<
>

Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel I.6

Zu jener Zeit wäre ich der kleinsten poetischen Schilderung unfähig gewesen, da mir die lyrische Begabung erst später, zu gleicher Zeit als die Liebe, kam. Sicherlich genoß ich wie jeder andere die Schönheiten der Natur, aber sie bestrickte mich nicht bis zur Verzückung; ich genoß sie in meiner Weise, wie dies eben einem gemäßigten Republikaner zukommt. Und ich sagte mir:

- Die Natur ist vom Fenster eines Eisenbahncoupés oder Durch eine Schiffsluke, stets überall gleich. Ihr hauptsächlichster Charakter besteht darin, daß sie nichts Neues bietet. Sie wiederholt sich ständig und da sie nur eine kleine Menge von Formen besitzt, finden sich dieselben Zusammenstellungen hier und dort beinahe gleich vor. In ihrer riesigen und schwerfälligen Einförmigkeit vertauscht sie nur die Töne, die kaum merklich und interesselos sind, höchstens fesseln sie die Dresseure kleinen Viehzeugs, wozu ich mich, obwohl ich Embryolog bin, nicht rechne, und die Leute, die Haare zu spalten pflegen ... Kurz, wenn man hundert Quadratmeilen eines Landes bereist hat, gleichgiltig wo, hat man alles gesehen und diese Canaille von einem Eugène hatte mir zugerufen: "Du wirst diese Natur, ... diese Bäume, diese Blumen staunend anblicken! ..." Mir gehen die Bäume auf die Nerven und Blumen kann ich nur bei Modistinen und auf Hüten leiden ... Was nun die Tropenwelt anbetrifft, so hätte mir Monte-Carlo für meinen Bedarf von ästhetischer Landschaft vollauf genügt, desgleichen meinen Träumen von weiten Reisen ... Ich verstehe nichts von Palmen, Kokusbäumen, Bananen, Manglebäumen, Citronenbäumen, Pandanus, außer wenn ich ihre Früchte in ihrem Schatten pflücken kann und mit hübschen Frauen tändeln, die etwas anderes als Betel zwischen ihren Lippen haben ... Der Kokusbaum: das ist in meinen Augen der Kokottenbaum ... Ich mag die Bäume nur in dieser echt pariserischen Auffassung ...

Ach, was für ein blinder und tauber Barbar ich damals war! ... Wie konnte ich mit so schändlichem Cynismus Blasphemien gegen die unendliche Schönheit der Form ausstoßen, die vom Menschen zum Thiere geht, vom Thiere zur Pflanze, von der Pflanze zum Berge, vom Berge zu den Wolken und von den Wolken zum Kiesel, auf dem sich all die Herrlichkeiten des Lebens wiederspiegeln! ...! ...

Obwohl wir erst October schrieben, war die Fahrt durch das Rothe Meer doch äußerst unangenehm. Die Hitze war so vernichtend, die Luft so schwer für unsere europäischen Lungen, daß ich oft erstickt zu sterben glaubte. Tagsüber verließen wir den Salon gar nicht mehr, wo der große indische Punka, der sich ohne Unterlaß bewegte, uns die rasch entschwindende Illusion einer frischen Brise gab. Die Nacht verbrachten wir auf dem Verdeck, wo wir übrigens ebenso wenig wie in unseren Kabinen schlafen konnten ... Der normännische Edelmann schnaufte wie ein kranker Ochse und dachte gar nicht mehr daran seine tonkingischen Jagdgeschichten zu erzählen. Von den Reisenden waren diejenigen, die vorher am meisten geprahlt und sich möglichst widerstandsfähig gezeigt hatten, am meisten herunter gekommen, ihre Glieder waren erschöpft, ihr Athem ging pfeifend, wie der eines übermüdeten Rindviehs. Man kann sich gar nichts Lächerlicheres vorstellen, als das Aussehen dieser Leute, die in ihre vielfarbigen Pidjamus versenkt waren ... Nur die beiden Chinesen schienen von dieser Feuertemperatur unberührt ... Sie hatten nichts an ihren Gewohnheiten oder all ihren Kleidungen geändert und verbrachten ihre Zeit mit schweigsamen Spaziergängen auf dem Deck oder Karten- und Würfelparthien in ihren Kabinen ...

Wir interessirten uns für nichts. Nichts konnte uns übrigens zerstreuen, da wir die Qual erlitten, mit der Langsamkeit und Regelmäßigkeit eines Ofentopfes gekocht zu werden. Das Packetboot fuhr mitten des Golfes: ober uns, rings um uns sahen wir nichts als den blauen Himmel und das blaue Meer, ein düsteres Blau, ein heißes, metallisches Blau, wie es manchmal in den Hochöfen zu erblicken ist, kaum konnten wir die Somaliküsten, die ferne rothe Masse unterscheiden, bedeckt mit jenen glühenden Sandhügeln, wo kein Baum, kein Kraut wächst, die wie ein unablässig brennender Feuerherd dieses schreckliche Meer umgürten, das einem ungeheuern Behältniß kochenden Wassers gleicht.

Ich muß sagen, daß ich während dieser Überfahrt großen Muth bewies und nichts von meinem, in der That sehr leidenden Zustand zeigte ... Ich erreichte dies durch Ergebenheit in mein Schicksal und durch Liebe.

Der Zufall - war es wirklich der Zufall oder nur der Kapitain? - hatte mir Miß Clara als Tischnachbarin gegeben. Ein Zwischenfall bei der Bedienung brachte es zu Stande, daß wir fast ohne Verzug genaue Bekanntschaft schloßen ... Übrigens berechtigte meine hohe Stellung in der Wissenschaft und die Neugierde, deren Gegenstand ich war, mich zu gewissen Abweichungen von den gewohnten Höflichkeitsformen.

Wie mir der Kapitain mitgetheilt hatte, kehrte Miß Clara nach China zurück, nachdem sie den Sommer abwechselnd in England, ihrer Geschäfte halber, in Deutschland um eine Kur durchzumachen und in Frankreich um sich zu unterhalten, verbracht hatte. Sie gestand mir, daß Europa sie immer mehr anwidere ... Sie könnte diese hektischen Sitten, diese lächerlichen Moden, diese frostigen Landschaften nicht länger ertragen ... Nur in China fühlte sie sich glücklich und frei! ... So wie sie war, mit ihrem entschlossenen Benehmen, mit ihrem höchst außergewöhnlichen Lebenswandel, plauderte sie zuweilen kreuz und quer, zuweilen auch mit einem lebhaften Verständnis für alle Dinge, mit fieberhafter und dem Fremdartigen zugeneigter, sentimentaler und philosophischer, unwissender und gebildeter, unreiner und keuscher, kurz geheimnißvoller Lustigkeit ... Sicher hatte sie Lücken in ihrem Wissen ... unverständliche Launen ... schreckliche Gelüste ... mit einem Worte, sie verwirrte mich im höchsten Grade, obwohl man doch von einer Engländerin jegliche Excentrizitäten erwarten muß. Ich zweifelte von allem Anfang nicht daran, ich, der ich in Bezug auf Frauen, nur pariser Kokotten und was noch ärger ist, politische und litterarische Weiber gekannt hatte, ich zweifelte nicht daran, daß ich Jene leicht verführen könnte und nahm mir vor, durch sie in unvorhergesehener und reizender Weise meine Reise zu verschönern. Ihr Haar war röthlich, ihre Haut glänzend, ein Lächeln schien stets bereit auf ihren schwellenden und rothen Lippen zu erklingen. Sie war in der That die Freude des ganzen Schiffes, die Seele dieses Fahrzeuges, das tollen Abenteuern, der paradiesischen Freiheit ursprünglicher Länder und feurigen Tropen entgegenzog ... Die Eva eines wundervollen Edens, selbst eine Blume, eine berauschende Blume und die köstliche Frucht ewiger Lust, streifte sie und sie sprang wie ich mir deutlich vorstellen konnte, zwischen den Blumen und den goldigen Früchten dieser paradiesischen Gärten herum, nicht mehr in diesem modernen Kostüme aus weißem Piquetstoff, das ihre biegsame Taille eng umschloß und das kraftvolle Leben ihrer fruchtartigen Büste einengte, sondern in dem übernatürlichen Glanze ihrer biblischen Nacktheit.

Ich erkannte nur allzubald, daß ich mich in meiner galanten Diagnose geirrt hatte und daß Miß Clara meine eitle Einbildung Lügen strafend, unantastbare Ehrbarkeit besaß ... Weit davon entfernt durch diese Feststellung enttäuscht zu werden, erschien sie mir nur noch hübscher und ich fühlte wirklichen Stolz darüber, daß dieses reine, tugendhafte Wesen mich, den niedrigen Wüstling, mit so einfachem und graziösem Vertrauen aufgenommen hatte ... Ich wollte auf die innere Stimme nicht hören, die mir zurief: "Dieses Weib lügt ... dieses Weib macht sich über Dich lustig ... Aber Du Dummkopf, so sieh' doch mal ihre Augen an, die alles erblickt haben, diesen Mund, der alles geküßt hat, diese Hände, die alles geliebkost haben, diesen Leib, der überoft in jedem Wollustrausch und jeglicher Umarmung erschauerte! ... Sie und keusch? ... Ach was! ... ach was! ... Und diese wissenden Geberden? Und diese Weichheit und Biegsamkeit, diese Bewegungen des Leibes, der all die Formen einer wollüstigen Umschlingung bewahrt hat? ... und diese geschwellte Büste, die einer von Pollen trunkenen Blume gleicht? ..." ... Nein, wahrhaftig, ich hörte auf diese Stimme nicht ... Und ich hatte ein köstlich keusches Gefühl, das aus zärtlicher Dankbarkeit und Stolz zusammengesetzt war, eine Regung moralischer Wiedergeburt, als ich so täglich mehr, in vertraulichem Verkehr mit diesem schönen, tugendhaften Weib kam, von dem ich im Vorhinein annehmen konnte, daß es mir nie etwas Anderes sein könnte, als eine seelische Freundin! ... Dieser Gedanke erhob mich und rehabilitirte mich in meinen eigenen Augen. Dank dieser täglichen, reinen Berührung gewann ich, ja wahrhaftig, gewann ich wieder Selbstachtung. Der ganze Schmutz meiner Vergangenheit verwandelte sich in leuchtenden Azur ... und ich sah die Zukunft durch den ruhigen, klaren Smaragdglanz geregelten Glückes ... Ach, wie weit waren Eugène Mortain, Frau G ... und Ihresgleichen von mir! ... Wie verrannen die Gesichter all dieser grinsenden Fantome jeden Augenblick mehr unter dem himmlischen Blick dieses strahlenden Geschöpfes, durch den ich mich mir selbst als ein neuer Mensch enthüllte, mit edlen Anwandlungen, zärtlichen Gefühlen und einer Begeisterungsfähigkeit, die ich noch nie an mir bemerkt hatte ...

O, Ironie dieses zärtlichen Liebesrausches! ... O, Komödie der Begeisterung, die im Menschenherzen ruht! ... Wie oft glaubte ich in Clara's Nähe an die große Aufgabe meiner Forschungsreise und war ich überzeugt, daß ich das Genie besaß, um all die Embryologien, all die Planeten des Weltalls in Aufruhr zu versetzen ...

Wir langten rasch bei vertraulichen Geständnissen an ... Dies geschah in einer Reihe von Lügen, die geschickt vorgebracht wurden, einerseits aus Eitelkeit, andererseits aus dem natürlichem Wunsche, mich in den Augen meiner Freundin nicht zu entwerthen; ich suchte mich also möglichst vortheilhaft in der Rolle eines Gelehrten zu zeigen, erzählte von meinen biologischen Entdeckungen und meinen Erfolgen an der Academie, ich sprach von all der Hoffnung, die die berühmtesten Männer der Wissenschaft auf meine Methode und meine Reise setzten. Dann verließ ich diese all zu steilen Höhen und beschäftigte mich mit halb gesunden, halb perversen Anekdoten aus dem gesellschaftlichen Leben und Bemerkungen über Litteratur und Kunst, die den Geist einer Frau zur Genüge intressieren konnten, ohne ihn zu verwirren. Und diese frivolen und leichten Unterhaltungen, denen ich einen geistreichen Anstrich zu geben bestrebt war, verliehen meiner ernsten Persönlichkeit eines Gelehrten einen seltsamen, vielleicht einzig in seiner Art dastehenden Charakter. Ich erwarb mir Clara's Zuneigung vollständig, während dieser Fahrt durch's Rothe Meer. Indem ich mein eigenes Unwohlbefinden unterdrückte, fand ich geschickte Aufmerksamkeiten und zarte Rücksichten gegen sie, die ihr Leiden einschläferten. Als die Saghalien in Aden vor Anker gieng, um Kohlen aufzunehmen, waren wir Beide vertraute Freunde geworden, erfüllt mit jener wunderbaren Freundschaft, die kein Blick, keine Geberde trübt, die keine schuldige Absicht in ihrer schönen Reinheit beflecken kann ... Und dennoch rief die innere Stimme ohne Unterlaß in mir: "Aber sieh' doch nur diese Nüstern, die mit schrecklicher Wollust das Leben in seiner Gänze einathmen ... Betrachte diese Zähne, die sich unzählige Male in die blutige Frucht der Sünde gegraben haben". Heldenhaft gebot ich dieser Stimme Stillschweigen.

Es war eine unendliche Freudenstimmung, als wir in die Gewässer des indischen Ozeans einliefen; nach den tödtlichen, folternden Tagen, die wir auf dem Rothen Meere verbracht hatten, erschien mir dies wie eine Wiedergeburt. Ein neues Leben, ein Leben voll Freude und Thätigkeit entstand an Bord. Obwohl die Temperatur noch recht heiß war, konnte man doch köstlich athmen, es war als ob man den Duft von Pelzwerk, das eine Frau eben ausgezogen hat, einsöge. Eine leichte Brise, die, wie man annehmen konnte, mit all den Düften der tropischen Flora geschwängert war, erfrischte Leib und Seele. Um uns gieng ein förmliches Wunder vor. Der Himmel war von der Durchsichtigkeit einer Märchengrotte, goldgrün mit rosigen Flammen gefärbt; das Meer dehnte sich ruhig unter dem kraftvoll rythmischen Hauch des Monsum in weiter blauer Fläche aus, die hie und da mit smaragdfarbenen Lichtern geschmückt war. Wir fühlten thatsächlich körperlich etwas wie eine Liebkosung, als wir den magischen Erdtheilen nahten, den lichterfüllten Ländern, wo das Leben an einem geheimnißvollen Tage seine ersten Zuckungen gehabt. Und wir alle, selbst der normännische Edelmann, trugen auf den Gesichtern etwas von diesem Himmel, von diesem Licht.

Miß Clara zog - wie sich das von selbst versteht - die Blicke der Männer auf sich, die sie in Aufruhr versetzte; sie hatte stets einen ganzen Hof von leidenschaftlichen Verehrern um sich. Ich fühlte keine Eifersucht, da ich überzeugt war, daß sie diese Leute für lächerlich hielt und mich allen anderen vorzog, selbst den beiden Chinesen, mit denen sie sich häufig unterhielt, die sie aber nicht mit solchen Blicken wie mich ansah, mit diesen seltsamen Blicken, in denen ich mehrfach trotz aller erzwungenen Zurückhaltung eine gewisse geistige Mitschuld und ich weiß nicht welches geheime Einverständnis zu lesen glaubte ... Unter ihren leidenschaftlichsten Anbetern befanden sich ein französischer Forschungsreisender, der sich nach der malaiischen Halbinsel begab, um dort die Kupferbergwerke zu untersuchen, und ein englischer Offizier, der in Aden das Schiff bestiegen hatte und nach seiner Garnison Bombay zurückkehrte. Beide waren in ihrer Art grobe, doch unterhaltende Barbaren, die Clara mit Vorliebe zur Zielscheibe ihres Spottes machte. Der Forschungsreisende wurde nicht müde von seinen früheren Fahrten durch Central-Afrika zu erzählen. Was den englischen Offizier betrifft, der Hauptmann in einem Artillerieregimente war, so suchte er uns durch die Beschreibung aller seiner ballistischen Erfindungen zu verblüffen.

Eines Abends befanden wir uns nach dem Diner sämmtlich um Clara herum vereint, die graziös auf einem Rocking-chair ausgestreckt lag. Die einen rauchten Zigarretten, die anderen waren in Nachdenken versunken ... Wir alle trugen das gleiche Verlangen nach Clara in uns; wir alle folgten mit demselben Gedanken wilden Genußes den Bewegungen ihrer kleinen Füßchen, die in rosigen Pantoffeln steckten und bei dem Wiegen des Stuhles aus dem duftenden Kelch ihrer Röcke wie Staubfäden herauswuchsen ... Wir sprachen kein Wort ... Und die Nacht war voll von märchenhafter Wonne, das Schiff glitt wollüstig über das Meer wie über eine Seidenfläche. Clara wandte sich an den Forschungsreisenden ...

- Ist es also wahr? rief sie mit boshafter Stimme ... oder soll das vielleicht nur Scherz sein? ... Sie haben wirklich Menschenfleisch gegessen?

- Ja, selbstverständlich! ... antwortete er stolz und in einem Tone, der unbestreitbare Überlegenheit über uns markieren sollte ... Ich mußte wohl oder übel ... man ißt was man eben hat ...

- Und wie schmeckt das? ... fragte sie ein wenig angeekelt.

Er überlegte einen Augenblick lang ... dann bemerkte er mit einer ungewissen Geberde:

- Mein Gott! ... wie soll ich Ihnen dies definiren ... Stellen Sie sich vor, anbetungswürdige Miß ... stellen Sie sich Schweinefleisch vor ... Schweinefleisch, das ein wenig in Nußöl eingemacht ist ...

Nachläßig und resignirt fügte er hinzu:

- Es ist nicht gerade sehr gut ... man ißt es ja übrigens auch nicht aus Feinschmeckerei ... Ich ziehe jedenfalls Hammelkeule oder Beafsteak vor ...

- Das begreife ich wohl! ... stimmte Clara bei.

Und als ob sie aus Höflichkeit den Schrecken dieser Menschenfresserei hätte mildern wollen, spezialisierte sie:

- Zumal Sie doch zweifellos nur Negerfleisch gegessen haben! ...

- Negerfleisch? ... stieß er erschreckt hervor ... O, pfui! ... Glücklicher Weise, theuerste Miß, war ich zu dieser harten Nothwendigkeit nicht gezwungen ... Wir haben, Gott sei Dank, stets nur Weiße verzehrt! ... Unsere Eskorte enthielt eine große Anzahl von Männern, die meist aus Europäern bestanden ... Marseiller, Deutsche, Italiener ... von allem etwas ... Wenn der Hunger zu arg wurde, schlachtete man einen Mann aus der Eskorte ... mit Vorliebe einen Deutschen ... Der Deutsche, göttliche Miß, ist fetter als andere Rassen ... auch ausgiebiger ... Und dann für uns Franzosen ist es dann eben ein Deutscher weniger! ... Der Italiener ist seinerseits trocken und hart ... er hat zuviel Sehnen ...

- Und der Marseiller? ... warf ich ein ...

- Pfui! ... erklärte der Reisende kopfschüttelnd ... der Marseiller schmeckt sehr schlecht ... er schmeckt nach Knoblauch ... und außerdem, ich weiß nicht weshalb, nach ranzigem Fett ... Ich kann nicht gerade behaupten, daß er schmackhaft ist ... nein ... höchstens genießbar ...

Dann wandte er sich zu Clara, mit abwehrender Geberde, und erklärte in dringlichem Tone:

- Aber Negerfleisch ... nein niemals! ... ich glaube, ich würde es wieder erbrochen haben ... Ich kannte Leute, die welches gegessen hatten ... Sie wurden krank davon ... Der Neger ist ungenießbar ... Es gibt sogar welche, versichere ich Sie, die geradezu giftig sind ...

Und sorgfältig verbesserte er sich noch:

- Schließlich ... muß man sich eben darin auskennen wie in Bezug auf die Pilze. Vielleicht sind die indischen Neger eßbar? ...

- Nein! ... erklärte der englische Offizier in kurzem kategorischen Ton, der inmitten von schallendem Gelächter diese culinarische Unterhaltung, bei der mir schon übel zu werden anfieng,.. beendete ...

Der Forschungsreisende begann, ein wenig entmuthigt, von Neuem:

- Das hat nichts zu bedeuten! ... trotz dieser kleinen Unannehmlichkeiten bin ich glücklich darüber wieder auf Reisen gegangen zu sein. In Europa fühle ich mich krank ... ich lebe nicht ... ich weiß nicht wohin ich gehen soll ... Ich komme mir verdummt und gefangen in Europa vor, wie ein Thier in seinem Käfig ... Man kann dort nicht einmal die Ellenbogen ausstrecken, die Arme bewegen oder den Mund aufmachen, ohne auf thörichte Vorurtheile und blödsinnige Gesetze zu stoßen ... Diese Sitten sind widerlich ... Vergangenes Jahr, reizende Miß, ging ich in einem Kornfeld spazieren. Mit meinem Stocke schlug ich die Ähren rund um mich ab ... Das machte mir Spaß ... Ich habe doch wohl das Recht zu thun was mir gefällt, nicht wahr? ... Ein Bauer kam herbeigelaufen, begann zu schreien, mich zu beschimpfen und befahl mir sein Feld zu verlassen ... Man kann sich gar keine Vorstellung davon machen! Was hätten Sie an meinem Platz gethan? ... Ich verabfolgte ihm drei Stockschläge auf den Kopf ... Er stürzte mit gespaltenem Schädel nieder ... Was glauben Sie wohl, was daraufhin geschah? ...

- Sie haben ihn vielleicht gegessen? ... spottete Clara lachend ...

- O, nein ... ich wurde vor, ich weiß nicht welche Richter geschleppt, die mich zu zwei Monate Gefängnis und zehntausend Francs Schadenersatz verurtheilten ... Eines dreckigen Bauers wegen! ... Und das nennt sich Civilisation! ... Möchte man so etwas glauben? ... Na danke schön! wenn ich in Afrika jedesmal in dieser Weise abgeurtheilt worden wäre, wenn ich Neger oder selbst Weiße getödtet hatte? ...

- Sie tödteten also auch Neger? ... bemerkte Clara.

- Ja gewiß, anbetungswürdige Miß! ...

- Aber weshalb denn, da Sie sie doch nicht essen wollten?

- Aber um sie zu civilisiren, das heißt, um ihnen ihre Elfenbein- und Gummivorräthe wegzunehmen ... Und dann ... was wollen Sie? ... wenn die Regierungen und die Gesellschaften, die uns diese civilisatorischen Missionen anvertrauen, erführen, daß wir Niemanden getödtet hätten ... was würden die dazu sagen? ...

- Sehr richtig! ... stimmte der normännische Edelmann bei ... Übrigens sind die Neger ja reißende Thiere ... Wilddiebe ... die reinen Tiger! ...

- So sollen die Neger sein? ... Da irren Sie sich sehr, mein bester Herr! ... Sie sind sanft und lustig ... sie sind wie Kinder ... Haben Sie schon einmal Abends, am Waldessaume, auf der Wiese, wilde Kaninchen spielen sehen? ...

- Zweifellos! ...

- Ihr Gebahren ist wirklich niedlich ... sie sind von toller Lustigkeit, streichen sich das Fell mit den Pfoten zurecht, springen und kugeln sich im Grase ... Nun also, die Neger sind wie diese jungen Kaninchen ... sie sind allerliebst! ...

- Dennoch steht es fest, daß sie Menschenfresser sind? ... bemerkte der Edelmann hartnäckig ...

- Die Neger Menschenfresser? widersprach der Forschungsreisende ... Nicht im mindesten! ... In jenen Landstrichen sind nur die Weißen Menschenfresser ... Die Neger nähren sich von Bananen und anderen Gewächsen. Ich kenne sogar einen Gelehrten, der allen Ernstes behauptet, daß die Neger Wiederkäuermagen haben ... Wie sollen sie also Fleisch, besonders Menschenfleisch essen können?

- Weshalb tödtet man sie also? warf ich ein, denn ich fühlte mich gerührt und mitleidsvoll gestimmt.

- Aber ich sagte es Ihnen ja schon ... um sie zu civilisiren. Und das war sehr amusant! ... Wenn wir nach Märschen, nach endlosen Märschen zu einem Negerdorf kammen ... waren die Bewohner starr vor Schreck! ... Sie stießen sogleich verzweifelte Schreie aus und versuchten nicht einmal zu entfliehen, so große Angst hatten sie; sie weinten, das Gesicht auf den Boden gebeugt. Man vertheilte Branntwein an sie, denn wir haben in unserem Gepäck stets starke Alkoholprovisionen ... und als sie betrunken waren, metzelten wir sie nieder! ...

- Ein dreckiges Zielobject! mit diesen Worten faßte der normännische Edelmann angeekelt seine Gedanken zusammen, der in diesem Augenblick im Geiste die Wälder von Tonkin durchstreifte und prachtvolle Pfauenflüge erblickte ...

Die Nacht war wundervoll; der Himmel stand in Flammen; rings um uns bewegten sich auf dem Ocean große Flecken phosphoreszirenden Lichtes ... Und ich war traurig, traurig über Clara, traurig über diese rohen Menschen und über mich selbst, sowie über unsere Worte, die das Schweigen und die Schönheit verletzten.

Plötzlich fragte Clara den Forschungsreisenden:

- Kennen Sie Stanley?

- Ja, gewiß kenne ich ihn ..., gab dieser zur Antwort.

- Und was halten Sie von ihm?

- O, der! ... bemerkte er kopfschüttelnd ...

Und als ob schändliche Erinnerungen sein Hirn durchkreuzten, vollendete er mit ernster Stimme:

- Er geht wirklich etwas zu weit! ...

Ich fühlte, daß der Hauptmann seit einigen Minuten zu sprechen verlangte ... Er benützte die Pause, die diesem Geständnis folgte und äußerte:

- Ich! ... ich habe viel Besseres geleistet ... Eure kleinen Metzeleien sind gar nichts im Vergleich zu denen, die man mir verdanken wird ... Ich habe ein Geschoß erfunden ... das geradezu beispiellos ist. Ich nenne es das Dum-Dum Geschoß, nach dem Namen eines Hindudörfchens, wo ich die Ehre hatte es zu erfinden.

- Tödtet es viel? ... mehr als die anderen? fragte Clara.

- O, liebe Miß, fragen Sie mich nicht! ... antwortete er lachend ... Das läßt sich gar nicht berechnen! ...

Und bescheiden fügte er hinzu:

- Dennoch ... ist es nichts ... es ist winzig klein! Stellen Sie sich ein ganz kleines Ding vor .... wie nennen Sie das doch gleich? ... eine kleine Haselnuß ... ja, das ist es! ... Stellen Sie sich eine ganz kleine Haselnuß vor ... Es ist wirklich reizend ...

- Und welch hübscher Name, Herr Hauptmann! ... äußerte Clara bewundernd.

- Er ist in der That sehr hübsch, stimmte der Hauptmann sichtlich geschmeichelt her ... sehr poetisch! ...

- Mau würde sagen, nicht wahr? ... man möchte sagen, es sei der Name einer Fee aus einem Shakespeareschen Lustspiel ... Die Fee Dum-Dum! ... das entzückt mich ... Eine lachende, leichte, hellblonde Fee, die hüpft, tanzt und im Moos zwischen Sonnenstrahlen herumspringt ... Nur immer los, Dum-Dum!

- Nur immer los! wiederholte der Offizier ... Ausgezeichnet! Sie geht übrigens sehr gut los, die kleine Patrone, anbetungswürdige Miß ... Und was das Eigenthümlichste dabei ist, glaube ich, bei ihr gibt es sozusagen keine Verwundeten mehr.

- Ach, wie denn? ...

- Es gibt nur noch Todte! ... In dieser Hinsicht ist sie wirklich unerreicht!

Er wandte sich mir zu und seufzte in bedauerndem Ton, in dem unsere beiderseitige Vaterlandsliebe sich vereinigte:

- Ach, wenn Sie diese in Frankreich zur Zeit der schändlichen Commune gehabt hätten! ... Welcher Triumph wäre dies gewesen! ...

Dann nahmen seine Gedanken plötzlich einen anderen Gang:

- Ich frage mich zuweilen ... ob das nicht nur eine Erzählung Edgar Poë's, ein Traumbild unseres Thomas de Quincey ist ... Aber nein, denn ich habe die göttliche, kleine Dum-Dum eigenhändig erprobt ... Die Geschichte ging folgender Maßen vor sich ... Ich ließ zwölf Hindu antreten ...

- Lebend?

- Natürlich! ... Der deutsche Kaiser nimmt seine ballistischen Experimente mit Leichen vor ... Sie müssen gestehen, daß das absurd und vollkommen unzugänglich ist ... Ich operiere mit Leuten, nicht nur mit lebenden, sondern mit solchen von robuster Constitution und vollkommener Gesundheit ... So sieht man wenigstens was man thut und verrichtet ... Ich bin kein Träumer ... ich bin Gelehrter! ...

- Ich bitte Sie tausendmal um Verzeihung, Herr Hauptmann! ... fahren Sie doch in Ihrer Erzählung fort! ...

- Ich ließ also zwölf Hindus hintereinander in einer geometrisch geraden Reihe antreten, ... dann schoß ich ...

- Nun und? ... unterbrach Clara.

- Reizende Freundin, diese kleine Dum-Dum that ein Wunder ... Von den zwölf Hindus blieb kein einziger aufrecht! ... Das Geschoß war durch ihre zwölf Leiber gedrungen, die nach dem Schuß nur noch zwölf zerstückte Fleischhaufen und buchstäblich gebrochene Knochen waren ... Ist dies nicht wirklich wunderbar! ... nie hätte ich einen solch herrlichen Erfolg erhofft ...

- Es ist in der That erstaunenswerth und grenzt an ein übernatürliches Wunder.

- Nicht wahr? ...

Und nachdenklich fuhr er nach einigen Augenblicken stimmungsvollen Schweigens fort ...

- Ich suche, murmelte er vertraulich ... ich suche noch etwas Besseres, etwas Definitiveres ... ich suche ein Geschoß ... ein kleines Geschoß, das nichts von den Leuten, die es trifft übrig läßt ... nichts ... nichts ... gar nichts! ... Verstehen Sie mich?

- Wie das? wieso nichts?

- Oder doch nur sehr wenig! ... erklärte der Offizier ... kaum ein Häufchen Asche ... oder auch nur einen leichten röthlichen Dampf, der sich sogleich verzöge ... Das ist ganz gut möglich ...

- Eine automatische Verbrennung also?

- Sehr richtig! ... Bedenken Sie nur die zahlreichen Vortheile einer solchen Erfindung ... Auf diese Art unterdrücke ich die Wundärzte im Heere, die Krankenwärter, die Krankenträger, die Sanitätswachen, die Militärlazarethe, die Pensionen für Verwundete u.s.w., u.s.w. Man würde ungeheuer viel dadurch ersparen ... es wäre eine große Erleichterung für die Staatsbudgets ... geschweige denn für die Hygiene! Welche Errungenschaft für die Hygiene! ...

- Sie könnten dieses Geschoß ja, die Nib-Nib [Nib bedeutet im französischen Rothwelsch "Nichts"] Patrone nennen ... rief ich.

- Sehr hübsch ... sehr hübsch! ... applaudirte der Artillerist, der, obwohl er nichts von dieser rothwelschen Unterbrechung verstanden hatte, geräuschvoll zu lachen begann; es war das brave und freimüthige Lachen, das die Soldaten aller Grade und aller Länder haben ...

Als er sich beruhigt hatte, äußerte er:

- Ich sehe voraus, daß Frankreich, wenn es von dieser prachtvollen Erfindung hören wird, uns wiederum durch alle seine Zeitungen beschimpfen wird ... Und dabei werden sich die wildesten Ihrer Patrioten hervorthun, dieselben Leute, die überlaut schreien, daß man nie genug Milliarden für den Krieg ausgibt, die nur vom Tödten und Bombardiren sprechen; diese Leute werden England wieder einmal dem Abschen aller civilisirten Völker preisgeben ... Aber, Donnerwetter! wir sind logischer in unserer blutumfassenden Barbarei ... Wie! ... man gestattet explosive Shrapnels und will nicht zulassen, daß Gewehrpatronen ebenso eingerichtet werden! ... Weshalb denn nur? ... Wir leben unter dem Gesetze des Krieges ... und worin besteht der Krieg? ... Er besteht darin, soviel Menschen, als man nur irgend kann, in der denkbar kürzesten Zeit niederzumetzeln ... Um den Krieg immer mörderischer und rascher endbar zu gestalten, handelt es sich darum, immer schrecklichere Zerstörungswerkzeuge ausfindig zu machen ... Das ist eine Frage der Humanität und auch des modernen Fortschrittes ...

- Aber Herr Hauptmann, wandte ich ein ... und was machen Sie mit dem Völkerrecht? ...

Der Offizier grinste ... hob die Arme zum Himmel auf und erwiederte:

- Das Völkerrecht! ... Aber dieses Recht besteht doch nur darin, die Menschen in Massen oder einzeln niederzumetzeln, mit Shrapnels oder Patronen, das ist doch Nebensache, vorausgesetzt, daß die Menschen nur ausgiebig niedergemetzelt werden! ...

Einer der Chinesen legte sich ins Mittel:

- Wir sind aber doch keine Wilden! sagte er.

- Keine Wilden? ... Was sind wir denn sonst? ... Wir sind schlimmere Wilde als die Ureinwohner Australiens, da wir das Bewußtsein unserer Wildheit haben und doch darin beharren ... Und da wir durch Krieg, das heißt durch Diebstahl, Raub und Metzelei unsere Streitigkeiten regeln, austragen und verfechten wollen, kurz unsere Ehre rächen ... Nun schön! da müssen wir eben die Unannehmlichkeiten dieses rohen Zustandes, in dem wir dennoch verharren, auf den Kauf nehmen ... Wir sind Wilde, zugegeben! ... dann wollen wir uns eben auch wie Wilde benehmen! ...

Da bemerkte Clara mit sanfter, tiefer Stimme:

- Und dann wäre es Heiligthumschändung gegen den Tod anzukämpfen ... Der Tod ist ja so schön!

Sie stand auf, schneeweiß und geheimnißvoll von dem electrischen Licht des Verdeckes beleuchtet. Ihr feiner langer Seidenshawl umgab sie mit bleichen Reflexen wechselnder Farben.

- Auf Wiedersehen, morgen! sagte sie noch.

Wir hatten uns alle angelegenlichst zu ihr gedrängt. Der Offizier nahm ihre Hand, die er küßte ... und ich haßte sein männliches Gesicht, seine beweglichen Lenden, seine kraftvolle Gestalt, sein ganzes Gebahren ... Er entschuldigte sich:

- Verzeihen Sie mir, daß ich mich zu einem solchen Gesprächsthema verleiten ließ und vergaß, daß man zu einer Frau wie Sie, stets nur von Liebe sprechen dürfe ...

Clara antwortete:

- Aber Herr Hauptmann, wer vom Tode spricht, spricht auch von der Liebe! ...

Sie nahm meinen Arm, ich geleitete sie bis zu ihrer Kabine, wo ihre Kammerzofen sie erwarteten, um ihr das Nachtkleid anzulegen ...

Während des ganzen Abends spukten Metzeleien und Zerstörungswerke in meinem Kopfe herum ... Ich schlief in dieser Nacht sehr unruhig ... Ich sah auf dem gerötheten Moose, in den Strahlen einer blutigen Sonne, blond, lachend und hüpfend die kleine Fee Dum-Dum vorübergleiten ... Die kleine Fee Dum-Dum, die Claras Augen, Mund und ihren ganzen unbekannten und entschleierten Leib besaß ...

Home :: Stories :: Der Garten der Qualen :: Kapitel I.6

Loading Google Search Box... (if JavaScript is enabled)