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Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel II.10

Der Sampang erwartete uns, über und über durch rothe Laternen erleuchtet, am Landungsplatz des Bagno. Eine Chinesin mit rohem Gesichtsausdruck, mit einer Blouse und Hose aus schwarzer Seide bekleidet, die nackten Arme mit schweren goldenen Reifen beladen, die Ohren mit breiten goldenen Ringen geschmückt, hielt das Bootstau. Clara sprang in die Barke. Ich folgte ihr.

- Wohin soll ich Sie fahren? fragte die Chinesin in englischer Sprache.

Clara antwortete mit erstickter, etwas zitternder Stimme:

- Wohin Du willst ... mir ist es gleichgiltig ... auf den Fluß ... Du weißt es ja ...

Dabei bemerkte ich, daß sie todtenblaß war. Ihre zusammengekniffenen Nüstern, ihre abgespannten Züge, ihre unsicher blickenden Augen drückten ein tiefes Leiden aus ... Die Chinesin machte eine Bewegung mit dem Kopfe.

- Ja ..., ja ... ich weiß ... meinte sie.

Sie hatte dicke, durch Betel zerfressene Lippen und thierische Rohheit im Blick. Als sie noch einige Worte, die ich nicht verstand, vor sich hinknurrte, befahl Clara in kurzem Tone:

- Vorwärts Ki-Paï, schweig! ... und thue was ich Dir sage ... Übrigens sind die Thore der Stadt geschlossen ...

- Die Thore des Gartens sind noch offen ...

- Thu' was ich Dir sage.

Die Chinesin ließ die Bootskette fahren und ergriff mit einer robusten Bewegung das Steuerruder, das sie mit einer Leichtigkeit regierte ... Und wir glitten auf dem Wasser dahin.

Die Nacht war sehr lind. Wir athmeten die laue, ungemein leichte Brise ... Das Wasser sang an dem Vordertheil des Sampang ... Und das Aussehen des Flusses glich einem großen Feste.

Auf dem entgegengesetzten Ufer, zu unserer Rechten und Linken, erhellten vielfarbene Laternen die Mastbäume, das Segelzeug und das enge Deck der Schiffe ... Gin seltsames Geräusch, - Schrei, Singsang und Musik - tönte von dort herüber wie das Toben einer festfrohen Menge ... Das Wasser war ganz schwarz von einer matten und sammtfetten Schwärze, mit stellenweisen dumpfen und plätschernden Lichtern und keinen andern Reflexen, als dem gebrochenen Widerschein, dem rothen und gelben Widerschein der Laternen, die die Sampangs schmückten, von denen um diese Zeit der Fluß über und über durchfurcht war. Und weiter hinaus ein dunkler Raum in dem finstern Himmel, der sich über den schwarzen Conturen der Bäume und der fernen Stadt erhob, während sich auf den Terrassen der Häuser die Lichter gleich einem ungeheuren Herde entzündeten, einem feuerspeienden Berge ähnelnd.

Je weiter wir uns entfernten, desto undeutlicher konnten wir die hohen Mauern des Bagno unterscheiden, dessen Drehlampen auf den Leuchthürmen blendendes Licht auf den Fluß und auf das Land warfen. Clara war unter den Baldachin geschlüpft, der inmitten der Barke eine Art von luxuriösem Boudoir bildete das mit Seidenstoffen ausgeschlagen war, Liebeslust athmend. Stark duftende Gewürze brannten in einer uralten Vase aus künstlerisch bearbeitetem Eisen, die in naiver Weise einen Elephanten vorstellte, dessen vier barbarische und massive Füße auf einem zarten rosafarbenen Geflecht standen. Auf den Vorhängen waren gewagt wollüstige Scenen abgebildet, die in seltsam künstlerischer Pracht ausgeführt waren. Der Fries des Baldachins, eine kostbare Arbeit aus bemaltem Holz, stellte ein genaues Fragment jenes Schmuckes des unterirdischen Elephanten-Tempels dar, den die Archäologen, den brahmanischen Überlieferungen folgend, schamhaft die Umarmung der Krieger nennen. Eine breite und hohe Matratze aus gestickter Seide nahm die Mitte der Barke ein und von der Decke hing eine Laterne von durchsichtigem Phallosglas herab, die theilweise von Orchideen umhüllt war und auf das Innere des "Sampang" ein geheimnisvolles Halbdunkel gleich dem eines Heiligthumes oder eines Schlafzimmers verbreitete.

Clara ließ sich auf die Kissen niedersinken, sie war ungewöhnlich bleich, ihr Leib zitterte von nervösen Zuckungen geschüttelt. Ich wollte ihre Hände ergreifen, sie waren ganz erstarrt.

- Clara! ... Clara! ... beschwor ich sie, was haben Sie? ... leiden Sie? ... sprechen Sie doch nur ein Wort! ...

Sie antwortete mit erstickter Stimme, die sich nur mühsam ihrer Kehle entrang:

- Laß mich in Ruhe ... rühre mich nicht an ... sprich nicht mit mir ... ich bin krank.

Ihre Blässe, ihre blutlosen Lippen und ihre Stimme, die einem Röcheln glich, erschreckten mich förmlich. Ich glaubte, sie würde sterben.

Entsetzt rief ich die Chinesin zu Hilfe.

- Rasch! rasch, Clara stirbt! Clara stirbt! ...

Aber als Ki-Paï die Vorhänge zurückgeschlagen und ihr Chimären-Gesicht gezeigt hatte, zuckte sie nur die Achseln und rief im rohem Tone:

- Es hat nichts zu bedeuten! ... es ist immer die gleiche Geschichte, so oft sie von da drüben zurückkommt ...

Und murrend kehrte sie zu ihrem Ruderzeug zurück.

Unter den kräftigen Ruderschlägen Ki-Païs glitt die Barke rasch dahin. Wir kamen an Sampangs, ähnlich dem unseren, vorüber, aus deren geschlossenen Baldachinen Gesang, Gelächter und Laute der Liebe hervordrangen. Dieses Geräusch mengte sich mit dem Plätschern des Wassers und dem fernen, halb erstickten Getöne von Tamtans und Gongs ... In wenigen Minuten hatten wir uns dem andern Ufer genähert und fuhren noch einige Zeit, längs dunkeln und verlassenen Kähnen, an hell erleuchteten, von einer lustigen Menge besetzten Schiffen, volksthümlichen Vergnügungs- und Theehäusern für die Sänftenträger, und Blumenschiffen für die Matrosen und das Gesindel des Hafens vorüber. Ich konnte kaum durch die erleuchteten Fenster - Blitzerscheinungen gleich - seltsam geschminkte Gesichter, wüste Tänze, heulende Ausschweifungen und menschliche Gestalten unterscheiden ... Clara blieb unempfindlich gegen Alles was um sie hervorging, in der seidengeschmückten Barke sowohl, als auf dem Fluße. Sie lag in einem Kissen, in das sie ihr Gesicht vergrub ... Ich versuchte, sie Riechsalz einathmen zu lassen, aber dreimal entfernte sie das mit einer müden, schwerfälligen Bewegung, sie zeigte ihre nackte Brust, die durch den zerrissenen Stoff des Kleides durchgedrungen war, ihre Füße zitterten, sie athmete mühsam ... Ich wußte nicht was ich thun, ich wußte nicht was ich sagen soll ... ich war über sie gebeugt, die Seele von Angst erfüllt, gequält durch diese tragische Ungewißheit und durch alle diese verworrenen, unbegreiflichen Vorgänge ... Um mich zu versichern, daß dies nur eine vorübergehende Krisis sei und die Grundfäden ihres Lebens unversehrt geblieben waren, ergriff ich ihr Handgelenk ... ich fühlte ihren Pulsschlag in meiner Hand, rasch, gleich und regelmäßig, gleich dem Herzschlag eines Vögelchens oder eines Kindes ... Von Zeit zu Zeit entrang sich ihrer Brust ein Seufzer, ein langer schmerzlicher Seufzer, der ihre Brust hoch erhob ... Und ganz leise, zitternd, mit sanfter Stimme flüsterte ich:

- Clara! ... Clara! ... Clara! ...

Sie hörte mich nicht, sie sah mich nicht, da sie den Kopf in das Kissen vergraben hatte. Ihr Hut war ihr von dem Haar herabgeglitten, dessen röthliches Gold beim Scheine der Laterne den Farbenton alten Mahagoni's annahm. An ihren gelben Schuhen bemerkte ich noch hie und da Flecken schmutzigen Blutes.

- Clara! ... Clara! ... Clara! ...

Nichts antwortete mir, nur der Gesang des Wassers und die ferne Musik; zwischen den Vorhängen des Baldachin's unterschied ich da drüben das Feuergebirge der schrecklichen Stadt und in nächster Nähe den röthlichen und grünlichen Widerschein der Laterne, der gleich leuchtenden Nadeln in den dunklen Fluß drang. Ein Anprall der Barke ... Ein Ruf der Chinesin ... Und wir legten an einer Art von langer Terrasse, der hell erleuchteten, von Musik und Festgetümmel durchtobten Terrasse eines Blumenschiffes an.

Ki-Paï kettete die Barke an den eisernen Haken vor einer Treppe an, die ihre rothen Stufen in's Wasser tauchte. Zwei ungeheure runde Laternen strahlten hoch oben an zwei Mastbäumen, an denen gelbe Wimpel flatterten.

- Wo sind wir? ... fragte ich.

- Wir sind da, wohin sie Euch zu fahren befahl, antwortete Ki-Paï in grobem Tone. Wir sind da, wo sie die Nacht zu verbringen pflegt, wenn sie von dort drüben zurückkehrt.

- Wäre es nicht besser bei dem leidenden Zustande, in dem sie sich befindet, wenn wir sie nach Hause brächten? schlug ich vor.

Ki-Paï erwiderte:

- Sie ist immer so, nach dem Bagno ... Und dann ist die Stadt geschlossen und es wäre zu weit, um jetzt durch die Gärten nach dem Palast zu gehen ... und zu gefährlich.

Und sie fügte verächtlich hinzu:

- Sie befindet sich hier sehr wohl ... Hier ist sie gut bekannt! ...

Ich fügte mich.

- Hilf mir also, befahl ich ... Und sei behutsam.

Sehr sanft, mit ungemeiner Vorsicht nahmen Ki-Paï und ich Clara, die so wenig Widerstand wie eine Todte leistete, in unsere Arme und stützten sie oder trugen sie vielmehr mühsam aus der Barke die Treppe hinauf. Sie war schwer und starr ... Ihr Kopf hing ein wenig zurück, ihre nunmehr gänzlich aufgelösten Haare, ihre dichten und leichten Haare flutheten in feurigen Wellen über ihre Schultern. Indem sie sich mit kraftloser Hand, fast besinnungslos an Ki-Paï's rauhen Nacken klammerte, stieß sie leise, undeutliche Klagelaute aus, stammelte unartikulirte Worte, gleich einem Kinde ... Und ich stöhnte, etwas athemlos durch das Gewicht meiner Freundin:

- Mein Gott, wenn sie nur nicht stirbt! ... wenn sie nur nicht stirbt!

Und Ki-Paï grinste, indem sie ihren Mund zu einer rohen Grimasse verzog:

- Sterben! ... Die! ... Ach, was nicht noch! ...

Nicht Schmerz ist es, der in ihrem Leibe steckt ... es ist Gemeinheit! ...

Wir wurden am oberen Ende der Treppe von zwei Frauen mit bemalten Augen empfangen, deren vergoldete Nacktheit ganz deutlich durch die leichten, duftigen Schleier, mit denen sie bekleidet waren, zu sehen war. Sie hatten obscöne Schmucksachen im Haar, Schmucksachen an den Handgelenken und Fingern, Schmucksachen an den Knöcheln und an den nackten Füßen und ihre mit feinen Essenzen eingeriebene Haut athmete einen wahren Gartenduft aus.

Die Eine klatschte freudig mit den Händen und rief:

- Aber, das ist ja unsere kleine Freundin! ... Ich sagte Dir doch, das liebe Herzchen würde kommen ... Sie kommt immer ... Rasch ... rasch ... legen Sie sie auf das Bett, den armen Liebling.

Sie deutete auf eine Art von Matratze oder vielmehr auf eine Tragbahre, die an die hölzerne Wand gelehnt war und auf die wir Clara niederlegten ...

Clara rührte kein Glied ... Unter ihren furchtbar weit geöffneten Augenbrauen ließen die krampfhaft verdrehten Augen nur ihre beiden weißen Kugeln sehen ... Da beugte sich die Chinesin mit den bemalten Augen über Clara und sagte mit reizend rhythmischer Stimme, ganz so als ob sie ein Lied sänge:

- Kleine, kleine Freundin meiner Brüste und meiner Seele ... wie schön Sie so sind! ... Sie sind schön wie eine junge Todte ... Und dennoch sind Sie nicht todt ...Sie werden aufleben, kleine Freundin meiner Lippen, aufleben unter meinen Liebkosungen und unter den Wohlgerüchen meines Mundes.

Sie betupfte ihre Schläfe mit einem starkduftenden Parfüm und ließ sie Riechsalze einathmen:

- Da, ja! ... liebes Seelchen ... Sie sind besinnungslos ... und Sie hören mich nicht ... Und Sie fühlen die Weichheit meiner Finger nicht ... Aber Ihr Herz klopft, klopft, klopft ... Und die Liebe rast in Ihren Adern gleich einem jungen Pferde ... Die Liebe springt und tobt in Ihren Adern gleich einem jungen Tiger.

Sie wendete sich zu mir:

- Sie müssen nicht traurig darüber sein; denn sie ist immer ohnmächtig, wenn sie hierher kommt ... In einigen Minuten werden wir vor Wonne in ihrem glücklichen und glühenden Leib schreien ...

Und ich stand da kraftlos, wortlos, mir war, als ob ich Blei in allen Gliedern hätte und auf der Brust lastete es mir wie bei Alpdrücken ... Ich hatte kein Gefühl der Wirklichkeit mehr ... Alles, was ich sah - Phantome, die in dem uns umgebenden Halbdunkel aus dem Schlunde des Flußes auftauchten, um in diesem wieder zu versinken und nach kurzer Zeit seltsam verändert, wieder an die Oberfläche zu kommen - alles das erschrekte mich ... Die lange Terrasse, die sich im Nachtdunkel mit ihren rothlackirten Balustraden, ihren feinen Säulen, die den kühnen Winkel des Daches trugen, ausdehnte, ihre Guirlanden von Laternen, die mit Blumen-Guirlanden abwechselten, waren von einer lauten, bunten Menge erfüllt. Tausend geschminkte Gesichter betrachteten uns, tausend rothbemalte Lippen flüsterten Worte, die ich nicht verstand, doch schien es mir als ob unabläßig Clara's Name darin wiederkehrte.

- Clara! ... Clara! ... Clara! ...

Und nackte Leiber, umschlungene Leiber, tätowirte, mit goldenen Ringen beladene Bäuche und Brüste wirbelten unter den leichten Schleiern, die sie bekleideten, durcheinander ... Und rings um dies alles herum Geschrei, Gelächter, Gesang und Flötenspiel, die Luft von Theedüften, starkem Opium-Geruch und Wohlgerüchen aller Art geschwängert.

Ein traumhafter Rausch der Ausschweifung, der Qual und des Verbrechens! Man hätte glauben können, daß jeder Mund, alle diese Hände, alle diese Brüste, alle diese belebten Leiber sich auf Clara stürzen würden, um ihren erstorbenen Körper zu vergewaltigen! ... Ich konnte kein Glied rühren, keinen Ton von mir geben; neben mir bot eine ganz junge, hübsche Chinesin, die mit ihren gleichzeitig keuschen und lasciven Augen beinahe einem Kinde glich, in einem Korbe merkwürdig obscöne Dinge feil, schamlose Elfenbeinschnitzereien, ein Phallos aus Rosagummi und bunt illustrirte Bücher, in denen, durch den Pinsel die tausend verwickelten Genüsse der Liebe wiedergegeben waren ... Liebe! ... Liebe! ... wer will Liebe haben? ... Ich verkaufe Liebe für jedermann! ...

Unterdessen beugte ich mich über Clara ...

- Man muß sie in mein Zimmer tragen, befahl die Chinesin mit den bemalten Augen.

Zwei stämmige Männer hoben die Tragbahre in die Höhe ... Mechanisch folgte ich ihnen ... Von den Freudenmädchen geführt, betraten sie einen breiten Gang, der prunkhaft gleich einem Tempel ausgestattet war. Zur Rechten und zur Linken führten Thüren in große Zimmer, deren Boden mit Cocusmatten bedeckt war, während sanftes, röthliches, durch Mousselinstreifen verschleiertes Licht die Räume erhellte. Symbolische Thiere, die riesige, schreckliche Glieder schleuderten, Gottheiten mit doppeltem Geschlecht, die sich selbst umarmten oder auf scheußliche Phantasiegebilde stürzten, bewachten die Schwelle und Wohlgerüche brannten in kostbaren Vasen ... Ein seidener, mit Blumen gestickter Vorhang wurde zur Seite geschleudert und in der Öffnung erschienen zwei Frauenköpfe. Die Eine fragte, als sie uns vorüberkommen sah:

- Ist Jemand gestorben?

Die Andere entgegnete:

- Nicht doch! es ist Niemand gestorben ... sieh doch nur, es ist ja die Frau aus dem Garten der Qualen ...

Und Clara's Name, der von Mund zu Munde, von Bett zu Bett, von Zimmer zu Zimmer ging, erfüllte im Nu das Blumenschiff gleich einen obscönen Wunder. Mir war, als ob die metallenen Ungeheuer ihn in ihren Zuckungen wiederholten, ihn in ihrem Taumel blutiger Wollust heulten.

Clara! ... Clara! ... Clara! ...

Da sah ich einen jungen Mann auf einem Lager ausgestreckt. Eine Opium-Pfeife glühte neben ihm, leicht erreichbar. In seinen übernatürlich erweiterten Augen war der Ausdruck schmerzlicher Begeisterung erkennbar ... Vor ihm tanzten Mund auf Mund, Leib auf Leib nackte Frauen, wollüstig umschlungen, die heiligen Tänze, während hinter einer spanischen Wand Musikanten auf kurzen Flöten bliesen ... Dort saßen noch andere Frauen in der Runde oder lagen auf der Matte des Fußbodens in obscönen Posen, mit wollüstigen Gesichtern, die trauriger als ein menschliches Antlitz in Todesqual erschienen; sie warteten. An jeder Thür, wo wir vorüber kamen, hörte man athemlose Stimmen röcheln, man sah die Bewegungen der Verdammten, gekrümmte, gebrochene Leiber, eine ganze Welt von grinsenden Schmerzen, die zuweilen unter den Peitschenhieben wildester Lüste und barbarischer Selbstbefriedigung aufheulten. Ich sah eine Bronzegruppe, die die Thür eines Saales bewachte, deren abscheuliche Linienverschlingung mich erschütterte.

Ein Seepolyp umschlang mit seinem Fangarmen den Leib einer Jungfrau, aus der er die Liebe sog, die ganze Liebe aus dem Munde, aus den Brüsten, aus dem Bauche. Und ich glaubte, daß ich in einer Folterkammer und nicht in einem Hause der Freude und des Liebesgenußes wäre. -

Das Gedränge in dem Gange wurde so stark, daß wir gezwungen waren einige Augenblicke vor einem Saale Halt zu machen, der der größte von allen bisher gesehenen war und sich auch durch seinem Schmuck und seine dunkelrothe Beleuchtung von den übrigen unterschied ... Zuerst sah ich nur Frauen - einen Wirrwar verzückter Leiber - von Frauen, die sich frenetischen Tänzen, dämonischen Umarmungen hingaben rund um eine Art von Götzen, dessen massive, mit uralter Patina bedeckte Bronze sich in der Mitte des Saales bis zur Decke erhob.

Dann wurde der Götze selbst deutlicher erkennbar und ich sah, daß es der schreckliche, der sogenannte Götze mit den sieben Gliedern war. Drei mit rothen Hörnern bewaffnete Häupter, mit einem Haarschmuck von Flammen versehen, krönten den Körper, der eigentlich nur ein einziger Bauch war und auf einem riesigen, barbarischen, phallosförmigen Pfeiler ruhte. Rundherum befanden sich an diesem Pfeiler, genau an der Stelle, wo der ungeheure Bauch endigte, sechs Glieder, denen die Frauen im Tanze Blumen darboten und wahnsinnige Liebkosungen angedeihen ließen. Der rothe Lichtschein des Saales gab den Yadkugeln, die dem Götzen als Augen dienten, ein diabolisches Leben ...

In dem Augenblick, als wir weiter gehen wollten, wohnte ich einem schauerlichen Schauspiele bei, dessen höllischen Schauer ich unmöglich wiedergeben kann. Schreiend, heulend stürzten sieben Frauen auf einmal auf die sieben Bronzeglieder zu. Der Götze erzitterte unter dieser Umschlingung, unter dieser Umarmung und Vergewaltigung von all den in einem wahren Delirium befindlichen Leibern, unter den vielfachen Zuckungen dieser Besitznahme und Küsse, die einen Ton abgaben, gleich den Stößen des Sturmbockes an den eisernen Thoren einer belagerten Stadt. Da herrschte um den Götzen herum ein wahnsinniger Lärm, die Tollwuth wilder Wollust, ein Gemenge von so leidenschaftlich umschlungenen und verzückten Leibern, daß dies den wüsten Anblick einer Metzelei annahm und dem Todeskampfe der Sträflinge in ihrem eisernen Käfige glich, während sie sich um den Fetzen verfaulten Fleisches, den ihnen Clara zugeworfen hatte, rissen! ... Ich begriff in diesem furchtbaren Augenblick, daß die Wollust das schrecklichste menschliche Entsetzen erreichen und den wahren Gedanken der Höllenqual wiedergeben kann ... Und mir war, als ob alle diese Zuckungen, alle diese athemlosen Stimmen, all dieses Röcheln und auch der Götze selbst ihre Wuth nach Befriedigung und ihre durstige Qual nur durch ein Wort ausdrückten ... ein einziges Wort!

Clara! ... Clara! ... Clara! ...

Als wir das Zimmer erreicht und die noch immer bewußtlose Clara auf ein Bett niedergelegt hatten, kam mir langsam das Bewußtsein wieder, das Bewußtsein des Ortes, wo ich mich befand, und auch das Bewußtsein meiner selbst. Ob dieser Gesänge, ob dieser Ausschweifungen, ob dieser Opferungen, dieser erdrückenden Gerüche, dieser unsauberen Berührungen, welche die schlummernde Seele meiner Freundin noch mehr besudelten, empfand ich nebst Abscheu auch eine niederschmetternde Scham. Ich hatte viele Mühe die neugierigen und geschwätzigen Weiber zu entfernen, welche uns gefolgt waren, nicht bloß von dem Bette, wo wir Clara niedergelegt hatten, sondern auch aus dem Zimmer, wo ich allein bleiben wollte ... Ich behielt bloß Ki-Paï zurück, welche trotz ihrer mürrischen Miene und ihrer rauhen Worte sich ihrer Herrin sehr ergeben zeigte und sich mit vieler Zartheit und Geschicklichkeit um sie bemühte. Claras Pulsschlag war noch immer ganz regelmäßig, ganz der einer Gesunden. Nicht einen Augenblick lang hatte das Leben diesen Leib, der für immer erstorben schien, verlassen. Und Ki-Paï und ich beugten uns ängstlich über sie, und erwarteten, daß sie wieder zu sich käme ...

Plötzlich stieß sie einen Klagelaut aus, ihre Gesichtsmuskel verzogen sich und leichte Nervenzuckungen bewegten ihre Brust, ihre Arme und ihre Füße ...

Ki-Paï sagte:

- Sie wird einen furchtbaren Anfall bekommen. Man muß sie fest halten und Acht geben, daß sie sich nicht mit ihren Nägeln das Gesicht zerfleische und die Haare ausraufe.

Ich dachte, daß sie mich hören könne und daß, wenn ihr meine Anwesenheit bekannt wäre, die von Ki-Paï angekündigte Krise sich vielleicht mildern würde. Ich flüsterte ihr ins Ohr und suchte in meine Worte alle Liebkosungen meiner Stimme, alle Zärtlichkeiten meines Herzens zu legen, und auch alles Mitleid, ach! alles Mitleid dieser Erde ...

- Clara! ... Clara! ... rief ich ... Ich bin es ... Schau' mich an! ... Höre mich! ...

Doch Ki-Paï schloß mir den Mund.

- Schweigen Sie doch! sagte sie in gebieterischem Tone. Wie soll sie uns denn hören?.. Sie ist noch mit den bösen Geistern ...

Nun begann Clara sich herumzuwerfen. Alle ihre Muskel spannten sich, furchtbar geschwellt und zusammengezogen ... Ihre Gelenke krachten wie die Fugen eines vom Sturme umhergeschleuderten Fahrzeuges ... Ein Ausdruck gräßlichen Leidens, umso gräßlicher als sie stille schwieg, lag auf ihrem verzerrten Gesicht, welches dem der unter der Glocke des Martergartens Gefolterten glich. Von ihren Augen, zwischen den halb geschlossenen und zuckenden Lidern sah man nur einen schmalen, weißlichen Streifen. Ein wenig Schaum lag vor ihren Lippen. Und ich stöhnte keuchend:

- Mein Gott ... ist es nur möglich und was wird noch geschehen?

Ki-Paï befahl:

- Halten Sie sie nur ruhig ... ihr Körper muß Bewegungsfreiheit erhalten ... denn die Dämonen müssen ihn erst verlassen.

Und sie fügte hinzu:

- Es ist zu Ende. Sie wird sogleich weinen ...

Wir hielten ihre Handknöchel, um so zu verhindern, daß sie sich mit den Nägeln das Gesicht zerfleische. Und es lag in ihren Umklammerungen eine solche Kraft, daß ich glaubte, sie würde unsere Hände zermalmen. In einem letzten Anfall krümmte sich ihr Körper, so daß die Fußsohlen den Nacken berührten. Ihre gespannte Haut vibrirte. Dann ging die Krise allmälig vorüber ... Die Muskel wurden wieder geschmeidiger und nahmen ihren Platz wieder ein. Sie sank erschöpft auf das Bett und ihre Augen füllten sich mit Thränen ...

Einige Minuten weinte sie. Still und unablässig, wie aus einer Quelle, flossen die Zähren aus ihren Augen.

- Nun ist es zu Ende - sprach Ki-Paï - jetzt können Sie mit ihr sprechen.

Ihre Hand war jetzt ganz weich und brannte förmlich in der meinen, ihre Augen, die noch ungewiß in die Ferne blickten, suchten die Gegenstände und Gebilde, die sie umgaben, wieder zu erkennen. Es war, als ob sie aus einem langen, schwerem Traum erwachte.

- Clara, meine geliebte Clara, flüsterte ich.

Sie sah mich mit ihren traurigen, von Thränen noch verschleierten Augen an.

- Du bist es! rief sie - ach ja, Du!

Ihre Stimme glich einem Hauche.

- Ich bin's, ich bin's, Clara. Da bin ich. Erkennst Du mich?

Sie hatte einen leichten Anfall von Schlucken und Schluchzen. Und sie stammelte:

- Oh, mein Liebling! mein Liebling! mein armer Liebling!

Sie lehnte ihr Haupt an meine Brust und bat:

- Rühre Dich nicht ... so ist mir wohl ... so bin ich rein ... so bin ich weiß, wie eine Anemone.

Ich fragte sie, ob sie noch leide.

- Nein, nein, antwortete sie, ich leide nicht. Und ich bin glücklich, da zu sein, neben Dir ... ganz klein ... neben Dir ... ganz klein, ganz klein ... und weiß, weiß wie die kleinen Schwalben in den chinesischen Fabeln ... Du weißt ja, die kleinen Schwalben ...

Sie sprach nur, oder vielmehr hauchte nur kurze Worte ... kurze Worte der Reinheit und der Weiße ... Sie waren auf ihren Lippen nur Blümchen, Vögelchen, Sternlein, kleine Wasserquellen und Seelen ... Flügel ... Himmel ... Himmel ...

Von Zeit zu Zeit unterbrach sie ihr Gezwitscher und drückte mir die Hand. Sie lehnte ihr Haupt an meine Schulter und stammelte:

- Ach, mein Liebling! Niemals wieder, ich schwöre es Dir. Nie wieder ... nie wieder ...

Ki-Paï hatte sich in den Hintergrund des Zimmers zurückgezogen; und sie sang ganz leise ein Lied, eines jener Lieder, welche die kleinen Kinder einschläfern und wiegen.

- Nie wieder ... nie wieder ... nie wieder ... wiederholte Clara mit langsamer Stimme, mit einer Stimme, die sich verlor, mit dem immer mehr langsamen Gesang Ki-Païs vermengte.

Dann schlief sie an meiner Schulter ein; sie sank in einen Schlaf, so ruhig, klar und tief wie ein großer stiller See im Mondlichte einer Sommernacht.

Ki-Paï erhob sich geräuschlos.

- Ich gehe jetzt, sagte sie, ich werde in dem Sampang schlafen. Morgen Früh bei Tagesanbruch, werden wir meine Herrin nach Hause geleiten und dann kann es von Neuem anfangen. Es wird immer wieder von Neuem anfangen.

- Ki-Paï sage so etwas nicht, beschwor ich, sieh wie sie so rein und ruhig an meiner Brust schläft! ...

Die Chinesin schüttelte den grinsenden Kopf und murmelte, starr mit den traurigen Augen, in denen jetzt das Mitleid den Abscheu ersetzte, vor sich hinblickend:

- Ich sehe sie an Ihrer Brust schlummern und ich sage Ihnen ... In acht Tagen werde ich Sie alle beide wie heute Abend auf den Fluß fahren, wenn Sie aus dem Garten der Qualen zurückkehren ... Und, noch in acht Jahren werde ich Sie in gleicher Weise auf den Fluß fahren, wenn Sie nicht fortgegangen sind und ich nicht gestorben bin!

Sie fügte noch hinzu:

- Und wenn ich gestorben bin, wird eine Andere Sie mit meiner Herrin auf den Fluß fahren. Und wenn Sie fortgegangen sind, wird ein Anderer meine Herrin auf den Fluß begleiten ... Und es wird sich nichts geändert haben ...

- Ki-Paï ... Ki-Paï ... warum sagst Du das? ... Noch einmal, sieh sie schlummern ... Du weißt nicht, was Du sagst! ...

- St! entgegnete sie, indem sie einen Finger auf den Mund legte. Sprechen Sir nicht so laut ... Bewegen Sie sich nicht so heftig ... Wecken Sie sie nicht auf ... Wenn sie schläft, thut sie wenigstens nichts Böses, weder Anderen, noch sich selber an! ...

Vorsichtig auf den Fußspitzen wandte sie sich gleich einer Krankenwärterin zur Thür, die sie öffnete.

- Macht, daß Ihr fortkommt! ... Macht, daß Ihr fortkommt! ... Es war Ki-Paï's Stimme, die befehlend unter den summenden Stimmen der Frauen klang ...

Und ich sah gemalte Augen, geschminkte Gesichter, manch' rothen Mund, tätowirte Brüste, manch' einen Mund auf den Brüsten ... und ich hörte Schreie, Röcheln, Tanzen, Flötenspiel, metallischen Widerhall und diesen Namen, der keuchend von Mund zu Mund ging und wie im Wollustzucken das ganze Blumenschiff erheben ließ:

- Clara! ... Clara! ... Clara! ...

Die Thür wurde geschlossen und das Geräusch klang nur noch dumpf zu uns und die Gesichter verschwanden.

Und ich war allein in dem Zimmer, wo zwei mit rosa Crêpe umhüllte Lampen brannten ... allein mit Clara, die schlief und von Zeit zu Zeit im Schlummer gleich einem kleinen Kinde, das träumt, die Worte wiederholte:

- Nie wieder! ... Nie wieder! ...

Und wie um diesen Worten ihre Unwahrheit vorzuhalten, streckte eine Bronzefigur, die ich bisher nicht bemerkt hatte, eine Art von Affe aus Bronze, der in einem Winkel des Zimmers kauerte, Clara mit wildem Grinsen ein scheußliches Glied entgegen.

Ach wenn sie nie wieder, nie wieder erwachen würde! ...

- Clara! ... Clara! ... Clara! ...

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