<
>

Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel I.4

Meine Vorbereitungen waren rasch getroffen, ich hatte das Glück, daß die junge rumänische Gräfin, die außerordentlich von mir eingenommen war, mich mit ihren Rathschlägen und, ich sage es nicht ohne Scham, auch mit ihrer Börse, liebenwürdigst unterstützte.

Uebrigens gieng alles nach Wunsch.

Meine Forschungsreise wurde in günstigster Weise eingeleitet. Durch eine ungewöhnliche Abweichung von den bureaukratischen Sitten konnte ich acht Tage nach der entscheidenden Unterhaltung in den Salons der Frau G ..., ohne irgend welchen Zwischenfall oder Verzögerung, die bewilligten Beträge erheben. Sie waren reichlich genug bemessen, was ich garnicht erhofft hatte, denn ich kannte die "Knauserei" der Regierung in solchen Angelegenheiten und die armseligen Sümmchen, mit denen man karg Gelehrte zu Forschungsreisen ... die wirklichen Gelehrten ... ausstattete. Ich verdankte diese unverschämte Freigebigkeit zweifellos dem Umstande, daß ich keineswegs ein Gelehrter war und deshalb mehr als ein anderer, reiche Mittel benöthigte, um die Rolle eines Gelehrten zu spielen.

Man hatte mir zwei Sekretäre und zwei Diener bewilligt, den kostspieligen Ankauf anatomischer Instrumente, von Mikroskopen, photographischen Apparaten, zusammenlegbaren Kähnen, Taucherglocken, selbst Glasbehältnisse für wissenschaftliche Sammlungen, Jagdgewehre und Käfige, in denen ich lebend die gefangenen Thiere zurückbringen sollte. Warhaftig, die Regierung hatte freigebigst ihre Schuldigkeit gethan, ich konnte sie in dieser Beziehung nur loben. Selbstverständlich kaufte ich nichts von all diesem belastenden Material, beschloß keinen Menschen mit mir zu nehmen, da ich mich klug genug fühlte, um mich in Mitten der unbekannten Wälder der Wissenschaft und Indiens zurecht zu finden.

Ich benützte meine Mußestunden dazu, um mich über Ceylon, seine Sitten und seine Landschaften zu instruiren und mir ein Bild von dem Leben zu machen, das ich dort drüben, in den furchtbaren Tropen führen sollte. Selbst wenn ich das bei Seite ließ, was die Berichte von Reisenden an Übertreibung, Prahlerei und Lügen enthielten, entzückte mich alles was ich las, ganz besonders diese Einzelheit, die von einem ernsten deutschen Gelehrten mitgetheilt worden war: es existirt nämlich im Weichbilde von Colombo, inmitten märchenhafter Gärten, am Meeresstrande, eine prachtvolle Villa, ein Bungalow, wie man diese dort zu Lande nennt, in dem ein reicher und phantastischer Engländer eine Art von Harem untergebracht hat, wo in vollkommenen weiblichen Exemplaren alle Rassen Indiens enthalten sind, von den schwarzen Tamulen bis zu den schlangenartigen Bayaderen von Lahore und den dämonischen Bachantinen von Benares. Ich nahm mir fest vor ein Mittel ausfindig zu machen, um mich bei diesem polygamen Amateur einzuführen und meine Studien vergleichender Embryologie auf sein Haus zu beschränken.

Der Minister, von dem ich Abschied nahm, wobei ich ihm meine Pläne mittheilte, billigte alle meine Maßregeln und lobte sehr lustig meine hervorragende Sparsamkeit. Als er mir Adieu sagte, äußerte er noch mit gerührter Beredsamkeit, während ich selbst unter den Wogen seiner Worte mich weich werden fühlte, rein, erfrischend und herrlich weich werden, wie dies nur ein Ehrenmann vermag:

- Geh', mein Freund und komme uns gestärkt zurück ... als ein neuer Mensch, ein ruhmbedeckter Gelehrter ... Deine Verbannung wirst Du, wie ich überzeugt bin, zu großen Dingen verwenden und dabei Deine Energie für künftige Kämpfe stärken ... Sie wird Dich an dem Urquell des Lebens stärken, an der Wiege der Menschheit die ... der Menschheit der ... Geh' und wenn Du bei Deiner Rückkunft - was ich nicht annehmen kann - wenn Du bei Deiner Rückkunft, sage ich, noch immer die bösen Erinnerungen vorfindest ... Schwierigkeiten ... Feindseligkeiten ... kurz ein Hindernis für Deinen gerechten Ehrgeiz, ... dann sei eingedenk, daß Du über das Regierungspersonal genügend kleine Papiere besitzest, um im Handumdrehen zu triumphieren ... Sursum Corda! ... Auf mich kannst Du übrigens rechnen. Während Du Dich dort unten als ein muthiger Pionnier des Fortschritts, als ein Soldat der Wissenschaft aufhältst ... während Du die Golfe sondirst und die geheimnisvollen Zellen untersuchst für Frankreich, für unser theures Frankreich ... werde ich Dich nicht vergessen ... glaube mir ... Geschickt und unabläßig werde ich durch die Agence Havas und meine Zeitungen Deinen jungen Embryologennamen in Mode zu bringen suchen ... Ich werde bewunderungswürdige, pathetische Reclamen ausfindig machen ... "Unser großer Embryolog" ... "Wir erhalten von unserem jungen und berühmten Gelehrten, dessen embryologische Entdeckungen und so weiter ..." "- Während er zwanzig Faden unter Wasser eine noch unbekannte Holothurie studierte, wäre unser unermüdlicher Embryolog beinahe einem Haifisch zum Opfer gefallen ... Ein fürchterlicher Kampf ... u.s.w ...." ... Geh', geh' mein Freund ... arbeite furchtlos an der Größe des Vaterlandes. Heut zu Tage ist ein Volk nicht nur groß durch seine Waffen, es ist vor allem durch seine Künste ... durch seine Wissenschaften groß ... Die friedlichen Erroberungen der Wissen schaft dienen der Civilisation mehr denn Feldzüge u.s.w ... Cedant arma sapientiae ...

Ich weinte vor Vergnügen, vor Stolz, vor Freude und Aufregung, da sich mein Gewissen an diesen ungeheueren, überwältigend schönen Plänen begeisterte. Ich hatte mein eigenes "Ich" verlassen und befand mich, ich weiß nicht wo in diesen Augenblick; ich hatte eine andere Seele, eine fast göttliche Seele, eine schöpferische und aufopferungsfreudige Seele, die Seele eines strahlenden Helden, der das höchste Vertrauen des Vaterlandes genießt, auf dem der Menschheit ganze Hoffnung ruht.

Was den Minister, diesen Banditen von einem Eugène betrifft, so konnte auch er seine Rührung kaum zurückhalten. Echte Begeisterung lag in seinem Blicke, seine Stimme zitterte vor aufrichtiger Bewegung: Zwei kleine Thränen entquollen seinen Augen ... Er drückte mir krampfhaft die Hand ...

Einige Minuten lang waren wir alle beide der unbewußte und komische Spielball unserer eigenen Mystification ...

Ach, wenn ich daran denke!

Home :: Stories :: Der Garten der Qualen :: Kapitel I.4

Loading Google Search Box... (if JavaScript is enabled)