der Klöppel, eine schwere Eisenstange, hatte da nur noch ein leichtes Schwingvermögen, aber er erreichte nicht mehr die tieferen Tongegenden, die offenbar müde waren so lange zu dem Todeskampfe eines armen Teufels geklungen zu haben. Unter der Kuppel der Glocke beugten sich zwei andere Männer mit nackten Hüften, den Leib schweißüberströmt, in eine Art von braunen Leinenstoff gehüllt, über ein Etwas, das man nicht sehen konnte und ihre Brust, deren Flanken auf und ab wogten, ihre mageren Seiten schnappten nach Luft gleich abgetriebenen Pferden, die am Ende ihrer Kraft angelangt sind.

Alles das war nur undeutlich zu bemerken, ein wenig verschwommen, und vermischte sich plötzlich vollends durch die tausend Dinge, die den Weg versperrten und sich dann langsam wieder zusammensetzten, wie wir es in den Zwischenräumen des Laubwerkes und den Ritzen der Hecke bemerken konnten.

- Wir müssen uns beeilen ... wir müssen uns beeilen ... rief Clara, die um rascher vorwärts zu kommen, ihren Schirm zuklappte und das Kleid mit einer ungenierten Bewegung hochraffte.

Die Allee drehte sich noch immer, bald sonnenbestrahlt, bald schattenerfüllt, so daß die Aussicht alle Augenblicke anders wurde und mit immer größerer Blumenschönheit entsetzlichere Schreckensbilder vermischte.

- Sieh Dich genau um, mein Liebling, sagte Clara, sieh Dir alles an. Hier sind wir in der schönsten, in der interessantesten Partie des Gartens. Sieh nur diese Blumen ... ach, diese Blumen!

Sie deutete auf eine seltsame Vegetation, die einen Theil des Bodens bedeckte, der aller Orts von Wasser bespült wurde. Ich näherte mich. Es waren hohe Stengel, die schuppig erschienen und mit schwarzen Flecken gleich Schlangenhäuten bedeckt waren, ungeheuere Auswüchse gleich Hörnern trugen, die violett gefärbt schienen und aus der Fäulnis des Innern entflohen sein mochten. Aeußerlich waren sie grüngelb gesprenkelt, auch von Verwesungsfarbe gleich dem geöffneten Hirn todter Thiere. Aus der Tiefe dieser Hörner kamen lange, blutunterlaufene Fühler, die die Form scheußlicher Phallen nachahmten. Durch den Leichnamsgeruch, den diese furchtbaren Pflanzen ausströmten, angezogen, schwärmten Fliegen um sie herum in dichten Schaaren; Fliegen drangen auch massenhaft in die Tiefe der Kelche ein, die von oben bis unten mit zusammenziehbaren Seidenhäuten ausgestattet waren die sie umschlossen und gefangen hielten, viel sicherer noch als Spinngewebe. Und längs der Blüthen verkrümmten sich die fingerförmigen Blätter und verkrampften sich gleich den Händen der Gefolterten.

- Du siehst, theurer Liebling, erzählte Clara belehrend, diese Blumen sind nicht die Schöpfung eines kranken Hirns, eines Genies im Delirium. Es ist reine Natur. Ich habe Dir doch gesagt, die Natur liebt den Tod! ...

- Ja, aber die Natur schafft auch Ungeheuer!

- Ungeheuer! ... Ungeheuer! ... Erstens gibt es gar keine Ungeheuer! ... Was Du Ungeheuer nennst, sind einfach Gebilde, die überlegen oder vielmehr jenseits Deiner Auffassungskraft liegen. Sind die Götter nicht auch Ungeheuer? Ist ein genialer Mensch kein Ungeheuer gleich dem Tiger, der Spinne, gleich all den Individuen, die jenseits der sozialen Lügen in der glänzenden göttlichen Unmoral der Dinge leben? ... Aber dann bin ja auch ich ein Ungeheuer?

Wir waren nun zwischen Bambuspalissaden getreten, längs derer Töpfe von Jasmin, baumförmige Malven, Schlingpflanzen und ähnliche Gewächse sich schlängelten. Eine Menisperme klomm eine Steinsäule mit ihren unzähligen Ranken entlang. Von der Höhe der Säule herab grinste ein scheußlicher Götterkopf, dessen Ohren denen einer Fledermaus glichen und dessen Haar in feurigen Hörnern auslief. Incarvilleen, Hemercoallen, Moreen, nackte Delphinien verbargen den Sockel dieser Statue, der sich in ihren rosigen Glocken, ihren scharlachfarbenen Thyrsen und ihren goldigen Kelchen, sowie ihren purpurnen Sternen verlor. Mit Bubonen bedeckt und von Ungeziefer halb verzehrt, beschimpfte uns ein bettelnder Bonze, der der Hüter dieses Gebäudes zu sein schien und Zibethkatzen von Turan Luftsprünge machen lehrte, als er uns gewahrte.

- Ihr Hunde! ... Ihr Hunde! ... Ihr Hunde!..

Wir mußten diesem Scheusal einige Geldstücke zuwerfen, dessen Schandreden alles das überstiegen, was die gemeinste Entrüstung je an niedrigen Schweinereien hätte ausdenken können.

- Ich kenne ihn wohl, sagte Clara, er ist gleich allen Priestern aller Religionen. Er will uns erschrecken, damit wir ihm ein Bischen Geld geben. Also es ist kein böser Kerl.

Von Stelle zu Stelle, in Ausbuchtungen der Palissade die laubumränderte Säle und Blumenböden darstellten, sahen wir Holzbänke, die mit Ketten und Bronzeringen ausgestattet waren; eiserne Tafeln in Kreuzesform, Galgen, Pranger, Maschinen zum automatischen Auseinanderzerren der Glieder, Betten, die mit schneidenden Messern ausgestattet waren oder Eisenspitzen trugen, feste Halsbretter, Sättel und Räder, Kessel und Gefäße oberhalb erloschener Kamine, ein ganzes Handwerksmaterial des Opferns und der Folter, das einen Blutgeruch ausströmte, während man hier getrocknetes und dunkles, da flüssiges und rothes Blut sah. Große Blutlachen fand man überall in den ausgehöhlten Theilen des Bodens, lange Blutthränen hingen geronnen an den der verschiedenen Gerüsten; rund um diesen Mechanismen herum sog der Boden das Blut auf. Das Blut hatte auch rothe Sterne auf die Weiße des Jasmins geworfen, marmorirte das Korallenrosa des Geisblattes, die Malvenfarbe der Passifloren; und kleine Stückchen menschlichen Fleisches, die unter den Peitschenhieben und den Lederknuten weggeflogen waren, hatten sich da und dort an die Blüthenkelche und die Blätter gehängt ... Als Clara sah, daß ich schwach wurde und vor den Blutlachen, die bis in die Mitte der Allee gingen, scheute, ermuthigte sie mich mit sanfter Stimme:

- Aber das ist ja noch gar nichts, mein Liebling ... Gehen wir nur weiter ...

Aber es wurde nun schwer vorwärts zu dringen. Die Fläche, die Bäume, die Atmosphäre, der Boden, alles war voll von Fliegen, von trunkenen Insekten, von wilden und kampflustigen Coleopteren und reißenden Mosquitos. Die ganze Fauna der Todtenwelt war dort in Myriaden erschlossen rings um uns im Sonnenlicht. Scheußliche Larven krümmten sich in den rothen Sümpfen und fielen in weichen Gebilden von den Aesten herab. Der Sand schien zu athmen, er schien sich zu bewegen, durch ein Zittern und ein Strudeln dieses Insektenlebens gehoben. Fast taub gemacht, geblendet, wurden wir jeden Augenblick von diesen surrenden Schwärmen, die sich stets vervielfältigten, aufgehalten, ich fürchtete für Clara die tödtlichen Stiche dieser Geschöpfe. Und wir hatten zuweilen dieses fürchterliche Gefühl, daß unsere Füße in aufgeweichte Erde drangen, gleich als ob es Blut geregnet hätte.

- Aber das ist ja noch gar nichts! wiederholte Clara, dringen wir nur weiter!

Und da erschienen, um das Drama zu vervollständigen, menschliche Gesichter, Gruppen von Arbeitern, die nachlässigen Schrittes an uns vorüberkamen und soeben die Folterwerkzeuge gereinigt und in Ordnung gebracht hatten, denn die Stunde der Hinrichtungen im Garten war vorüber. Sie sahen uns an, erstaunt ohne Zweifel darüber, in diesem Augenblick und an dieser Stelle zwei noch aufrecht stehende Wesen, zwei noch lebende Geschöpfe, die noch immer ihre Köpfe, ihre Beine und ihre Arme hatten, zu treffen. Weiterhin sahen wir auf der Erde kauernd, in der Stellung eines töpfernden Affen, einen alten, dicken, faulen Töpfer, der Blumentöpfe lackierte, die er eben gebrannt hatte. Neben ihm fertigte ein Korbmacher mit faulen, aber doch sicheren Händen leichte Matten aus Reisstroh an, die einen wundervollen Schutz für die Pflanzen bilden. Auf einem Schleifstein schärfte ein Gärtner sein Messer, indem er volksthümliche Lieder sang und Betelblätter kaute und den Kopf dabei wiegte. Eine alte Frau brachte ruhig eine Art von eisernem Rechen in Ordnung, an dessen spitzen Zähnen noch fürchterliche menschliche Reste hingen. Wir sahen sodann Kinder mit Stockschlägen Ratten tödten, mit denen sie Körbe füllten. Und längs der Palissaden pickten Pfaue ausgehungert und wild, indem sie den wundervollen Glanz ihres Federmantels in dem schmutzigen Blut hinter sich herzogen, ganze Heerden von Pfauen sogen mit dem Schnabel das geronnene Blut aus dem Herzen der Pflanzen auf und schluckten mit einem gluckernden Laut die Fleischfetzen, die an dem Geäst hingen.

Ein fader Schlachthofgeruch, der über alle anderen Düfte schwebte und sie erstickte, verursachte uns ein Unwohlsein und einen fast unwiderstehlichen Brechreiz. Clara selbst, diese Fee der Bluthunde, dieser Engel der Verwesung und Schlächterei war vielleicht, da ihre Nerven sie allmälig im Stiche ließen, leicht erblaßt. Schweiß perlte an ihren Lippen. Ich sah, wie ihre Augen sich verdrehten und ihre Kniee zusammensanken.

- Ich friere! meinte sie.

Dann warf sie mir einen wirklich trostlosen Blick zu; ihre Nüstern, die stets gleich Segeln beim Winde des Todes aufgespannt waren, hatten sich verengt. Ich glaubte, sie würde ohnmächtig niedersinken ...

- Clara! Sie sehen wohl, daß es unmöglich ist und daß es eine Grenze des Schreckens giebt, die auch Sie nicht überschreiten können.

Ich streckte beide Arme gegen sie aus, aber sie stieß mich zurück, nahm sich gewaltsam dem Übel gegenüber zusammen, mit der ganzen unbezwinglichen Energie ihres gebrechlichen Organismus.

- Sind Sie wahnsinnig? meinte sie ... Vorwärts, mein Liebling! Rascher, gehen wir doch rascher! ...

Dennoch nahm sie ihr Salzfläschchen und athmete den Geruch ein ...

- Sie sind aber ganz bleich geworden und Sie gehen gleich einem Betrunkenen. Ich bin durchaus nicht krank, ich fühle mich sehr wohl, ich habe wirklich Lust etwas zu singen ...

Dann begann sie folgenden Gesang:

Ihre Kleider sind Sommergärten.

Und ...

Sie hatte ihren Kräften aber doch zu viel zugemuthet ... die Stimme erstickte jählings in der Kehle.

Ich hielt die Gelegenheit für günstig, um sie zum Umkehren zu bewegen, vielleicht auch zu erschrecken. Mit Anspannung aller meiner Kräfte suchte ich sie an mich zu ziehen.

- Clara! Meine kleine Clara: Man muß doch nicht gerade seine Kräfte herausfordern, man muß seiner Seele nicht Trotz bieten. Kehren wir heim! Ich bitte Dich darum!

Aber sie widerstrebte:

- Nein! Nein! Laß mich! Sage nichts ... es hat nichts zu bedeuten. Ich bin ja so glücklich.

Und lachend löste sie sich aus meiner Umarmung los.

- Siehst Du, es klebt nicht einmal Blut an meinen Stiefelchen ...

Dann fuhr sie gereizt fort:

- Gott! wie ärgerlich diese Fliegen sind! ... Warum giebt es denn nur so viel Fliegen hier?.. Und warum bringst Du nicht die schrecklichen Pfaue zum Schweigen?

Ich versuchte sie zu vertreiben, einige aber ließen sich nicht von ihrer blutigen Beute abbringen, andere flogen in schwerem Fluge weg und stießen durchdringende Schreie aus. Dann ließen sie sich hoch oben auf den Palissaden nicht allzufern von uns nieder und auf den Bäumen, von denen ihr farbiger Mantel gleich entrollten Stoffen, die mit wundervollen Edelsteinen befestigt waren, herabwallte.

- Ekelhaftes Viehzeug! rief Clara.

Dank den Salzen, deren Duft sie lange eingeathmet hatte, hauptsächlich Dank ihrem unbeugsamen Willen, der sie nicht niedersinken ließ, hatte ihr Gesicht bereits wieder seine rosige Farbengebung gewonnen und ihre Kniee das leichte, nervige Vorwärts-Vorwärtsschreiten ... Da begann sie mit sicherer gewordener Stimme zu singen:

Ihre Kleider sind Sommergärten
Und Tempel an einem Festtage,
Und ihre Brüste, hart und aufrecht,
leuchten wie ein paar Goldvasen,
die mit berauschenden Liqueuren und benebelnden Düften erfüllt sind.
Ich habe drei Freundinen!

Nach einer kurzen Pause begann sie mit stärkerer Stimme zu singen, die das Surren der Insekten übertönte:

Die Haare der Dritten sind in Zöpfe gewunden und um den Kopf geschlungen,
Und niemals haben sie die Süße wohlriechender Öhle gekannt.
Ihr Gesicht, das die Leidenschaft ausdrückt, ist mißgestaltet,
Ihr Körper gleicht dem eines Schweines.
Sie scheint stets in Wuth zu sein,
Sie grunzt und brummt ohne Unterlaß.
Ihre Brüste und ihr Bauch athmen den Geruch eines Fisches aus.
Sie ist unreinlich in ihrer ganzen Persönlichkeit.
Sie ißt Alles und trinkt im Übermaaß.
Ihre starren Augen sind stets triefend
Und ihr Bett ist widerlicher als das Nest eines Wiedehopfes.
Und sie ist es, die ich liebe,
Und ich liebe sie gerade, weil es etwas gibt,
was seltsamer anziehend als die Schöne ist: die Fäulniß;
Die Fäulniß, in der die ewige Wärme des Lebens wohnt,
In der sich die ewige Erneuerung der Verwandlungen ausarbeitet.
Ich habe drei Freundinen!

Und während sie sang, während ihre Stimme die Schrecken des Gartens durchdrang, stieg eine Wolke in großer Höhe und weiter Feme auf. In der Unendlichkeit des Himmels erschien sie wie eine ganz kleine rosige Barke, eine winzige Wolke mit seidenen Segeln, die, je näher sie kam, desto größer wurde und mit sanftem Gleiten herbeistrebte. Als Clara ihren Gesang beendet hatte, rief sie:

- Ach, die kleine Wolke - sie war wieder ganz lustig geworden - sieh nur einmal an, wie hübsch, wie rosig sie auf dem Azur erscheint. Kennst Du sie nicht? Hast Du sie niemals gesehen? Ja, sie ist eine kleine, geheimnisvolle Wolke. Vielleicht ist es überhaupt keine kleine Wolke. Sie erscheint alle Tage zur gleichen Stunde. Man weiß nicht woher sie kommt. Und sie ist stets allein, stets ruhig; sie gleitet, gleitet vorwärts, sie wird darauf weniger dicht, geht in Fetzen, löst sich auf, zerstreut sich und zerfließt auf dem Firmament. Sie ist verschwunden. Und ebenso wenig, wie man weiß, woher sie kommt, weiß man wohin sie gegangen ist. Es giebt hier sehr gelehrte Astronomen, die glauben, daß dies ein Genius sei. Ich glaube, es ist eine reisende Seele, eine kleine, arme verirrte Seele gleich der meinen.

Sie fügte zu sich selbst sprechend hinzu:

- Und wenn es vielleicht die Seele der armen Annie wäre?

Einige Minuten lang betrachtete sie die unbekannte Wolke, die bereits erbleichte und nach und nach verschwamm.

- Sieh nur! Jetzt zerrinnt sie ... sie zerrinnt. Es ist zu Ende! ... Nun giebt es keine kleine Wolke mehr ... sie ist fortgegangen! ...

Sie blieb schweigsam und entzückt stehen, die Augen verloren auf den Himmel gerichtet. Eine leichte Brise hatte sich erhoben, die ein sanftes Zittern durch die Bäume laufen ließ. Die Sonne war weniger hart, weniger niederschmetternd; ihr Licht nahm gegen Westen eine herrliche Kupferfarbe an, verdunkelte sich im Osten zu einem perlgrauen Tone, deren Nuancen ins Unendliche gingen. Und die Schatten der Kioske, der großen Bäume, die Sterne Buddhas wurden immer kürzer, weniger scharf und bläulich auf den Wiesen ...

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