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Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel I.5

Mit Empfehlungsbriefen an die "Behörden" von Ceylon ausgerüstet, schiffte ich mich endlich an einem prachtvollen Nachmittag in Marseille auf der Saghalien ein.

Sowie ich das Packetboot betreten hatte, empfand ich unverzüglich, wieviel ein officieller Titel ausmacht und wie durch seine Wunderkraft ein gestrandeter Mensch, wie ich es damals war, in der Achtung Unbekannter und vorübergehender Bekanntschaften, folglich auch in der seinen wuchs. Der Kapitain, "der meine bewunderungswürdigen Arbeiten kannte" behandelte mich in der aufmerksamsten Weise und umgab mich mit Ehren aller Art. Die comfortabelste Kabine war für mich reservirt worden, desgleichen der beste Platz am Tische. Da sich die Nachricht von der Anwesenheit eines berühmten Gelehrten an Bord rasch unter den Reisenden verbreitet hatte, beeilte sich jeder mir seine Achtung zu bezeugen ... Ich sah auf den Gesichtern nur die Blüthe der Bewunderung. Sogar die Frauen legten mir gegenüber Neugierde und Wohlwollen an den Tag, die eine diskret, die andere charakteristischer, durch ein tapfereres Gefühl. Ein Weib fesselte ganz besonders meine Aufmerksamkeit. Es war ein herrliches Geschöpf mit schwerem röthlichem Haar und grünen goldgesprenkelten Augen, die denen eines Raubthieres glichen. Sie reiste mit drei Kammerzofen im Gefolge, wovon eine Chinesin war. Ich erkundigte mich über sie bei dem Kapitain.

- Das ist eine Engländerin, sagte er mir ... Sie heißt Miß Clara ... Sie ist das ungewöhnlichste Weib, das man sich vorstellen kann ... Obwohl erst achtundzwanzig Jahre alt, kennt sie doch bereits den ganzen Erdball ... Gegenwärtig lebt sie in China ... Sie befindet sich schon zum vierten Male an Bord meines Schiffes ...

- Ist sie reich?

- O, unermeßlich reich ... Ihr Vater, der schon seit langer Zeit todt ist, war, wie man mir erzählt hat, Opiumverkäufer in Canton. Dort ist sie selbst geboren worden ... Ich glaube, bei ihr ist nicht alles im Kopfe richtig ... aber sonst ist sie eine reizende Person.

- Ist sie verheirathet?

- Nein ...

- Und ...?

Ich legte in dieses Bindewort eine ganze Reihe von intimen und selbst frivolen Fragen ...

Der Kapitän lächelte.

- Was das betrifft ... ich weiß nichts ... ich glaube nicht ... Ich habe nie etwas bemerkt ... wenigstens hier nicht.

So fiel die Antwort des braven Seemannes aus, der mir ganz im Gegentheil viel mehr zu wissen schien als er sagen wollte ... Ich drang nicht weiter in ihn, aber ich faßte in meinem Innern meine Meinung in dem eliptischen und vertraulichem Satze zusammen: "Du, liebe Kleine ... na selbstverständlich! ..."

Die ersten Reisenden, mit denen ich mich befreundete, waren zwei Chinesen von der Botschaft in London und ein normännischer Edelmann, der sich nach Tonkin begab. Letzterer weihte mich liebenswürdig gleich in seine Pläne und Intimitäten ein ... Er war ein leidenschaftlicher Jäger ...

- Ich fliehe Frankreich, erklärte er mir ... ich fliehe so oft ich nur kann ... Seit wir Republik haben, ist Frankreich ein verlorenes Land ... Es gibt zuviel Wilddiebe dort, sie sind ja geradezu die Herren ... Stellen Sie sich vor, ich kann überhaupt kein Wildpret mehr bei mir ziehen! ... Die Wilddiebe schießen es mir vor der Nase fort und die Gerichte geben ihnen Recht ... Das ist doch wahrhaftig zu toll! ... Ich rechne dabei gar nicht mit, daß sie den Rest durch Seuchen hinraffen lassen ... folglich reise ich nach Tonkin ... Welch ein wundervolles Land für die Jagd! ... Ja, mein lieber Herr, ich begebe mich schon zum vierten Male nach Tonkin ...

- So, so! In der That? ...

- Ja! ... In Tonkin gibt es aller Arten von Wildpret in überreichem Maaße ... Aber vor allem Pfaue ... Das ist doch noch ein Zielobject, mein Herr! ... und wahrhaftig, es ist eine gefährliche Jagd ... Man muß die Augen ganz gehörig dabei aufmachen.

- Es sind zweifellos reißende Pfaue? ...

- Mein Gott, nein ... aber die Geschichte verhält sich folgendermaßen ... Wo es Hirsche gibt, sind auch Tiger zu finden ... Und da wo es Tiger gibt, finden sich auch Pfaue ein! ...

- Ist das ein Aphorisma? ...

- Nein, Sie werden mich gleich begreifen ... Folgen Sie wohl meinem Gedankengang ... Der Tiger frißt den Hirsch ... und ...

- Der Pfau frißt den Tiger? ... bemerkte ich mit ernster Miene ...

- Sehr richtig ... das heißt ... die Sache verhält sich so ... Wenn der Tiger sich am Hirsche gütlich gethan, schläft er ein ... und wenn er dann wieder aufwacht ... erleichtert er sich ... und ... macht, daß er fort kommt ... Was thut nun der Pfau? ... Auf dem benachbartem Baume lauernd, wartet er vorsichtig auf das Verschwinden des Tigers ... dann steigt er zum Boden herab und frißt die Excremente des Tigers ... gerade in diesem Augenblick muß man ihn überraschen ...

Dabei streckte er beide Arme aus, als ob er ein Gewehr hielte und that wie wenn er auf einen imaginären Pfau zielte:

- Ach! und was für Pfaue! ... Sie können sich davon keine Vorstellung machen ... Denn, was Sie in unseren Vogelhäusern und Gärten für Pfaue halten, sind nicht einmal Truthähne ... Die sind überhaupt garnichts ... Mein werther Herr, ich habe alles geschossen ... ich habe selbst Menschen getödtet ... Ja schön! ... aber nie hat mir ein Flintenschuß eine so lebhafte Sensation verschafft, als wenn ich Pfaue schoß ... Die Pfaue ... wie soll ich das nur ausdrücken, mein Herr? ... sind prachtvoll zu schießen! ...

Dann kam er nach einer Pause zu folgendem Schluß:

- Reisen, das ist überhaupt die schönste Beschäftigung! ... Wenn man auf Reisen geht, sieht mau außergewöhnliche Dinge, die einen zum Nachdenken zwingen ...

- Zweifellos, stimmte ich zu ... aber man muß, wie Sie, ein großer Beobachter sein ...

- Das ist wahr! ... ich habe viel beobachtet ... antwortete der brave Edelmann, sich in die Brust werfend ... Ich habe alle Länder durchstreift - Japan, China, Madagaskar, Haïti und einen Theil Australiens - aber ich kenne nichts Unterhaltenderes als Tonkin ... So zum Beispiel glauben Sie doch wohl auch schon Hühner gesehen zu haben?

- Ja, das glaube ich allerdings.

- Da sind Sie im Irrthum, mein bester Herr ... Sie haben noch keine Hühner zu sehen bekommen ... zu diesem Zweck muß man nach Tonkin reisen ... und auch da sieht man sie nicht so leicht ... Sie halten sich in den Wäldern auf und verstecken sich in den Bäumen ... man sieht sie niemals ... Nur ich habe einen Kniff gefunden ... Ich fuhr die Flüsse in einem Sampang hinauf und hatte einen Hahn im Käfig mit mir ... Ich machte am Rande des Waldes Halt und befestigte den Käfig an einem Zweige ... Der Hahn krähte ... Da kamen aus all den Tiefen des Waldes die Hühner herbei ... sie kamen ... und kamen ... Sie kamen in unzähligen Schaaren ... Und ich schoß sie! ... Ich habe bis zwölfhundert an einem Tage geschossen! ...

- Das ist bewunderungswürdig! ... erklärte ich begeistert.

- Ja ... ja ... zwar nicht so sehr wie die Pfaue ... Ach, die Pfaue! ...

Aber dieser Edelmann war nicht allein Jäger; er war auch Spieler. Weit, ehe wir vor Neapel angelangt waren, hatten die beiden Chinesen, der Pfauentödter und ich eine ganz gehörige Parthie Poker arrangiert. Dank meiner Spezialkenntnisse in diesem Spiele hatte ich, als wir nach Port-Saïd kamen, die drei unvergleichlichen Persönlichkeiten um ihr Geld erleichtert und das Capital verdreifacht, das ich zu den Freuden der Tropen und den unbekannten Wundern fabelhafter Embryologien mit mir nahm.

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