<
>

Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel II.4

Das Thor des Bagno ging nach einem breiten dunklen Gange. Aus der Tiefe dieses Ganges, aber aus viel weiterer Ferne, drang uns dumpf, gedämpft durch die Entfernung, Glockenläuten entgegen. Als Clara dies hörte, klatschte sie glücklich mit den Händen.

- O, theurer Liebling! ... Die Glocke! ... Die Glocke! ... Wir haben Glück ... Sei nicht mehr traurig ... sei nicht länger krank, ich bitte Dich! ...

Man drängte so wüthend beim Eingang des Bagno, daß die Polizisten nur mit Mühe ein wenig Ordnung in den Aufruhr brachten. Geschwätz, Geschrei, ersticktes Stöhnen, Rauschen der Kleiderstoffe, Klappern der Schirme und Fächer gaben ein buntes Gemenge, in das sich Clara entschlossen stürzte. Sie war womöglich noch aufgeregter, seit sie diese Glocke läuten gehört hatte. Ich dachte nicht daran sie zu fragen, weshalb die Glocke läutete und was diese kurzen dumpfen Schläge, diese leisen Schläge in weiter Ferne, die ihr so viel Vergnügen machten, bedeuteten! ...

- Die Glocke! ... Die Glocke! Die Glocke! ... Komm! ...

Aber wir kamen nicht vorwärts, trotz der Anstrengungen der Boys, der Korbträger, die mit tüchtigen Ellenbogenstößen ihren Herrinen einen Weg zu bahnen suchten. Langgereckte Sänftenträger mit grinsenden Gesichtern, furchtbar magere Kerle mit nackter Brust, deren Narben man unter den Fetzen der Kleidung deutlich sah, hielten hoch über ihren Köpfen mit Fleisch gefüllte Körbchen, während die Sonne die Zersetzung des Fleisches da drin beschleunigte und einen Schwarm neuer larvenhafter Lebewesen entstehen ließ. Gespenster des Verbrechens und der Hungersnoth, Schreckbilder eines schweren Traumes, in dem einen der Alp drückte und von Metzeleien wiedererstandene Dämonen der ältesten und schreckerfülltesten Sagen Chinas sah ich neben mir. Ihr Lachen zerschlitzte den Mund sägenförmig, indem es die von Bethel gefärbten Zähne zeigte und sich bis zur Spitze des Kinnbarts in widerwärtigen Falten fortsetzte. Andere beschimpften sich und zerrten sich roh am Zopfe; noch andere glitten gleich Raubthieren herbei, drangen in den Wald von Menschenleibern, durchsuchten die Taschen, schnitten Börsen ab, stahlen Schmucksachen und verschwanden, indem sie ihre Beute in Sicherheit brachten.

- Die Glocke! ... Die Glocke! ... rief Clara wieder.

- Aber was für eine Glocke? ...

- Du wirst schon sehen ... Eine Überraschung ist es! ...

Und die Gerüche, die durch die Menschenmenge verbreitet wurden - Gerüche von Anstandsorten, gemischt mit Schlächterei und Schindangergestank und Ausdünstungen menschlicher Leiber, machten mich ganz elend und ließen mir kalte Schauer über den Rücken gleiten. Ich hatte innerlich denselben Eindruck tödtlicher Lähmung, den ich so oft in den Wäldern von Annam lebend gefühlt, wenn Miasmen den tiefen Humusschichten entsteigen und der Tod hinter jeder Blume, hinter jedem Blatt, hinter jedem Kräutlein lauert. Gleichzeitig von allen Seiten gedrückt und gestoßen, konnte ich fast nicht mehr athmen und war endlich auf dem Punkte ohnmächtig zu werden.

- Clara! ... Clara! ... rief ich.

Sie gab mir Riechsalze zum athmen, deren starker Duft mich ein wenig belebte. Sie selber war frei von allem Unbehagen, sehr vergnügt inmitten dieser Menschenmenge, deren Gerüche sie einathmen mußte, deren widerlichste Umarmungen sie mit einer Art von verzücktem Lustgefühl ertrug. Sie reichte ihren Leib - diesen ganzen schlanken, zarten, vibrierenden Leib - den Rohheiten, den Schlägen, hin und setzte ihn dem Zerrissenwerden aus. Ihre ach so weiße Haut färbte sich röthlich; ihre Augen hatten den verschwommenen Ausdruck geschlechtlichen Genusses; ihre Lippen waren geschwellt gleich zwei harten, zum Einschließen bereiten Knospen ... Sie rief mir wiederum in einem Tone wie von spötischem Mitleid zu:

- Ach, das kleine Mädchen! ... kleines Mädchen! ... kleines Mädchen! ... Sie werden nie etwas anderes als ein kleines Mädchen, das gar nichts aushalten kann, sein! ...

Als wir aus dem blendenden, überwältigenden Sonnenlicht heraus waren und den Gang endlich betreten hatten, schien er mir im ersten Augenblick voll von Schatten zu sein. Dann sah ich immer deutlicher, als sich das Auge an die Dunkelheit gewöhnt hatte, und ich konnte mir klar darüber werden wo ich mich eigentlich befand.

Der Gang war breit und hoch, an der Decke befanden sich Glasscheiben von einer Dicke, daß nur gedämpftes Treibhauslicht in den Raum fiel. Ein Gefühl feuchter Kühle, fast von Kälte durchdrang mich ganz und gar, wie die Liebkosung einer Quelle. Die Mauern trieften gleich den Felswänden unterirdischer Grotten. Unter meinen Füßen, die von Kieseln der Ebene verbrennt waren, hatte der Sand, der die Balken des Ganges bedeckte, die weiche Frische einer Düne am Meeresstrande ... Ich athmete die Luft in vollen Zügen ein. Clara sagte zu mir:

- Du siehst, wie nett man zu den Sträflingen ist hierzulande ... Wenigstens haben sie es kühl.

- Aber wo sind sie? fragte ich. Ich sehe links und rechts nichts als Mauern.

Clara lächelte.

- Wie neugierig Du bist! Nun kommst Du mir fast ungeduldiger vor, als ich selbst es bin. Warte noch einen Augenblick, sogleich wirst Du sie sehen, mein Liebling. Na also!

Sie hatte sich unterbrochen, war stehen geblieben und wies mit dem Finger nach der Tiefe des Ganges hin, während ihr Auge womöglich noch heller strahlte und ihre Nüstern vibrirten. Sie horchte auf das Geräusch wie eine Hirschkuh im Waldesdunkel lauscht.

- Hast Du gehört? Das sind sie! Hast Du gehört?

Da unterschied ich, inmitten des Geräusches der Menge, die den Gang erfüllte, durch das Stimmengewirr hindurch unterdrückte Schreie, dumpfe Klagen, Kettenrasseln, gleich Blasebälgen tief athmende Klagen, fremdartiges, langtönendes Röcheln und Kreischen wie von Raubthieren. Das Alles schien aus der Tiefe des Gemäuers zu kommen, aus der Erde hervor, vielleicht sogar aus dem Abgrunde des Todes; man wußte nicht woher.

- Hast Du gehört? begann Clara wieder. Das sind sie. Du wirst sie sogleich sehen. Wir müssen jetzt vorwärts drängen. Nimm meinen Arm. Sieh deutlich zu. Das sind sie, das sind sie!

Wir setzten uns wieder in Bewegung, von dem Boy gefolgt, der jeden Wink seiner Herrin aufmerksam beobachtete. Und der fürchterliche Geruch, wie von Leichnamen, begleitete uns auch dahin, er ließ uns keinen Augenblick lang los, vermehrt durch andere Gerüche, deren ammoniakhaltige Herbheit uns in die Augen biß und zum Husten reizte.

Die Glocke läutete noch immer dort unten. In weiter Ferne, langsam und sanft, erstickten Töne, gleich der Klage eines Menschen im Todeskampf. Clara wiederholte zum dritten Male:

- Oh! Diese Glocke! Er stirbt, er stirbt, mein Liebling! Wir werden ihn vielleicht sehen.

Plötzlich fühlte ich, wie ihre Finger sich nervös in meinen Arm preßten.

- Mein Liebling! Mein Liebling! Da rechts. Das ist fürchterlich.

Lebhaft wandte ich den Kopf. Das höllische Schauspiel begann an uns vorüberzuziehen.

Rechts waren in die Mauer weite Zellen eingelassen oder vielmehr weite Käfige, die durch Eisenbarren versperrt und durch dicke Steinplatten von einander getrennt waren. Die ersten zehn Käfige waren von je zehn Verurtheilten eingenommen und in all den Zehnen spielte sich das gleiche, fürchterliche Schauspiel ab. Der Hals jedes Einzelnen war in einen so umfangreichen Prangerring eingeschlossen, daß man den übrigen Leib nicht sehen konnte. Es war, als ob fürchterliche, noch lebende Köpfe von Enthaupteten auf Tische gestellt wären. Inmitten ihres Unrathes kauernd, die Hände und die Füße mit Ketten belastet, konnten sie sich weder ausstrecken, noch niederlegen, noch einen Augenblick lang ausruhen. Die geringste Bewegung, die den Prangerring um ihren Hals zucken machte und ihn in Berührung mit ihrem offenen, blutunterlaufenen Nacken brachte, ließ sie ein Schmerzensgeheul ausstoßen, in das sich gräßliche Beschimpfungen gegen uns und flehentliche Bitten zu den Göttern abwechselnd mischten.

Ich war stumm vor Entsetzen.

Leicht beweglich wie immer, von einem hübschen Schauer geschüttelt, mit den gewohnten zierlichen Bewegungen spießte Clara in dem Korbe des Boy einige winzige Fleischstückchen auf, die sie in ihrer zierlichen Weise durch die Barren in den Käfig hereinschleuderte. In demselben Augenblick bewegten sich die zehn Köpfe auf den mit Gleichgewicht gehaltenen Prangerringen, sie warfen auf das Fleisch wüthende Blicke, Blicke des Entsetzens und des Hungers, dann kam gleichzeitig ein Schmerzensschrei aus den zehn verzogenen Mündern, und ihrer Machtlosigkeit bewußt, rührten sich die Verurtheilten nicht mehr. Sie blieben unbeweglich, den Kopf leicht geneigt und wie bereit, über die abschüssige Ebene des Prangerringes hinabzurollen, eine Art von unbeweglichem Grinsen.

- Sie können nichts essen, erklärte Clara, sie können das Fleisch nicht erreichen. Alle Wetter! mit den Maschinen ist das ganz begreiflich. Nun glaubst Du wahrhaftig, daß es unglückliche Menschen genug giebt?

Sie warf noch einmal durch das Gitter ein kleines Stück Aas, das auf einen der Prangerringe fiel und ihn leicht erzittern machte. Dumpfes Grollen antwortete auf diese Bewegung, ein noch wilderer und verzweifelterer Haß blitzte gleichzeitig in den zwanzig Augensternen auf. Unwillkürlich wich Clara zurück.

- Siehst Du, fuhr sie mit etwas unsicherem Tone fort, das macht ihnen Spaß, wenn ich ihnen Fleisch gebe. Das zerstreut diese armen Teufel einen kleinen Augenblick lang und gibt ihnen ein wenig Illusion. Aber vorwärts, wir müssen vorwärts zu kommen suchen.

Wir gingen langsam vor den zehn Käfigen vorüber. Die Frauen, die davor standen, stießen helle Schreie aus oder lachten in toller Weise oder gaben sich auch leidenschaftlichem Mienenspiel hin. Ich sah eine Russin, ein hellblondes Weib, mit klaren, kalten Augen den Gefolterten am Ende ihres Sonnenschirmes ein scheußliches, grünes, verfaultes Stück Fleisch hinhalten, das sie abwechselnd hin- und herzog. Die Gefangenen spitzten ihre Lippen, zeigten die Zähne wie wüthende Hunde mit einem Ausdruck des Hungers, der nichts Menschliches mehr an sich hatte; sie versuchten nach der Nahrung zu schnappen, die stets ihrem Munde, vor den bereits Schaum getreten war, entfloh. Neugierige Weiber folgten aufmerksam den verschiedenen Phasen dieses grausamen Spieles und sahen sehr belustigt aus.

- Nein, diese Negären! rief Clara, die wirklich entrüstet war; wahrhaftig, es gibt Frauen, die vor Nichts Achtung haben. Das ist schändlich!

Ich fragte:

- Was für Verbrechen können diese Wesen denn begangen haben, daß sie solche Qualen erdulden müssen?

Sie antwortete zerstreut:

- Ich weiß nicht genau, vielleicht eine Kleinigkeit, kaum eine Sache von Belang, geringe Diebstähle bei Kaufleuten glaube ich. Übrigens sind das nur Leute aus dem gemeinen Volke, die im Hafen herumstrolchen, Vagabunden, armes Gesindel. Sie interessiren mich auch nicht sehr; aber es gibt andere. Du wirst sogleich meinen Dichter sehen. Ja, ich habe hier einen besonderen Liebling und zufällig ist er Dichter. Wie komisch das ist! Nicht? Aber das ist ein großer Dichter. Weißt Du, er hat ein bewunderungswürdiges Spottgedicht gegen einen Prinzen, der den Staatsschatz bestohlen hatte, gemacht und er verabscheut die Engländer. Eines Abends, vor zwei Jahren, war er zu mir geführt worden. Er sang so entzückende Dinge vor, aber hauptsächlich in der Satyre war er vollendet. Du wirst ihn sehen. Er ist der Schönste, falls er nicht schon gestorben ist. Alle Wetter! Bei dieser Lebensführung würde es mich nicht wundern. Was mich am meisten schmerzt, ist aber besonders, daß er mich nicht mehr erkennt. Ich spreche mit ihm, ich singe ihm seine Lieder vor; er erkennt auch seine Lieder nicht mehr. Ist das nicht wirklich fürchterlich? Ach was, schließlich ist es ja auch komisch genug.

Sie versuchte lustig zu erscheinen, aber ihre Lustigkeit hatte einen falschen Klang. Ihr Gesicht war ernst, ihre Nasenflügel vibrirten noch heftiger, sie lehnte sich schwerer auf meinen Arm und ich fühlte, wie ein Schauer ihren ganzen Körper überlief.

Da bemerkte ich, daß an der Mauer zur linken Seite, gerade gegenüber jeder einzelnen der Zellen, tiefe Nischen angebracht waren. Diese Nischen enthielten gemalte Holzreliefs, die mit dem entsetzlichen Realismus, der der Kunst des äußeren Orients eigen ist, alle Arten von Foltern darstellten, die in China im Gebrauch sind: Scenen der Enthauptung, der Erdrosselung, des lebendigen Schindens und Zerstückelns des Körpers, teuflische, aber genau mathematisch berechnete Phantasien, die die Kunst der Qualen bis zu einer, unseren westlichen Grausamkeiten, die doch schon erfindungsreich genug sind, unbekannten Vollendung gebracht haben. Ein Museum des Schreckens und der Verzweiflung, in dem nichts von der menschlichen Wildheit vergessen worden war, die ohne Unterlaß, zu allen Tagesstunden, in genauen Bildern den Sträflingen den wissenschaftlich vorbereiteten Tod, für den sie ihre Henker bestimmt hatten, ins Gedächtniß zurückrief.

- Sieh das doch nicht an! sagte Clara zu mir, mit einem verächtlichen Schmollen. Das ist doch nur bemaltes Holz, mein Liebling. Hierher mußt Du schauen, das ist die nackte Wahrheit. Sieh mal, gerade hier ist mein Dichter.

Und mit einer lebhaften Bewegung blieb sie vor der Zelle stehen.

Bleich, fleischlos, mit dem Lachen eines Skelettes behaftet, während die Backenknochen die vom Brand verzehrte Haut fast platzen machten, die Kinnbacken nackt unter den herabhängenden Lippen, so sah das Gesicht aus, das gegen das Gitter gelehnt war, an das sich zwei langknochige Hände, die Vogelklauen glichen, klammerten. Dieses Gesicht, aus dem jede Spur von Menschlichkeit für immer verschwunden war, die blutunterlaufenen Augen, die Hände, die wie trockene Krallen geworden waren, entsetzten mich. Ich fuhr unwillkürlich zurück, um nicht auf meiner Haut den verpesteten Athem dieses Mundes zu fühlen und eine Verwundung von diesen Krallen zu erleiden. Aber Clara führte mich lebhaft vor den Käfig zurück, in dessen Tiefe, in einem schrecklichen Dunkel fünf lebende Wesen, die früher einmal Menschen gewesen waren, herumliefen, ohne einen Augenblick lang Halt zu machen und sich ohne Unterlaß drehten, den Leib nackt, den Schädel schwarz von blutrünstigen Wunden. Athemlos, bellend, heulend, suchten sie vergeblich durch wüthendes Stoßen den festen Schlußstein aus seinen Fugen zu heben. Dann begannen sie wieder herumzulaufen und sich mit der Beweglichkeit von Raubthieren und der Obscönität von Affen im Kreise zu drehen. Ein breites, wagerecht angebrachtes Brett verbarg die untere Hälfte ihres Körpers, während von dem unsichtbaren Fußboden der Zelle ein todbringender, betäubender Geruch aufstieg.

- Guten Tag! Mein Dichter! sagte Clara, indem sie sich dem Gesicht zuwandte. Bin ich nicht hübsch? Ich kam, um Dich noch einmal zu sehen, mein armer, lieber Junge. Erkennst Du mich denn heute nicht? Nein? Weshalb erkennst Du mich nicht? Ich bin doch schön und ich habe Dich einen ganzen Abend lang geliebt!

Das Gesicht rührte sich nicht. Seine Augen verließen nicht den Fleischkorb, den der Boy trug, und aus seiner Kehle drang das rauhe Knurren eines Thieres.

- Hast Du Hunger? fuhr Clara fort. Ich werde Dir zu essen geben. Für Dich habe ich die schönsten Stücke auf dem Markt ausgesucht. Aber zuerst soll ich Dir doch Dein Gedicht "Die drei Freundinen" vorlesen? Willst Du nicht? Es wird Dir doch lieb sein es wieder einmal zu hören.

Und sie trug es vor.

"Ich habe drei Freundinen.
Die Erste hat einen Geist, beweglich gleich einem Bambusblatte.
Ihr leichter und toller Humor ähnelt der federartigen Blume der Eulalia.
Ihr Auge gleicht dem Lotus.
Und ihre Brust ist so hart wie Cedernholz.
Ihre Haare, die in einen einzigen Zopf auslaufen,
Fallen auf die goldigen Schultern gleich schwarzen Schlangen herab.
Ihre Stimme hat die Süße des Berghonigs,
Ihre Lenden sind klein und beweglich;
Ihre Seiten haben die Rundung der glatten Blüthenblätter der Banane.
Ihr Gang ist der eines jungen, fröhlichen Elephanten,
Sie liebt das Vergnügen, weiß es entstehen zu lassen und zu verändern.
Ich habe drei Freundinen!"

Clara unterbrach sich.

- Erinnerst Du Dich nicht? fragte sie. Liebst Du denn meine Stimme nicht mehr?

Das Gesicht hatte keine Miene verzogen, es schien kein Wort zu hören. Seine Blicke verschlangen noch immer den fürchterlichen Korb und seine Zunge klapperte in dem Munde, der mit Speichel gefüllt war.

- Nun also, rief Clara, dann höre noch weiter zu. Nachher sollst Du essen, da Du so großen Hunger hast.

Und sie begann wieder mit ihrer langsamen, rhythmischen Stimme:

"Ich habe drei Freundinen!
Die Zweite hat ein überreiches Haar,
das glänzt und in langen, seidenartigen Guirlanden hinabrollt.
Ihr Blick würde den Gott der Liebe verwirren
Und würde die Schäfermädchen erröthen lassen.
Der Leib dieser zierlichen Frau bewegt sich schlangenartig,
gleich einer goldigen Schlingflanze.
Ihre Ohrläppchen sind mit kostbaren Steinen beladen,
Ganz ähnlich einer Blume, die an einem frostigen Morgen,
wenn die Sonne scheint, mit Reif bedeckt ist.
Ihre Kleider sind Sommergärten
Und Tempel an einem Festtage,
Und ihre Brüste hart und aufrecht, leuchten wie ein paar Goldvasen,
die mit berauschenden Liqueuren und benebelnden Düften erfüllt sind.
Ich habe drei Freundinen!"

- Huh, huh! bellte das Gesicht, während in dem Käfig die fünf anderen Verurtheilten, die immerfort auf und ab gingen und sich im Kreise herumdrehten, das furchtbare Gebell wiederholten.

Clara fuhr fort:

"Ich habe drei Freundinen!
Die Haare der Dritten sind in Zöpfe gewunden und um den Kopf geschlungen,
Und niemals haben sie die Süße wohlriechender Öhle gekannt.
Ihr Gesicht, das die Leidenschaft ausdrückt, ist mißgestaltet.
Ihr Körper gleicht dem eines Schweines.
Sie scheint stets in Wuth zu sein,
Sie grunzt und brummt ohne Unterlaß.
Ihre Brüste und ihr Bauch athmen den Geruch eines Fisches aus.
Sie ist unreinlich in ihrer ganzen Persönlichkeit.
Sie ißt Alles und trinkt im Übermaaß.
Ihre starren Augen sind stets triefend
Und ihr Bett ist widerlicher als das Nest eines Wiedehopfes.
Und sie ist es, die ich liebe,
Und ich liebe sie gerade, weil es etwas giebt,
was seltsamer anziehend als die Schöne ist: die Fäulniß;
Die Fäulniß, in der die ewige Wärme des Lebens wohnt,
In der sich die ewige Erneuerung der Verwandlungen ausarbeitet.
Ich habe drei Freundinen!"

Das Gedicht war zu Ende. Clare schwieg.

Die Augen gierig auf den Korb gerichtet, hatte das Gesicht nicht aufgehört während des Vortrages der letzten Strophe zu bellen.

Da wandte sich Clara traurig zu mir und sagte:

- Siehst Du, er erinnert sich an nichts mehr. Er hat das Gedächtniß für seine Verse wie für mein Gesicht verloren und dieser Mund, den ich geküßt habe, kennt nicht mehr die Sprache der Menschen. Ist das nicht wahrhaftig unerhört?

Sie wählte aus dem Fleische des Korbes das schönste Stück, das größte und hielt es, den Oberkörper zierlich vorgebeugt, an der Spitze ihrer Harke dem entfleischten Gesicht hin, dessen Augen gleich zwei Feuerheerden leuchteten.

- Iß, mein armer Dichter, sagte sie, iß, da nimm es! Mit den Bewegungen eines ausgehungerten wilden Thieres ergriff der Dichter mit seinen Krallen das fürchterliche, übelriechende Stück und führte es zu seinem Munde, wo ich es einen Augenblick lang hängen sah, gleich einem Stück Straßenschmutz im Maule eines Hundes. Aber alsogleich gab es in dem Käfig ein wüstes Brüllen und wilde Bewegung; es war nur noch ein Gehäufe von nackten Körpern, die sich auf einander gestürzt hatten, sich mit ihren langen, mageren Armen umschlangen und sich mit ihren Zähnen und Krallen zerrissen und schmerzverzerrte Gesichter, die sich das Stückchen Fleisch streitig machten. Dann sah ich nichts mehr, ich hörte das Geräusch des Kampfes im Hintergrund des Käfigs, das Stöhnen und Röcheln aus schwerer Brust, das Fallen von Körpern, das Krachen von Knochen, den wilden Lärm einer Metzelei, ein Röcheln. Von Zeit zu Zeit erschien oberhalb des Balkens ein Gesicht, das die Beute zwischen den Zähnen trug und dann wieder verschwand. Dann gab es wieder Gebell und Geröchel und nachher Stille und nichts mehr.

Clara hatte sich eng an mich gedrückt, sie zitterte am ganzen Leib.

- Ach, mein Liebling! Mein Liebling!

Ich schrie ihr zu:

- Wirf ihnen doch das ganze Fleisch hin, Du siehst, daß sie sich darum tödten.

Sie umschlang mich und drückte sich an mich.

- Küsse mich. Sei zärtlich zu mir. Das ist furchtbar! Das ist zu furchtbar!

Sie hob sich auf den Fußspitzen bis zu meinen Lippen und sagte in einem wilden, wollüstigen Kuße zu mir:

- Man hört nichts mehr. Sie sind todt. Glaubst Du, daß sie Alle todt sind?

Als wir die Augen zu dem Käfig wieder erhoben, drückte sich ein weißes, fleischloses, über und über mit Blut überströmtes Gesicht an das Gitter und sah uns starr, beinahe stolz an. Ein Fetzen Fleisch fiel aus seinen Lippen heraus in den Schmutz des blutdurchtränkten Bodens. Seine Brust ging athmend hoch auf und nieder.

Clara klatschte Beifall und ihre Stimme zitterte, während sie das folgende sagte:

- Er ist es! Es ist mein Dichter! Er ist der stärkste! Sie warf ihm das ganze Fleisch aus dem Korbe zu und sagte mit erstickter Stimme:

- Ich halte es hier nicht mehr aus, ich finde keinen Athem mehr und auch Du bist ganz bleich geworden, mein Liebling! Wir wollen jetzt ein bischen frische Luft im Garten der Qualen athmen.

Winzige Schweißtröpfchen perlten auf ihrer Stirn. Sie wischte die Stirn ab und sagte zu dem Dichter gewandt, indem sie ihre Worte mit einer leichten Bewegung ihrer Hand, von der sie den Handschuh gezogen hatte, begleitete:

- Ich bin zufrieden darüber, daß Du heute der stärkste gewesen bist. Iß! Iß! Ich werde Dich wieder besuchen kommen. Lebe wohl!

Sie schickte den Boy, für den sie keine Verwendung mehr hatte, fort. Wir gingen mitten in dem Gange rasch vorwärts und drückten uns durch die Menschenmenge durch, während wir uns bemühten, den Blick weder nach rechts, noch nach links streifen zu lassen.

Die Glocke läutete noch immer. Aber ihre Vibrationen verminderten sich derart, daß sie nur noch eine leichte Windbewegung schienen, die erstickte Klage eines Kindes hinter dichten Vorhängen.

- Weshalb ist diese Glocke da? Woher kommt das Glockenläuten? fragte ich.

- Wie? Das weißt Du nicht? Aber das ist ja die Glocke des Gartens der Qualen. Stell' Dir einmal vor: Man fesselt einen Sträfling und bindet ihn unter der Glocke fest. Dann beginnt man mit aller Macht zu läuten, so lange, bis die Vibrationen ihn getödtet haben und wenn der Tod zu kommen scheint, läutet man sanfter, immer sanfter, gerade wie jetzt eben dort hinten, damit der Sträfling nicht zu rasch stirbt. Verstehst - Du?

Ich wollte sprechen, aber Clara schloß mir den Mund mit ihrem geöffneten Fächer.

- Nein, sei still, sage nichts und höre zu, mein Liebling und denke daran, was für ein furchtbarer Tod es sein muß, unter den Schwingungen der Glocke zu sterben. Und komm mit mir und sage nichts mehr, sage nichts mehr.

Als wir den Gang verließen, glich das Glockenläuten nur noch einem Insektenschwirren, einem Geräusch von Flügeln, das in der Ferne kaum noch zu unterscheiden war.

Home :: Stories :: Der Garten der Qualen :: Kapitel II.4

Loading Google Search Box... (if JavaScript is enabled)