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Der Garten der Qualen

Octave Mirbeau

Kapitel I.8

Als ich eines Morgens aufs Verdeck kam, unterschied ich dank der Durchsichtigkeit der Luft die bezauberte Insel von Ceylon so deutlich, als ob ich meinen Fuß auf sie gesetzt hätte, die grüne und rothe Insel, die die feenhaft rosige und weiße Färbung des Piks Adam krönte. Schon am Abend vorher waren wir von ihrer Nähe durch die neuen Düfte des Meeres und ein geheimnisvolles Auftreten von Schmetterlingen aufmerksam gemacht worden, die plötzlich verschwanden, nachdem sie einige Stunden lang das Schiff begleitet hatten. Und ohne an etwas anderes zu denken, fanden Clara und ich einen eigenartigen Reiz darin, daß uns die Insel durch diese strahlenden und poetischen Sendboten ein Willkommen entbieten ließ. Ich war jetzt auf jenem Gipfel sentimentaler Lyrik angelangt, daß der einfache Anblick eines Schmetterlings in mir die Harfen der Zärtlichkeit und Begeisterung erklingen ließ.

Doch an jenem Morgen ängstigte mich der wirkliche Anblick Ceylon's, es war mehr als Angst, es war Entsetzen. Was ich dort drüben, jenseits der Fluthen, die in diesem Augenblick vergißmeinnichtblau gefärbt waren, unterschied, war kein gewöhnliches Land, auch kein Hafen, auch glich es nicht der wilden Neugierde, die die endliche Entschleierung des Unbekannten erregt; ... es war das rohe Zurückrufen zum schlechten Leben, die Rückkehr zu meinen unterdrückten Instinkten, das bittere und verzweifelte Erwachen alles dessen was während dieser Uberfahrt in mir geschlummert hatte ... und das ich schon todt glaubte! ... Es war darin eine noch schmerzlichere Thatsache eingeschlossen, an die ich noch nie gedacht hatte und deren unmögliche Verwirklichung ich nicht begreife oder auch nur ausdenken konnte: das Ende des herrlichen Traumes, der Clara's Liebe für mich gewesen war. Zum ersten Male nahm mich ein Weib gefangen. Ich war ihr Sklave, ich begehrte nur sie, ich wollte nur sie haben. Außer ihr und über ihr gab es nichts für mich. Ihr Besitz entfachte täglich die Flammen immer wilder, anstatt die Brandstätte dieser Liebe auszulöschen. Jedesmal stieg ich tiefer in den Abgrund ihrer Gelüste und täglich fühlte ich mehr, daß ich mein ganzes Leben dazu verwenden würde den Grund zu suchen und zu berühren! ... Wie sollte ich nur die Möglichkeit zulassen, daß ich, nachdem ich - an Leib, Seele und Geist - durch diese unwiderrufliche, unlösliche und quälende Liebe gefangen worden war, sie allsobald verlassen könne? ... Das war Wahnsinn! ... Diese Liebe war mir wie ein Stück meines Leibes; sie war an Stelle meines Blutes, meines Markes getreten; sie besaß mich gänzlich; sie lebte in mir! ... Mich von ihr zu trennen hieße mich von meiner selbst losreißen; das heißt mich zu tödten ... Ja noch schlimmer! ... In einem wilden Traumbild stellte ich mir vor, daß sich mein Kopf in Ceylon, meine Füße in China befanden, durch weite Meere getrennt und ich weiter in diesen beiden Stücken lebte, die sich nie wieder vereinigen konnten! ... Daß ich am nächsten Morgen nicht mehr diese verzückten Augen, diese gierigen Lippen besitzen sollte, nicht mehr allnächtlich das ungeahnte Wunder dieses Leibes, mit seinen göttlichen Formen, mit seinen wilden Umarmungen und nach langem, dem Verbrechen gleich kraftvollem Wollustrausche, der tief wie der Tod war, dieses naive Stammeln, die kleinen Klagerufe, das leise Lachen, das sanfte Weinen, das müde Singen eines Kindes, eines Vögleins hören sollte, das war doch nicht möglich? ... Und ich sollte all dies verlassen, was mir zum Athmen nöthiger als meine Lunge war, zum Denken unersetzlicher als mein Hirn, um das warme Blut meiner Adern zu nähren wichtiger als mein Herz? ... Nein, das gieng nicht an! ... Ich gehörte Clara wie die Kohle dem Feuer gehört, das es verzehrt und in Asche legt ... Ihr sowohl wie auch mir erschien eine Trennung so unbegreiflich, so wahnsinnig unmöglich, so gänzlich den Gesetzen der Natur und des Lebens widersprechend, daß wir nie ein Wort darüber gewechselt hatten ... Noch am Abend zuvor dachten unsere ineinander gedrungenen Seelen, ohne ein Wort darüber zu äußern, nur an die Ewigkeit dieser Reise, als ob das Schiff, das uns mit sich führte, uns so immer weiter fahren sollte ... und nie, niemals irgendwo anlangen könne ... Denn irgend wo anlangen, hieß sterben! ... Und dennoch sollte ich da drüben das Schiff verlassen, in diese rothen und grünen Farbentöne tauchen, in jener unbekannten Welt verschwinden ... und schrecklicher verlassen sein, denn je zuvor! ... Und Clara würde bald nur noch ein Sehnen für mich sein ... dann ein kleiner, grauer, kaum sichtlicher Punkt im Raume ... dann nichts ... nichts mehr ... gar nichts ... gar nichts mehr! ... Ach, alles lieber als das! ... Ach, lieber sollte uns das Meer alle Beide verschlingen! ...

Das Meer war sanft, ruhig und strahlend ... Es hauchte den Duft einer glücklichen Küste, eines Blumengartens, eines Liebesbettes aus, was mir Thränen entlockte ...

Auf dem Verdeck begann ein lebhaftes Treiben; man sah nur freudige Gesichter, von Erwartung und Neugierde erfüllte Blicke.

- Wir biegen in die Bai ... wir sind in der Bai! ...

- Ich sehe die Küste.

- Ich sehe die Bäume.

- Ich sehe den Leuchthurm.

- Wir sind angelangt ... wir sind angelangt! ...

Jeder dieser Ausrufe fiel mir schwer ans Herz ... Ich wollte die Vision der noch fernen aber doch so unerbittlich deutlichen Insel, die uns mit jeder Bewegung der Schiffsschraube näher gebracht wurde, nicht länger vor mir haben und wendete mich ab, betrachtete die Unendlichkeit des Himmels und wünschte mich gleich jenen Vögeln dort oben zu verlieren, die einen Augenblick lang in der Luft vorbeiglitten und dann so sachte zerrannen.

Clara schloß sich mir alsbald an ... War es weil sie zu sehr geliebt hatte? ... War es weil sie zu sehr geweint hatte? ... Ihre Augenlider waren entstellt und ihre blauumränderten Augen trugen den Ausdruck großer Trauer. In ihren Augen lag noch mehr als Trauer, es war darin in Wahrheit noch inbrünstiges Mitleid, das sowohl kampfesfroh als barmherzig erschien, enthalten. Unter ihrem schweren goldbraunen Haar war eine düstere Falte auf ihre Stirne getreten; diese Falte, die sie in der Wollust wie im Schmerze trug ... Ein seltsam berauschender Duft entströmte ihrem Haar ... Sie sagte einfach dieses einzige Wort: ...

- Schon?

- Leider! seufzte ich ...

Sie brachte ihren Hut in Ordnung, einen kleinen Matrosenhut, den sie mit einer langen Goldnadel befestigte. Die beiden erhobenen Arme ließen ihre Büste hervortreten, deren sculpturale Linien sich unter der weißen Bluse, die sie umhüllte, abhoben ... Sie begann mit leicht zitternder Stimme von Neuem:

- Haben Sie daran gedacht?

- Nein! ...

Clara biß sich die Lippen, so daß sie blutroth wurden:

- Nun also? ... fragte sie.

Ich antwortete nicht ... ich hatte nicht die Kraft zu antworten ... Mit leerem Kopf und zerrissenem Herzen hätte ich in's Nichts gleiten wollen ... Sie war gerührt, todtenblaß ... mit Ausnahme des Mundes, der mir noch röther und schwer von Küssen schien ... Lange befragten mich ihre Augen mit lastender Starrheit.

- Das Schiff bleibt zwei Tage in Colombo vor Anker ... dann sticht es wieder in See ... Wissen Sie das? ...

- Und dann? ...

- Und dann ... ist es beendigt!

- Kann ich etwas für Sie thun?

- Nein, nichts ... danke! da doch alles zu Ende ist! ...

Ich unterdrückte mühsam ein Schluchzen in der Tiefe meiner Kehle und stammelte:

- Sie sind alles für mich gewesen ... Sie waren mir mehr denn alles! ... Sprechen Sie nicht mehr, ich beschwöre Sie! ... Das ist zu schmerzlich ... zu zwecklos schmerzlich. Sprechen Sie nicht mehr zu mir ... da doch jetzt alles zu Ende ist! ...

- Nichts ist für immer zu Ende, erklärte Clara ... nichts, selbst der Tod nicht! ...

Eine Glocke läutete ... Ach diese Glocke! ... Wie sie in meinem Herzen läutete! ... Wie ihr Todtenläuten in meinem Herzen erklang! ...

Die Reisenden drängten sich auf dem Verdeck, schrieen, sprachen durcheinander, riefen sich an, richteten Lorgnetten, Operngläser und photographische Apparate auf die immer näherkommende Insel. Der normännische Edelmann deutete auf das grüne Dickicht und erklärte, daß diese Dschungeln für Jäger undurchdringlich seien ... Und während dieses Tumultes, dieses Stoßens setzten die beiden Chinesen gleichgiltig und nachdenklich, die Arme unter den weiten Ärmeln gekreuzt, ihren langsamen, ernsten, täglichen Spaziergang fort, wie zwei Priester, die ihr Brevier beten ...

- Wir sind angelangt!

- Hurra! ... Hurra! ... wir sind angelangt! ...

- Ich sehe die Stadt.

- Ist das denn die Stadt?

- Nein! das ist ein Korallenriff ...

- Ich erkenne die Werft ...

- Nicht doch! ... nicht doch! ...

- Was taucht da ferne auf dem Meere auf? ...

Es näherte sich aus der Ferne bereits unter rosigen Segeln eine kleine Barkenflotte dem Packetboot ... Die beiden Schlöte, aus denen Fluthen schwarzen Rauches aufstiegen, bedeckten mit einem Trauerschatten das Meer und die Sirene klagte lange ... lange ...

Kein Mensch schenkte uns Aufmerksamkeit ... Clara fragte mich im Tone gebietender Zärtlichkeit:

- Nun aber! was soll aus Ihnen werden?

- Ich weiß es nicht! Was hat dies auch zu bedeuten? ... Ich war verloren ... Ich habe Sie getroffen ... Sie haben mich einige Tage am Rande des Abgrundes festgehalten ... Ich stürze jetzt wieder hinein ... Das Schicksal wollte es so! ...

- Warum das Schicksal? Sie sind ein Kind! Sie haben kein Vertrauen zu mir ... Glauben Sie denn, daß wir uns zufällig getroffen haben? ...

Nach einer Pause fügte sie hinzu:

- Das ist doch sehr einfach ... Ich habe einflußreiche Freunde in China ... Diese könnten zweifellos viel für Sie thun! ... Wollen Sie? ...

Ich ließ ihr nicht die Zeit auszusprechen:

- Nein, nicht das! ... beschwor ich, indem ich mich übrigens kraftlos vertheidigte ... nur das nicht! ... Ich verstehe Sie ... Sagen Sie mir nichts mehr davon.

- Sie sind ein Kind, wiederholte Clara ... Und Sie sprechen, als ob Sie in Europa wären, liebes Herzchen ... Sie machen sich dieselben thörichten Skrupel wie in Europa ... In China ist das Leben frei, glücklich, gänzlich ohne Convenienz, ohne Vorurtheile, ohne Gesetze ... wennigstens für uns ... Es gibt keine anderen Grenzen der Freiheit als die, die man sich selbst steckt ... keine andere für die Liebe, als die triumphirende Abwechslung seines Verlangens ... Europa und seine heuchlerische, barbarische Civilisation ist nichts als eine große Lüge ... Was thut Ihr denn dort Anderes als lügen, Euch selbst und die Anderen belügen, alles das Lügen zu strafen, was Ihr im Grunde Eures Herzens als Wahrheit erkennt? ... Ihr seid gezwungen äußerliche Achtung Leuten und Einrichtungen zu bezeugen, die Ihr absurd findet ... Ihr bleibt feige an moralischen und sozialen Convenienzen hängen, die Ihr verachtet und verdammt, denen, wie Ihr wohl wißt, jegliche Begründung fehlt ... Dieser ständige Widerspruch zwischen Euren Gedanken, Euren Gelüsten und all den todten Formen, all den eitlen Schauspielen Eurer Civilisation macht Euch traurig, verwirrt und stört Euer seelisches Gleichgewicht ... In diesem unerträglichen Konflikte verliert Ihr jegliche Lebensfreude, jegliches persönliche Gefühl ... weil in jedem Augenblick das freie Spiel Eurer Kräfte unterdrückt, behindert niedergehalten wird ... Da ist die vergiftete tödtliche Wunde der civilisirten Welt. Bei uns gibt es nichts dergleichen ... Sie werden ja sehen! ... Ich besitze in Canton inmitten wundervoller Gärten einen Palast, wo alles für freies Leben und für Liebe eingerichtet ist ... Was fürchten Sie denn? ... was lassen Sie denn im Stich? ... wer ist denn in Unruhe um Sie? ... Wenn Sie mich nicht mehr lieben oder wenn Sie sich allzu unglücklich fühlen werden ... dann können Sie ja immer noch weggehen! ...

- Clara! ... Clara! ... beschwor ich ...

Sie trat kurz und hart auf die Balken des Schiffes:

- Sie kennen mich ja noch nicht einmal ... sagte sie .... Sie wissen nicht wer ich bin und wollen mich dennoch bereits verlassen! ... Erschrecke ich Sie denn? Sind Sie feige?

- Ich kann ohne Dich nicht weiterleben! ... ohne Dich kann ich nur noch den Tod suchen! ...

- Nun also! ... zittere nicht ... weine nicht mehr ... Und komme mit mir! ...

Ein Blitz durchzuckte ihre grünen Augensterne. Sie sagte mit leiser, fast heiserer Stimme:

- Ich werde Dir furchtbare Dinge lehren ... göttliche Dinge ... Du wirst endlich erfahren was Liebe ist! ... Ich verspreche Dir, daß Du mit mir bis zum tiefsten Grunde des Geheimnisses der Liebe und ... des Todes herabsteigen wirst! ...

Ein rothes Lächeln glitt über ihr Gesicht, das mich bis ins Mark erschaudern ließ, während sie noch bemerkte:

- Du armes Baby! ... Du hieltest Dich für einen großen Wüstling ... einen großen Revolutionär ... Ach, Deine armseligen Gewissensbisse .... erinnerst Du Dich noch? ... Und nun ist Deine Seele zaghafter als die eines kleinen Kindes! ...

Dies entsprach der Wahrheit! ... Vergeblich brüstete ich mich, daß ich eine unbeschreibliche Canaille sei und mich allen moralischen Vorurtheilen überlegen glaubte, ich lauschte doch noch zuweilen der Stimme der Pflicht und der Ehre, die in gewissen Augenblicken nervöser Niedergeschlagenheit, aus den trüben Tiefen meines Innern heraufdrang ... Was für eine Ehre? ... Was für eine Pflicht? ... Welcher Abgrund von Wahnsinn ist doch der Geist des Menschen! ... Wieso verletzte ich meine Ehre - meine Ehre! - wieso schlug ich meiner Pflicht ins Gesicht, wenn ich statt mich in Ceylon zu langweilen, meine Reise bis China verlängerte? ... War ich denn wirklich in Gedanken so sehr in die Haut eines Gelehrten geglitten, daß ich mir einbildete, ich könnte den "Urschleim studieren", die "Urzelle" entdecken, indem ich in die Golfe der singalesischen Küste tauchte? ... Diese überaus tolle Idee, daß ich meine Embryologenforschungsreise ernst nehmen könnte, führte mich rasch wieder zur Wirklichkeit zurück ... Wieso! ... mein Glücksstern, ein Wunder wollte es, daß ich ein göttlichschönes, reiches und ungewöhnliches Weib traf, daß ich sie liebte und sie mich liebte und mir ein außergewöhnliches Leben anbot, unendliche Genüße, einzig in ihrer Art dastehende Sensationen, ausschweifende Abenteuer, eine freigebige Gönnerschaft ... das Heil ... und mehr als das Heil ... Lebensfreude! ... Und ich sollte mir dies alles entgehen lassen! ... Der Dämon der Perversität sollte wieder einmal sich ins Mittel legen - dieser thörichte Dämon, dem ich all mein Unglück verdankte, da ich ihm thörichter Weise gehorchte - um mir heuchlerisch Widerstand gegen ein unerwartetes Erreignis, das an Feenmärchen grenzte, anzurathen, gegen ein Glück, das sich mir nie wieder bieten würde und dessen Verwirklichung ich im tiefsten Innern inbrünstig wünschte? ... Nein, ... nein! ... Das wäre schließlich doch zu dumm gewesen!

- Sie haben Recht, sagte ich zu Clara, indem ich auf die Rechnung verliebten Unterliegens meine Unterwürfigkeit setzte, die im Grunde nur eine Folge meiner faulen und ausschweifenden Instinkte war, - Sie haben Recht ... Ich wäre Ihrer Augen, Ihres Mundes, Ihrer Seele ... dieses ganzen Paradieses und dieser ganzen Hölle, die in Ihnen liegt, nicht würdig ... wenn ich noch länger zögerte ... Und dann ... ich brachte es auch nicht fertig ... ich könnte Dich nicht verlieren ... Ich kann mir alles ausdenken, nur dies nicht ... Du hast Recht ... Ich gehöre Dir an; führe mich wohin Du willst ... Laß mich leiden ... sterben ... was thut das! ... da Du, Du, die ich noch nicht kenne, mein Schicksal bist! ...

- O Baby! ... Du Baby! ... Du Baby! ... rief Clara in einem eigenartigen Ton, dessen wirklichen Inhalt ich nicht ausfindig machen konnte und folglich nicht wußte, ob es Freude, Ironie oder Mitleid war!

Dann empfahl sie mir fast mütterlich:

- Jetzt ... kümmern Sie sich um nichts Anderes als glücklich zu sein ... Bleiben Sie hier ... betrachten Sie die wundervolle Insel ... Ich werde mit dem Commissär Ihre neue Lage an Bord regeln ...

- Clara ...

- Fürchten Sie nichts ... Ich weiß schon was ich zu sagen habe ...

Und als ich einen Einwurf wagte, fügte sie hinzu:

- Still! ... Sind Sie nicht mein Baby, liebes Herzchen? ... Sie müssen gehorchen ... Und dann wissen Sie ja nicht ...

Darauf verschwand sie, indem sie sich in die Menge der Reisenden, die sich auf dem Verdeck drängten, mischte, und von denen schon viele ihr Gepäck und ihre sieben Sachen in der Hand hielten.

Wir hatten beschlossen, daß wir die beiden Tage, die das Schiff in Colombo vor Anker blieb, zusammen die Stadt und Umgebung besichtigen wollten, wo sich meine Freundin schon einmal eine Zeit lang auf gehalten hatte und sich folglich prächtig auskannte. Es herrschte eine verzehrende Hitze, die so glühend war, daß auch die frischesten Orte - vergleichsmäßig natürlich - dieses furchtbaren Landes, in das die Gelehrten das irdische Paradies verlegten, nämlich die Gärten am Ufer der Gestade, mir wie erstickende Hitzöfen vorkamen. Die Mehrzahl unserer Reisegefährten wagte es nicht, dieser Feuertemperatur Trotz zu bieten, da sie keinerlei Lust zum Ausgehen verspürten und sich nicht einmal rühren wollten. Ich sehe sie noch, lächerlich und stöhnend in der großen Halle des Hôtels, den Schädel mit nassen, dampfenden Tüchern bedeckt, ein eleganter Apparat, der alle Viertelstunden erneut wurde und den edelsten Theil ihres Individuums in eine Ofenröhre mit einem Dampfdeckel gekrönt, verwandelten. Auf Schaukelstühlen ausgestreckt, unter der Punka, mit schmelzendem Gehirn und aufgetriebenen Lungen, tranken sie Eislimonaden, die ihnen von den Boys bereitet wurden. Letztere erinnerten durch ihre Hautfarbe und ihren Körperbau an die naiven Biedermänner aus Pfefferkuchen, die man auf unseren Pariser Jahrmärkten sieht, während andere Boys mit demselben Teint und dem gleichen Aussehen durch kräftige Fächerschwingungen ihnen die Mücken fernhielten.

Was mich betrifft, fand ich - vielleicht ein wenig allzurasch - meinen ganzen Frohsinn und selbst meine spöttische Stimmung wieder. Die Skrupel hatte ich fallen gelassen; ich litt nicht mehr unter poetischen Übligkeiten. Von meinen Sorgen befreit, meiner Zukunft sicher, wurde ich wieder der Mann, der ich war, als ich Marseille verließ, der thörichte und widerspruchsvolle Pariser, "der sich nichts vormachen läßt", der Boulevardier, "der sich nicht so leicht verblüffen läßt", der Natur seine Meinung zu sagen versteht ... selbst den Tropen! ...

Colombo erschien mir als eine tödtlich langweilige Stadt, ohne malerische Schönheit und ohne Geheimnis. Als ich dieses halb protestantische, halb buddistische Nest sah, das verblödet wie ein Bonze und trübtümplig wie ein Pastor ist, beglückwünschte ich mich innerlich, überfroh, daß ich durch ein Wunder der entsetzlichen Langweile ihrer engen Straßen, ihres unbeweglichen Himmels und ihrer harten Vegetation entronnen war ... Ich machte spöttische Bemerkungen über die Kokusbäume, die ich mit häßlichen, kahlen Flederwischen verglich, wie ich alle die anderen großen Pflanzen beschuldigte, von trübseligen Kaufleuten aus bemalter Leinwand und lackirtem Zink hergestellt zu sein ... Bei unseren Spaziergängen auf Slave-Island, dem Bois de Boulogne dieser Gegend, und in Pettah, das sein Mouffetard-Viertel ist, begegneten wir nur schrecklich operettenhaften Engländerinen, die in helle, halb hinduartige, halb europäische Kostüme gezwängt waren, was einen carnevalartigen Eindruck machte, und Singalesinnen, die noch schrecklicher als die Engländerinnen aussahen, mit zwölf Jahren alt sind, runzelig wie getrocknete Pflaumen, verzerrt wie hundertjährige Weinreben, schäbig wie zerstörte Strohdecken, mit blutendem Zahnfleisch, den von Arecknüssen verbrannten Lippen und den Zähnen, die einer alten Pfeife gleich gefärbt sind ... Ich suchte vergebens die wollüstigen Weiber, die Negerinnen mit den geschickten Liebeskniffen, die kleinen lustigen Spitzenmacherinnen, von denen mir dieser Lügner von einem Eugène Mortain mit ausdrucksvoll zwinkernden Augen gesprochen hatte ... Und ich beklagte von ganzem Herzen die armen Gelehrten, die mit dem problematischen Auftrag das Geheimnis des Lebens zu entdecken, hieher gesandt werden.

Aber ich begriff, daß Clara an diesen leichten und groben Späßen keinen Geschmack fand und hielt es für klug mir in dieser Hinsicht Zwang aufzulegen, da ich sie nicht in ihrem inbrünstigen Naturkultus verletzen, noch mich in ihren Augen herabsetzen wollte. Zu wiederholten Malen hatte ich bemerkt, daß sie mich peinlich berührt und erstaunt anhörte.

- Weshalb sind Sie denn so lustig? fragte sie mich ... Ich will nicht, daß man so lustig sei, liebes Herzchen ... Das schmerzt mich ... Wenn man lustig ist, liebt man nicht ... Die Liebe ist eine ernste, traurige und tiefe Sache ...

Dies hinderte sie übrigens nicht bei jedem noch so unbedeutenden Anlaß in Lachen auszubrechen ...

So bestärkte sie mich sehr in einer Mystification, die ich mir ausgedacht hatte.

Unter den Empfehlungsbriefen, die ich aus Paris mitgebracht hatte, befand sich einer an einen gewissen Sir Oskar Terwick, der zahlreiche wissenschaftliche Titel besaß und außerdem in Colombo der Präsident der Association of the tropical embryology and of the british entomology war. Im Hôtel, wo ich mich nach ihm erkundigte, erfuhr ich, daß Sir Oskar Terwick in der That ein bedeutender Mann sei, der Verfasser berühmter Arbeiten, mit einem Wort, ein sehr großer Gelehrter. Ich beschloß also ihn aufzusuchen. Ein solcher Besuch konnte keine Gefahr für mich enthalten und außerdem machte es mir Spaß einen wirklichen Embryologen kennen zu lernen und mit ihm in Berührung zu kommen. Er wohnte weit draußen in einer Kolpetty genannten Vorstadt, die sozusagen das Passy von Colombo ist. Dort besitzen inmitten dichter Gärten, die mit den unvermeidlichen Kokuspalmen geschmückt sind, die reichen Kaufleute und angesehenen Beamten der Stadt ihre geräumigen und bizarren Villen. Clara wünschte mich zu begleiten. Sie wartete im Wagen in der Nähe vom Hause des Gelehrten auf mich, auf einem durch riesige Teckbäume geschützten Plätzchen.

Sir Oskar Terwick empfing mich höflich - aber nicht mehr als das.

Er war ein langer, schmächtiger, trockener Mensch mit hochrothem Gesichte, dessen weißer, gleich einem Ponnyschweif viereckig geschnittener Bart bis zum Nabel herabreichte. Er trug eine weite gelbe Seidenhose, sein behaarter Oberkörper war in eine Art von hellem Wollenshawl gekleidet. Er las ernst den Brief, den ich ihm übergab, sah mich scheel und mißtrauisch an - mißtraute er mir oder sich selbst? - dann fragte er mich:

- You ... seid ... Embryologist? ...

Ich verneigte mich zustimmend ...

- All right! gluckste er ...

Dann machte er eine Bewegung, als ob er ein Netz durch das Meer zöge und begann von Neuem:

- You ... seid Embryologist? ... Yes ... You.. so, so ... in die Meer ... fish ... fish ... little fish?

- Little fish ... selbstverständlich ... little sish ... bestätigte ich, indem ich die nachahmende Geberde des Gelehrten wiederholte.

- In die Meer? ...

- Yes! ... Yes ...

- Sehr interessant! ... sehr hübsch ... sehr curious ... Yes!

Während er in dieser Weise weiter kauderwälschte und wir beide fortfuhren unsere imaginären Netze "durch die Meer" zu ziehen, - führte mich der angesehene Gelehrte vor eine Bambuscousole, auf der drei mit künstlichen Lotusblüthen geschmückte Gipsbüsten standen. Nachdem er nacheinander mit dem Finger auf sie deutete, stellte er mir sie in einem ernsten Tone von so komischer Wirkung, daß ich fast in Lachen ausgebrochen wäre, vor.

- Master Darwin! ... sehr große Nat'ralist ... sehr, sehr ... große! ... Yes! ...

Ich grüßte ehrerbietigst.

- Master Haeckel ... sehr große Nat'ralist ... Nicht so wie er! ... Aber sehr große! ... Master Haeckel hier ... so, so ... er ... in die Meer ... little fish ...

Ich grüßte noch tiefer. Und mit lauter Stimme schrie er, indem er eine ganze krebsrothe Hand auf die dritte Büste legte:

- Master Coquelin! ... sehr große Nat'ralist ... von Miuseum ... wie nennt ihr? ... von Miuseum Grévin [Pariser Wachsfigurenkabinet]... Yes! ... Grévin'! ... sehr hübsch ... sehr curious! ...

- Sehr int'ressant! bestätigte ich.

- Yes! ...

Daraufhin verabschiedete er mich.

Ich berichtete Clara diese seltsame Zusammenkunft, mit allen Einzelheiten und mimischer Darstellung ... Sie lachte wie eine Närrin.

- O Baby! ... Du Baby ... Du Baby ... Sie sind ein komischer, lieber kleiner Schlingel! ...

Dies war die einzige wissenschaftliche Episode meiner Forschungsreise. Und da begriff ich denn, was es mit der Embryologie für eine Bewandtnis hatte!

Am nächsten Morgen stachen wir, nach einer wilden Liebesnacht, in See, mit der Bestimmung nach China.

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