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Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel I.7

Meine Freundin und ich betrachteten einmal, über die Bordwand des Schiffes gelehnt, das Meer und den Himmel. Der Tag ging zur Neige, am Himmel folgten große Vögel, blaue Taucherkönige dem Schiff, indem sie sich in den entzückenden Bewegungen einer Tänzerin wiegten; auf dem Meere erhoben sich ganze Züge von fliegenden Fischen bei unserem Nahen und ließen sich, im Sonnenlichte glänzend, etwas weiterhin nieder, um drauf wiederum aufzufliegen, indem sie das Wasser ritzten und streiften, das an diesem Tage blau wie lebendiger Türkis gefärbt war ... Dann flutheten Schwärme von Quallen, rothen Quallen, grünen Quallen, purpurnen, rosigen und malvenfarbigen Quallen, gleich Blumenblättern auf der weichen Meeresfläche dahin; ihre Färbung war so prächtig, daß Clara jeden Augenblick, Rufe der Bewunderung ausstieß, während sie mir die Quallen zeigte ... Und plötzlich fragte sie mich:

- Sagen Sie mir doch? ... Wie heißen diese prächtigen Geschöpfe?

Ich hätte excentrische Namen erfinden und wissenschaftliche Benennungen improvisieren können. Ich versuchte es aber nicht einmal ... Von einem augenblicklichen, freiwilligen, heftigen Drange nach Aufrichtigkeit erfüllt, antwortete ich in festem Tone:

- Ich weiß es nicht! ...

Ich fühlte, daß ich mich verlor ... daß dieser ganze unsichere und entzückende Traum, der meine Hoffnungen gewiegt, meine Unruhe eingeschläfert hatte, unwiderruflich zerstört war ... daß ich durch einen noch tieferen Sturz in den unvermeidlichen Schlamm meines Paria-Daseins zurückfallen würde ... Ich fühlte dies alles ... Aber in mir wirkte ein überlegenes Gefühl, das mir befahl, mich von meinen Betrügereien, Lügen und diesem thatsächlichen Vertrauensbruch zu befreien, wodurch ich feige, in verbrecherischer Weise die Freundschaft eines Wesens, das meinen Worten Glauben schenkte, an mich gerissen hatte.

- Nein, wahrhaftig, ich weiß es nicht! ... wiederholte ich, indem ich dieser einfachen Verneinung einen Charakter dramatischer Überspanntheit gab, der in keinerlei Einklang mit ihr stand.

- Wie merkwürdig Sie dies sagen! ... Sind Sie denn ganz von Sinnen? ... Was haben Sie denn nur? ... rief Clara, erstaunt über den Klang meiner Stimme, über die unbegreifliche Sinnlosigkeit meiner Geberden.

- Ich weiß es nicht ... ich weiß es nicht ... ich weiß es nicht! ...

Und um diesen dreifachen "Ich weiß es nicht!" noch mehr Überzeugungskraft zu verleihen, schlug ich dreimal heftig mit der Faust auf die Bordwand.

- Wieso wissen Sie es nicht? ... Sie, ein Gelehrter ... ein Naturforscher? ...

- Ich bin kein Gelehrter, Miß Clara ... ich bin auch kein Naturforscher ... ich bin gar nichts, schrie ich ... Ein Elender bin ich ... ja ... ein elender Schurke bin ich! ... Ich habe Sie belogen ... schändlich belogen ... Sie müssen endlich einmal erfahren was für ein Mensch ich bin ... Hören Sie mich an ...

Athemlos und wild durcheinander gewürfelt, berichtete ich ihr meinen Lebenslauf ... Eugène Mortain, Frau G ..., den Betrug mit meiner Forschungsreise, alle meine schmutzigen Handlungen ... all' den Koth, in dem ich gewatet hatte ... Ich fand sogar eine wilde Freude daran mich anzuklagen, mich noch schändlicher, entgleister und schwärzer darzustellen, als es der Wahrheit entsprach ... Als ich diese traurige Geschichte beendet hatte, sagte ich unter einem Strom von Thränen zu meiner Freundin:

- Nun ist alles vorüber! ... Sie werden mich verabscheuen und gleich den anderen verachten ... Sie werden sich voll Ekel bei meinem Anblick abwenden ... Und Sie haben vollkommen Recht ... ich kann mich nicht einmal beklagen ... Das ist furchtbar! ... aber ich konnte so nicht weiter leben ... ich wollte diese Lüge zwischen Ihnen und mir nicht mehr ...

Ich schluchzte fassungslos und stammelte sinnlose Worte gleich einem verwirrten Kinde.

- Es ist schrecklich! ... Es ist schrecklich! ... Und ich ... denn schließlich ... das ist wahr, ich schwöre es Ihnen! ... ich, der ich ... Sie verstehen mich schon ... Das war wie eine Maschine, bei der ein Rad ins andere griff ... ja ein Räderwerk ... ein richtiges Räderwerk ... Ich wußte ja nichts davon ... Und dann Ihre Seele ... ach, Ihre Seele ... Ihre liebe Seele ... und Ihre Blicke voll Reinheit ... und Ihr ... ja kurz Ihr lieber ... Sie fühlen wohl ... Ihre freundliche Aufnahme ... Das war mein Heil ... meine Erlösung ... meine ... meine ... Es ist schrecklich! ... Es ist furchtbar! ... Und ich verliere dies nun alles ... Es ist furchtbar! ...

Während ich sprach und weinte, sah Miß Clara mich starr an. O, dieser Blick! Nie, niemals werde ich den Blick vergessen, den dieses anbetungswürdige Weib auf mich richtete ... einen außergewöhnlichen Blick, in dem sowohl Erstaunen als auch Freude, Mitleid, Liebe - ja, Liebe - selbst Bosheit und Ironie ... kurz alles, lag ... ein Blick, der in mich drang, der mich durchbohrte und durchsuchte und mir Leib und Seele verwirrte.

- Das ist ja nett! sagte sie einfach. Es wundert mich nicht allzusehr ... ich glaube wahrhaftig, daß alle Gelehrten Ihnen gleichen.

Ohne den Blick von mir abzuwenden, stieß sie ihr helles, hübsches Lachen aus, ein Lachen, das Vogelgezwitscher glich:

- Ich habe schon einmal Einen kennen gelernt, begann sie von Neuem. Er war auch Naturforscher ... in Ihrem Genre ... Er war von der englischen Regierung nach den Plantagen von Ceylon geschickt worden, um einen Parasiten der Kaffeepflanze zu studieren ... Nun wohl, drei Monate lang verließ er Colombo nicht ... Er verbrachte seine Zeit damit, Poker zu spielen und sich mit Champagner zu betrinken.

Und während ihr Blick noch immer auf mich geheftet war, dieser seltsame, tiefe und wollüstige Blick, fügte sie nach einigen Augenblicken des Schweigens in einem Tone des Vergebens, in dem ich all den Jubel der Verzeihung singen zu hören vermeinte, hinzu:

- Nein, diese kleine Canaille!

Ich wußte wirklich nicht mehr was ich sagen sollte, ob es besser wäre noch weiter zu schluchzen oder ihr zu Füßen zu fallen. Ich stammelte schüchtern:

- Also ... Zürnen Sie mir nicht? ... Sie verachten mich nicht? ... Sie verzeihen mir?

- Dummkopf! rief sie ... Nein, dieser kleine Dummkopf! ...

- Clara! ... Clara! ... Ist es denn nur möglich? ... schrie ich vom Glücke fast betäubt.

Da die Glocke zum Diner schon lange geläutet hatte und sich kein Mensch auf diesem Theil des Verdecks befand, näherte ich mich Clara noch mehr, so daß ich ihre Hüften zittern und ihre Brust wogen fühlte. Und indem ich ihre Hände ergriff, die sie den meinen überließ, während mein Herz in der Brust aufjubelte, rief ich:

- Clara! Clara! ... Lieben Sie mich? Ach, ich beschwöre Sie! ... lieben Sie mich? ...

Sie erwiderte schwach:

- Ich werde es Ihnen heute Abend sagen ... in meiner Kabine! ...

Ich sah in ihren Augen eine grüne Flamme, eine schreckliche Flamme aufleuchten, die mir Furcht einflößte ... Sie befreite ihre Hände aus dem Druck der meinen, plötzlich bildete sich eine harte Falte auf ihrer Stirne, ihr Nacken wurde schwer, sie verstummte und betrachtete das Meer ...

Woran dachte sie? ... Ich wußte es nicht ... Und auch ich dachte, während ich aufs Meer hinausblickte:

- So lange ich in ihren Augen ein regelmäßiger Mensch war, hat sie mich nicht geliebt ... hat sie mich nicht begehrt ... Aber von dem Augenblick an, da sie erfuhr, wer ich sei, da sie den thatsächlichen und unreinen Duft meiner Seele einsog, wurde sie von Liebe ergriffen - denn sie liebt mich! ... Nun also! ... ach was! ... Das Schlechte ist doch schließlich das einzig Wahre! ...

Der Abend war gekommen, dann ohne verbindende Dämmerung die Nacht. Eine unaussprechliche Milde fluthete durch die Luft. Das Schiff rauschte durch ein Gewoge phosphoreszirenden Schaumes. Scharfe glänzende Lichter leuchteten hie und da auf dem Meere ... Es war als ob sich Feen aus der See erhöben und lange Feuermäntel auf ihrer Oberfläche ausbreiteten und mit vollen Händen Goldperlen schüttelten und ins Meer würfen.

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